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Merkel und die Griechen

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Merkel und die Griechen

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Womit trifft man folglich einen führenden Politiker der Bundesrepubilk Deutschland am schmerzlichsten? Mit Hakenkreuzbildern. “Nazis raus” riefen diese Demonstranten in Athen im Februar. Wen meinten sie damit? Die eigenen Neo-Nazis von der Partei “Goldene Morgenröte”? Wohl eher nicht. Keine historische Erinnerung weckt in Griechenland so intensive Emotionen wie jene an die nazi-deutsche Besatzung im II. Weltkrieg.
Da wird dann auch die griechische Fahne auf der Akropolis wieder zum Symbol des Widerstandes. Denn die hatte der bis heute als Held verehrte Manolis Glezos im Mai 1941 dort anstelle der verhassten Hakenkreuzfahne gehisst.
Die Bundeskanzlerin in Nazi-Uniform – auf so grob beleidigende Bilder folgen zwangsläufig
ähnlich unsensible Reaktionen. Der Stinkefinger auf dem Titelblatt eines deutschen Nachrichtenmagazins – und schon kam die nächste Umdrehung des Eskalationsspirale:
Griechische Verbraucherverbände riefen zum Boykott deutscher Waren auf.
Dabei war Griechenland bislang eines der beliebtesten Urlaubsländer für die Deutschen.
Für die griechische Tourismusbranche waren diese Gäste eigentlich eine feste Größe in der Geschäftsbilanz. Doch die fühlten sich nicht mehr so wohl, wie es im Juni Jürgen Stegner ausdrückte:
“Wir haben durchaus gewisse Ängst, was die Situation in Griechenlang angeht. Wir haben es sogar vermieden, typisch deutsche Kleidung zu tragen, wir wollen uns nicht unbedingt als Deutsche outen, weil ich glaube, dass momentan die Deutschen etwas kritisch beäugt werden. Wobei es wesentlich besser wäre, wenn die Griechen sich selbst etwas kritisch hinterfragen würden.”
Man mag es paradox finden:
Gleichzeitig berichtet der Direktor des Goethe-Institutes in Athen, Athanasios Syrianos, von wachsendem Andrang bei deutschen Sprachkursen.
“ Wir verzeichnen höhere Besucherzahlen im Goethe-Institut, auch andere Schulen für deutsche Sprache haben mehr Zulauf. “ Daraus schlußfolgert er, dass die negativen Töne in diversen Medien keineswegs die Gefühle aller Griechen widerspiegeln, nicht alle Griechen würden Deutschland negativ sehen. Bei vielen Griechen richtet sich der Zorn denn auch eher gegen die Troika der Geldgeber oder gegen die Europäische Union – wie bei diesen Rentnern, die jüngst eine EU-Fahne verbrannten.
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euronews
Wie wir gesehen haben, hat der Besuch von Angela Merkel in Athen Demonstranten auf die Straßen gerufen. Was wollen die erreichen? Das fragen wir den griechischen Politikjournalisten
Stamatis Giannisis. Angela Merkel hatte keine Zugeständnisse im Gepäck, was also erwarten Experten von dem Besuch?

Stamatis Giannisis
Die griechischen Offiziellen hatten von Anfang an klar gemacht, dass Frau Merkel keineswegs mit Geschenken nach Athen kommen werde. Sie kam, sie wollte mit ihrem Besuch ihre Solidarität demonstrieren gegenüber der griechischen Regierung und deren Bemühungen, Reformen voranzutreiben. Natürlich kann man nicht erwarten, dass aus diesem Besuch sofort politische oder ökonomische Wirkungen erwachsen.
Alle diese Themen müssen beim EU-Gipfel diskutiert werden. Und Frau Merkel hat auch klar gemacht, dass Griechenland mehr Einsatz bei den Reformen zeigen muss, damit sie grünes Licht für einige Zugeständnisse geben kann.

euronews
Wird der griechische Regierungschef versuchen, langfristig Zugeständnisse zu erreichen?

Stamatis Giannisis
Langfristig sicher, aber nicht jetzt.
Mister Samaras muss als Regierungschef alle Entscheidungen durch´s Parlament bringen. Er ist Ministerpräsidente einer Drei-Parteien-Koalition und hat einen sehr schweren Stand. Für solche Maßnahmen wie Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst, all die strengen Sparmaßnahmen, ist nur sehr schwer die Zustimmung des Parlaments zu bekommen. Obwohl auch immer wieder orakelt wurde, der Ministerpräsident werde Ausfälle in seiner Koalition hinnehmen müssen, ist es bisher doch immer gelungen, die Maßnahmen durchzusetzen.

euronews
Der Besuch wird als Geste der konservativen Bundeskanzlerin für den Chef der griechischen Konservativen angesehen. Wie groß sind dessen Probleme mit seinen Koalitionspartnern?

Stamatis Giannisis
So wie die Koalition sich jetzt darstellt, kann man es schon als o.k. einschätzen, das Paket mit den Sparmaßnahmen wird im Parlament die nötige Zustimmung bekommen. Es bleibt aber eine schwierige Allianz. Je weiter die Zeit fortschreitet und es an die Umsetzung der Maßnahmen geht, um so mehr wird es in der Koalition Ärger geben.
Trotzdem – es sieht danach aus, dass die Koalition hält, zumindest bis die Sparmaßnahmen vom Parlament genehmigt sind.