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Wie sähe Europa ohne das Geld der Mafia aus?

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Wie sähe Europa ohne das Geld der Mafia aus?

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Interview mit dem Schriftsteller Roberto Saviano

Von Sergio Cantone

Sein Roman “Gomorra” über die kriminellen Clans der Camorra machte Roberto Saviano weltberühmt und trug ihm zahlreiche Literaturpreise ein – und mehrere Morddrohungen. Für “Die Schönheit und die Hölle” wurde er mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. In einem Gespräch mit Euronews erklärt Saviano, wie die Mafia von schwachen Staaten und von der Wirtschaftskrise profitiert.

Roberto Saviano:

“Aus der Wirtschaftskrise haben die stärkeren Mafia-Clans riesige Vorteile gezogen, während die schwächeren Organisationen zu den Verlierern gehören. Doch kriminelle Organisationen wie die nigerianische, die russische, der Casalesi-Clan aus Neapel oder die korsische Mafia haben während der Wirtschaftskrise für Solvenz gesorgt. Dank dieser Solvenz waren die Clans in vielen Bereichen erfolgreich, darunter im Bauwesen und im Bankensystem.”

Euronews:

“Man könnte sagen, dass sie sich auch jetzt als nützlich erweisen, weil sie den Zahlungsverkehr am Laufen halten…”

Roberto Saviano:

“Genau, manchmal denke ich, dass die Krise in Italien und in Europa ohne dieses Geld noch tiefer wäre. Nach Angaben des nationalen italienischen Anti-Mafia-Staatsanwalts macht die Mafia allein in Italien einen Jahresumsatz von einhundert Milliarden Euro. Man muss sich vorstellen, wie viel südamerikanische Kartelle in Spanien umsetzen. Wie also sähe es in Europa ohne das Geld aus, das aus dem Drogenschmuggel kommt?”

Euronews:

“Gehen die Regierungen, insbesondere die italienische, Ihrer Meinung nach wirksam gegen diese Organisationen vor?”

Roberto Saviano:

“In Italien ist der Staat nicht monolithisch, das Land ist komplex. Man kann daher sagen, dass einige Institutionen guten Willen zeigen, in vorderster Front kämpfen, wobei sie ihr Leben riskieren, während andere in das Organisierte Verbrechen verstrickt sind. Ich denke, dass repressive Maßnahmen nicht der richtige Umgang mit diesem Problem sind.”

Euronews:

“Welches wären die richtigen Instrumente?”

Roberto Saviano:

“Der wirtschaftliche und politische Wandel.”

Euronews:

“Wie denn?”

Roberto Saviano:

“Ein Beispiel sind öffentliche Ausschreibungen, bei denen sich die Mafia immer gegen andere Bewerber durchsetzt. Mit dem Geld aus dem Drogenschmuggel kann sie die Kosten drücken.”

Euronews:

“Das aber entspricht der heutigen Wirtschaftslogik, nicht wahr?”

Roberto Saviano:

“Genau. Italien kann allein gar nichts ausrichten. Die Off-Shore-Paradiese sind Steuerparadiese, die vor allem der Mafia gehören.”

Euronews:

“In Italien haben Sie mit der Behauptung eine riesige Kontroverse entfacht, wonach es Verbindungen zwischen der Organisierten Kriminalität und der Lega Nord gibt, die zur Regierungskoalition gehört. Die Partei stellt den Innenminister. Haben Sie Beweise für diese Behauptung?”

Roberto Saviano:

“Ich habe behauptet, dass die N’Drangheta, die Mafia aus Kalabrien, die Macht sowie Institutionen unterwandert. Ich sprach von einer Untersuchung, die zur Zeit stattfindet, die über Kontakte, nützliche Kontakte, Aufschluss gibt. Dahinter steht das Bestreben der Organisierten Kriminalität, auf Wahllisten Einfluss zu nehmen und Politiker zu korrumpieren. Die Ermittler müssen ihre Arbeit tun.”

Euronews:

“Würden Sie uns ein Beispiel nennen?”

Roberto Saviano:

“Den Untersuchungen der Richter Bocassini und Pignatone zufolge sucht die N’Drangheta Zugang zur Lega Nord. Im Zusammenhang mit dem Boss der N’Drangheta in der Lombardei, Pino Neri, ist von der Lega Nord die Rede, er sagt, dass die Mafia die Partei treffen will.”

Euronews:

“Kam die Partei der Mafia entgegen?”

Roberto Saviano:

“Die Mafia traf einen Beirat des Regionalparlaments, der sagte, dass er nicht einmal gewusst habe, wer Pino Neri sei. Die Behörden werden ermitteln. Doch das genügt, um zu begreifen, dass es in Norditalien Kontakte zwischen der Mafia und den Institutionen gibt. Nicht was ich gesagt habe, ist skandalös. Als Skandal gilt, dass ich über eine politische Partei Norditaliens gesprochen habe. Hätte ich über eine Partei Süditaliens gesprochen, wäre das als eine normale Aussage durchgegangen. Denn dass die neapolitanische Mafia, die Camorra, eine lokale Partei aus dem Süden unterwandert, gilt als ein ganz normaler Prozess. Mir ging es nur darum, öffentlich zu äußern, dass niemand glauben sollte, er sei geschützt.”

Euronews:

“Der italienische Innenminister Roberto Maroni steht im Ruf, wirksamer als andere gegen die Mafia vorzugehen. Stimmt das?”

Roberto Saviano:

“Ja, doch das entschiedene Vorgehen gegen die Mafia ist nicht allein Maroni zu verdanken. Es gibt Untersuchungen, die bereits seit vielen Jahren im Gange sind. Der Fall Caserta bei Neapel ist ein Erfolg, ihn jedoch als Sieg über die Mafia darzustellen, ist ein Witz.”

Euronews:

“Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nahm die Organisierte Kriminalität sprunghaft zu. Warum? Was geht da vor?”

Roberto Saviano:

“Einerseits gab es legale Unternehmen, die Investitionen scheuten, weil sie große Verluste fürchteten. Andererseits gab es die Angst der kommunistischen Nomenklatura, die Hebel der Macht zu verlieren. Folglich kam es zu einer Art Zusammenschluss zwischen der Mafia, die Geld mitbrachte, und bestimmten, geschützten Politikern. Die Mafia unterwanderte normale Geschäftsleute, denen vor dem ersten Gang über den üblichen Roten Teppich nicht ganz wohl war. Eine neue Fabrik in Tirana? Die Mafia gab zu verstehen: Gut, viel Erfolg! Dass nichts anderes als Rückschläge und zähe bürokratische Vorgänge zu erwarten seien. Zugleich gab sie zu verstehen, dass in kürzester Zeit mit ihrer Hilfe alles möglich sei. Auf diese Weise wurde die Mafia eine Art zentrales Nervensystem für Investoren. Es ist wichtig, zu analysieren, was der Mafia in Osteuropa gelungen ist, denn dort hat sie die Wirtschaft gefördert – übrigens ganz nach den Regeln des Freien Marktes, denn schließlich übernahm sie die Risiken.”

END