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Neue Ideen für den Küstenschutz 

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Neue Ideen für den Küstenschutz 

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Durch den Klimawandel und ansteigenden Meeresspiegel geraten die Küsten mehr und mehr in Gefahr. Einzigartige Ökosysteme sind bedroht durch Flut und Erosion. Zum Schutz der Küsten wird nun nach neuen Lösungen gesucht. Wissenschaftler haben nun ein EU-Forschungsprogramm namens Theseus gestartet, um herauszufinden, wie unsere Küsten gesichert werden können. Projektkoordinatorin ist Barbara Zanuttigh. “Der Schlüssel für einen erfolgreichen Küstenschutz ist die Nachhaltigkeit”, meint sie. “Wir müssen Schutzmaßnahmen entwickeln, die nicht nur effektiv sondern auch umweltfreundlich sind.”

Doch die Zeit drängt, der Meeresspiegel steigt – und davor warnt nicht nur Fernando J Méndez, Professor an der Universität von Cantabria: “Die Auswertung aktueller Satellitendaten hat ergeben, das wir momentan einen Anstieg von 3,3 bis 3,5 Millimeter pro Jahr zu verzeichnen haben. Das sind harte Fakten.”
  
Venedig, die versinkende Stadt, ist ein ideales Beispiel, um sich mit Küstenschutz zu beschäftigen. Jahrhunderte lang haben die Venezianer Kanäle gegraben, Flüsse umgeleitet, und tiefer liegende Inseln künstlich aufgeschüttet, um die Lagunenstadt vor dem Untergang zu bewahren. “Sicherlich gibt es in der Lagune von Venedig viele Probleme”, sagt Pierparolo Campostrini, Direktor von CORILA (Corsortium for Coordination of Research Activities Concerning the Venice Lagoon System). “Am bekanntesten ist das Hochwasser. Die Lagune ist aber ein sensibles geologisches und fast einzigartiges System. Ohne spezielle Schutzmaßnahmen wäre die Lagune von Venedig längst verschwunden.”
  
Welche Herausforderung der Küstenschutz hier darstellt, wird umso besser aus der Luft ersichtlich. Das MOSE-Projekt ist eine riesige Gezeitensperranlage, die in wenigen Jahren fertig gestellt sein soll. Doch Pierpaolo Campostrini wählt einen alternativen Ansatz: Er setzt sich mit natürlichen Küstenschutzmaßnahmen auseinander, etwa mit der Aufschüttung neuer Sandbänke oder submarinen Wellenbrechern: “Die submarinen Wellenbrecher sind Teil des Schutzsystems, das wir eigentlich in erster Linie zum Schutz der Strände vor Erosion errichtet hatten. Wir haben aber innerhalb weniger Jahre gemerkt, dass sie zu einer deutlichen Erhöhung der Artenvielfalt geführt haben.”
 
Dieses Labyrinth aus Wasserstraßen und Inseln ist ein wichtiges Rückzugsgebiet für Fische, wie Vögel. Eine der Herausforderungen hier ist es, die Sandbänke vor Bugwellen der Schiffe zu schützen. Campostrinis Team hat nun verschiedene  Maßnahmen getestet, zum Beispiel schwimmende Barrieren: “Hier haben wir die Effektivität der sogenannten ONDARAIL-Barrieren getestet. Sie sind besonders bei hohem Verkehrsaufkommen, wie in diesem Kanal wirksam, wo auch größere Schiffe fahren.”
  
Unterschiedliche Inseln benötigen unterschiedliche Lösungen. Manchmal sind die Barrieren fest, oft aber auch wasserdurchlässig, wie bei Muschel- oder Steinsäcken. Die Wissenschaftler haben detaillierte Vorstellungen davon entwickelt, wie die Sandbänke aufgebaut sind und herausgefunden, dass es nötig ist, sauerstoffreiches Wasser in den Sand eindringen zu lassen. “Das ist höhere Mathematik”, meint Campostrini, “die uns aber auf Basis fraktaler Gleichungen hilft, die komplexen Prozesse zu verstehen. So rekonstruieren wir ein Stück unserer Umwelt, und helfen den Ingenieuren damit die Natur zu bewahren, wo wir sie sonst verlieren würden.”
   
Ein weiteres Beispiel ist Santander. Hier studiert Fernando Mendez, inwieweit der Klimawandel die Wellenhöhe und richtung beeinflusst. Seine Aufgabe im Theseus-Projekt ist es, herauszufinden, wie bestimmte Wellenmuster unsere Küsten verändern. “Um die geomorphologischen Vorgänge am Strand zu verstehen, benötigen wir ein Modell davon, was eigentlich passiert, wenn eine Welle den Uferbereich heraufläuft, sich am Strand bricht und dann auf den Sand aufschlägt”, erklärt er. “In diesem Moment verhält sie sich wie ein Hammer, der die Sedimente auflockert. Anschließend werden die losen Sedimente von der Längs oder Rip-Strömung mitgerissen. So entstehen sowohl Aufspülzonen als auch Erosionszonen. Wenn sich die durchschnittliche Wellenrichtung ändert, dann ändert sich auch die Form des Strandes. Ein Kreislauf entsteht: Sand wird abgetragen und angespült.”
 
Jose Juanes ist ein weiteres Mitglied aus dem Theseus-Teams. Er untersucht Auswirkungen des Klimawandels. Ihm geht es speziell um die Dünen. Da das Hinterland besiedelt ist, können diese nicht landeinwärts wandern. “Einige Dünen haben kaum Platz zum Wandern”, meint er. “Wenn also der Meeresspiegel steigt, dann könnten sie zerstört werden. Doch könnte der Klimawandel auch andere Folgen haben, wie zum Beispiel häufigere und heftigere Regenfälle. Auch dies könnte auf Dauer die Dünen zerstören.”
  
Zunehmende Erosion und Überflutungen sind die zwei Haupteffekte steigender Meeresspiegel. Die Forscher wissen bereits, dass eine ausgeklügelte Kombination aus Technik und nachhaltigen Maßnahmen benötigt wird, um die Küsten erfolgreich zu schützen. “Eine Maßnahme könnte zum Beispiel darin bestehen, die Deiche zu erhöhen, um Überflutungen zu vermeiden”, erläutert Fernando Méndez. “Eine andere Maßnahme wiederum könnte dazu führen, den Strand durch neu aufgespülten Sand wachsen zu lassen.“ 
 
Theseus-Projektkoordinatorin Barbara Zanuttigh beklagt, dass traditionelle Küstenschutz-Methoden oft nicht bloß unzureichend sind: “Mitunter hatten sie auch negative Folgen für die Umwelt. Wir müssen uns also nicht nur um die Küsten selbst kümmern, sondern um unsere Umwelt insgesamt. Wichtig ist es auch, die Bevölkerung mit einzubeziehen, damit sie sich sicher fühlen kann und gleichzeitig eine Bereitschaft entwickelt, die Umwelt, in der sie lebt, zu bewahren.“ Es geht also darum, das Gleichgewicht zu finden und nicht gegen die Natur zu arbeiten, sondern mit ihr.
 

www. theseusproject .eu. theseusproject .eu