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Investitionsstau in Russland: "Wir müssen die Gesetzgebung ändern, wo sie nicht funktioniert"

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Investitionsstau in Russland: "Wir müssen die Gesetzgebung ändern, wo sie nicht funktioniert"

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In den frühen 90er Jahren wirkte Russland auf viele ausländische Unternehmer und Investoren wie der “Wilde Osten”. Trotzdem zog der Friseur Jean-Noël Lemond im Jahr 1993 von Paris nach Moskau, um den ersten russischen Salon der Firma Jacques Dessange zu betreiben. Und 20 Jahre später ist der “Barbier von Paris” immer noch in Russland …

Jean-Noël Lemond, ICON Paris:

“Alles ist sehr kompliziert, alles ist schwer, aber man kann eine Menge bewegen. Alles geht hier schneller.”

Irgendwann wurde ihm das russische Leben zu stressig, er zog nach Frankreich zurück. Aber im letzten Jahr war er wieder da: Um seinem eigenen Salon (Icon Paris) in Moskau zu eröffnen, auch wenn…

Jean-Noël Lemond:

“….es ein Ding der Unmöglichkeit ist, hier als Ausländer Unternehmer zu sein. Wenn man nicht, sagen wir mal, lokale Unterstützer hat …. Jeder sagte, ja, Russland, da gibt es die Mafia …. Nein, es gibt keine Mafia .. Es gibt nur organisierte Menschen und unterschiedliche Organisationen, die sind transparent oder weniger transparent. Alles funktioniert als eine Art doppelter Markt.”

Während des letzten Jahrzehnts wurden Risiken und Schwierigkeiten wie Bestechung, Korruption, schwacher Rechtsstaat, der Mangel an moderner Infrastruktur in den Augen vieler ausländischer Investoren und Unternehmen neutralisiert durch die Öl-befeuerte Dynamik der Wirtschaft und enorme Marktchancen.

Russlands Reservefonds, gespeist aus Öl-und Gas-Einnahmen, half im Kampf gegen die Krise von 2008-2009. Aber die Krise kommt zurück: in diesem Jahr sind bisher mehr als 900 Millionen Euro aus Russland-Aktienfonds abgezogen worden – schätzungsweise 8 Prozent der Russland-Anlagen. Und in diesem Monat jetzt warnt die russische Regierung schon wieder vor einer Rezession in der zweiten Jahreshälfte.

Wie kann Russland Vertrauen zurückgewinnen? Themen beim jährlichen Forum Russia 2013, der Investment-Konferenz der größten russischen Bank Sberbank.

Jean-Michel Six, Chefvolkswirt Europa, Standard & Poor’s: 


“Sehr hohe Ölpreise verschleiern die strukturellen Schwächen der russischen Wirtschaft, alles scheint gut. Aber wenn der Ölpreis fällt, erkennt man, dass die Diversifizierung der russischen Wirtschaft kaum vorankommt.”

Für Maria Gordon, Executive Vice President von PIMCO (Pacific Investment Management Company), die ein Emerging Markets Equity-Portfolio-Management-Team leitet, ist die Krise eine gute Gelegenheit für die Regierung, Reformen in Gang zu setzen.

Maria Gordon:

“Das verlangsamte Wachstum ist ein zyklisches Phänomen. Wenn es dazu taugt, die russische Wirtschaft in Richtung Wandel zu bewegen, dann wäre das vielleicht in naher Zukunft schmerzhaft, weil die Wirtschaft weniger wächst oder gar schrumpft. Mittelfristig wäre aber positiv, wenn die Regierung die bittere Medizin verabreicht und vielleicht einige strukturelle Reformen vorankommen.”

Schwächen in Rechtssystem und Eigentumsschutz sind die wichtigsten strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft – da waren sich die Teilnehmer des Forums weitgehend einig.

Ruben Vardanian, Sberbank:

“Russische Unternehmen sind derzeit unterbewertet, im Vergleich etwa zu brasilianischen oder indonesischen. Das bedeutet, dass Investoren unsere Unternehmen schlechter bewerten als es fair wäre – warum? Weil der Rechtsstaat fehlt mit klaren und gemeinsamen Regeln für alle.

Das kann man nicht übergehen, auch wenn man nicht dieser Meinung ist. Investoren sind davon überzeugt. Wir müssen versuchen, sie zu verstehen, ihnen zu erklären, wo sie nicht recht haben und die Gesetzgebung ändern, wo sie nicht funktioniert.”

Die Abstimmung ausländischer Investoren und reicher Russen per Banküberweisung scheint also im Finanzsystem angekommen zu sein: Nach Zahlen der Zentralbank sind 2012 mehr als 40 Milliarden Euro aus Russland abgeflossen.

Natalia Marshalkowich, euronews:

“Russland ist immer noch attraktiv für ausländische Investoren und ausländische Unternehmen. Aber die Ära der hohen, sogar immensen Ölpreise scheint vorbei – Ideen gefragt.”