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Mit ernsten Spielen Spaß am Lernen - Lernspiele sind auf dem Vormarsch

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Mit ernsten Spielen Spaß am Lernen - Lernspiele sind auf dem Vormarsch

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“Serious games” – ernste Spiele also, klingt wie ein Widerspruch in sich. Aber diese Lernspiele halten Einzug in die Klassenzimmer. Die Idee dahinter: Das Lernen soll interaktiver werden. Wie also funktioniert das? Und was halten Schüler und Studenten von der Idee? Das finden wir in dieser Woche bei Learning World heraus.

Der Ausdruck “ernste Spiele” bezieht sich ursprünglich auf Kartenspiele oder Brettspiele. Aber mehr und mehr sind damit Computerspiele mit einer didaktischen Ausrichtung gemeint. Aber kann Computerspielen wirklich eine erzieherische Wirkung haben und gerade bei jungen Leuten gegen die normalen Computerspiele konkurrieren? Wir haben Experten der MIT Game lap gefragt.

Ernsthaft spielen

An der MIT in Boston, einer der angesehensten und fortschrittlichsten technischen Unis weltweit beginnt der Tag mit …. Würfeln und Kartenspielen.
Im “Game lab” – also im Spiele-Labor, arbeiten Lehrer und Studenten am Lernspiel “ der Zukunft.

Zachary Sherin, steht vor dem Vordiplom. Er sagt, dass veraltete Lernmethoden mit Textbüchern von neuen, interaktiven Medien verdrängt werden. Spiele haben das Potential, die Aufmerksamkeit der Leute zu fesseln, und zwar bei einem Thema, das sie normalerweise nicht interessiert.

Zach ist Student und Programmierer – er hat das Spiel “Die langsamere Lichtgeschwindigkeit – A Slower Speed of Light” mitentwickelt. Es erklärt nicht nur die Lichtgeschwindigkeit, es ist sogar möglich, buchstäblich in sie einzutauchen.

Man kann sich kaum vorstellen, wie die Welt aussehen würde, wenn sie sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, erklärt Zach. In dem Spiel bekommt man einen Eindruck davon.”

Der Begriff “ernste Spiele” oder Lernspiele kam 1970 in den USA auf. Beim Spielen lernen – das Konzept ist also nicht neu. Im Zuge der Digitalisierung entwickelten sich nur mehr Möglichkeiten.

Uni-Absolvent Steven Scirra, sagt: es gibt Millionen Menschen, die Videospiele lieben. Wenn es uns gelingt, dieses Publikum zu fassen zu kriegen – und zwar mit Lernspielen – dann können wir den Leuten beim Lernen helfen. Ich denke eher, man sollte sich bewusst sein, warum man ein bestimmtes Spiel wählt, so Steven.

Konstantin Mitgutsch ist Wissenschaftler und schreibt gerade an seiner Dissertation. Er meint, dass das Ganze ziemlich knifflig ist. Denn man muss das Wissen auf eine neue Art und Weise nahe bringen. Man has ein ziemlich lustiges Spiel und dem muss dann eben ein bisschen Wissen hinzugefügt werden.

Konstantin and Steven haben zusammen an dem Spiel “Movers and Shakers” – “Macher” gearbeitet. Es geht dabei um Arbeitsethik. Man schlüpft zum Beispiel in die Rolle eines Firmenchefs.

Beide denken, dass der Hype um die Lernspiele noch einmal einen Sprung nach vorne bedeuten könnte. Gelingt es den Entwicklern, ein Lernspiel zu schaffen, das die Menschen ebenso anspricht, wie ein normales Computerspiel?

Wichtig dabei sind, so Kostantin, gute Spiele. Schlecht gemachte Spiele können wir nicht gebrauchen. Ein langweiliges Lernspiel schadet dem Markt. Denn wenn Studenten oder Kinder es spielen und sagen: Wir wollen keine Lernspiele, dann haben wir verloren.

Sarah Verilli hat für Unternehmen gearbeitet, die kommerzielle Computerspiele entwerfen. Ihre Vision von der Zukunft der Lernspiele ist klar:
Wir lernen immer noch dazu, was die Leute von den Spielen mitnehmen, sagt Sarah. Denn es ist etwas anderes, wenn man aus Büchern lernt. Ich denke nicht, dass Bildung nur noch aus Lernspielen bestehen wird, aber ich denke, dass man sich auf verschiedene Arten bilden kann.

Nicht nur zum Spaß

Viele Länder haben nicht nur damit begonnen, Computerspiele in ihren Klassenzimmern einzuführen. Sie animieren Schüler und Studenten auch dazu, ihre eigenen Spiele zu entwerfen. Das Consolarium in Schottland ist ein staatliches Zentrum, das Bildung, die auf Computerspielen basiert, fördert. Wir haben die Schule besucht.

Können unsere Kinder etwas von Videospielen lernen? Ja, heißt die Antwort aus Schottland. 2006 wurde das “Consolarium” gergründet. Es bietet Lernmethoden an, die auf Video-Spielen basieren. Seit 300 Jahren hat Schottland sein eigenes Bildungssystem, unabhängig vom Rest Großbritanniens.

Wir besuchen eine Grundschule in Kirkcaldy, etwa eine halbe Stunde von Edinburgh entfernt. Jennifer Harveyn war die erste Lehrerin, die Videospiele im Unterricht in der St Marie’s Grundschule eingeführt hat. Seit Januar bekommen Sechsjährige den Unterrichtsstoff mit Computerspielen vermittelt.

Die Kinder lernen wirklich lesen mit den Nintendo-Konsolen, sagt Jennifer Harveyn. Und sie kümmern sich um eine virtuelle Figur, passen auf, wenn sie aus dem Ei schlüpft, dass sie wächst. Diese Fähigkeiten brauchen sie auch im wahren Leben, also zum Beispiel, wenn sie auf ein Haustier oder jüngere Kinder aufpassen. Einige Schüler haben ein kleines Geschwisterchen zu Hause,und jetzt wissen sie, was so ein Neugeborenes braucht.

Laut Organisator Derek P. Robertson gab es viele Zweifel, als das “Consolarium” vor sieben Jahren gegründet wurde. Für viele war es Zeitverschwendung. Aber nach und nach wurde das System in vielen Ländern zum Erfolg, zum Beispiel auch in Australien oder Indien.

Derek P. Robertson erklärt das System: Wir haben eine Datenbank aufgebaut, auf die die Schulen zugreifen können. In Schottland haben wir ein nationales Datennetz, wir nennen es Glow – Leuchten. Jeder Lehrer und jeder Schüler kann darauf zugreifen. Er selbst hat eine Community gegründet, Lehrer können dort mitmachen und nachsehen, was an Spielen angeboten wird. Bei Bedarf können sie sich die Spiele dann ausleihen.

Die Lehrer erzählen, dass die Reaktion der Eltern positiv ist. Kinder verbessern ihre Fähigkeiten, indem sie mit Hilfe der Spiele rechnen, lesen und schreiben. Nach Ansicht der stellvertretenden Schulleiterin Marie Hagney sollten die Kinder mindestens sechs Jahre alt sein, wenn sie eine solche Konsole in die Hände bekommen. Dann haben sie schon Grundlagen beim Lesen, Schreiben und Rechnen.

Das Fazit lautet: Videospiele halten nicht vom Lernen ab, sondern bereichern es.

Das “Consolarium” legt Wert darauf, dass die Kinder bei den Computerspielen selbst kreativ sind und sie nicht nur konsumieren. Die neueste Bildungsinitiative aus Schottland arbeitet mit Schulen zusammen, hinterfragt aber auch die Auswirkungen der virtuellen Welt.

Eine virtuelle Welt für das wahre Leben

Nicht nur Schulkinder lernen mit Computerspielen. Die nächste Reportage aus Deutschland zeigt, dass viele verschiedene Menschen von den Spielen profitieren können, sowohl Studenten als auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen – und sogar erwachsene Berufstätige.

Ein Supermarkt außerhalb von Berlin trainiert sein Personal mit dem Spiel “Virtueller Supermarkt” und macht die Angestellten so fit für die Arbeit.
Sie beginnen als Aushilfe und steigen immer weiter auf, bis zum Vertriebsleiter.
Ein 21-Jähriger Azubi lernt bei dem Spiel Dinge, von denen er nie zuvor gehört hat und glaubt, dass ihm das bei seinen Prüfungen hilft und irgendwann auch in seinem Job.

Die Kunden werden einfach immer anspruchsvoller, erklärt der Auszubildende Felix Pfitzmann. Es gibt immer mehr Produkte und dadurch dass es immer mehr Produkte gibt muss man sich auch immer mehr Wisse aneignen.

In der Realität muss unser Azubi viele Kunden-Fragen beantworten, etwa: “Wie sehe ich, dass diese Ananas reif ist”? Im Spiel lautet die richtige Antwort: Sehen können Sie es nicht, nur riechen.

Natürlich lernt der Azubi auch vom Vertriebsleiter des Supermarkts, aber das Spiel kombiniert das Lernen mit Unterhaltung.

Martina Walter, Vertriebsleiterin des Supermarktes, ist begeistert. Der virtuelle Supermarkt motiviert zum Lernen, sagt sie. Das ist ein Anreiz, man erreicht was, man kommt vorwärts. Das ist modernste Technik, die Jugendliche wirklich auch annehmen. Es macht einfach nur Spass, richtig doll Spaß.“

Auch in Deutschland werden Lernspiele in der schulischen Bildung immer wichtiger. Mit einer Software können Kinder zwischen fünf und sieben Jahren die deutsche Sprache – Wörter, Satzbau, Phonetik – in einer virtuellen Welt entdecken. Und zwar mit Hilfer zweier Protagonisten: den “Schlaumäusen”. Sie sagen, ob die Antwort falsch oder richtig ist. So sollen die sprachlichen Fähigkeiten ab dem Kleinkindalter verbessert werden. Viele Lehrer in Deutschland beklagen sich nämlich über mangelnde Sprachkompetenz der Erstklässler.

Spiele-Desinger Thomas Schmidt aus Berlin erklärt, worum es ihm ging, als er die Software zu den Schlaumäusen entwickelt hat: Wir haben versucht, zwei Welten miteinander zu verbinden. Einmal die Welt der Kinder, Computerspiele, Apps, das kennen die Kinder, kleine Spiele. Und auf der anderen Seite unser lerntheoretischer Ansatz. Wir haben genau angeschaut, was man braucht, um die deutsche Sprache gut zu lernen. Phonologisches Bewusstsein, Satzbau und Wortschatz. Und das haben wir verknüpft.

Wie in jedem Spiel geht es auch hier ums Gewinnen. Von einem Level ins nächste aufzusteigen heißt, sich Wissen anzueignen und sprachliche Schwierigkeiten zu überwinden.

Über 8 000 Kindergärten in Deutschland, auch solche mit Kindern, die eine besondere Förderung brauchen, nutzen das Spiel.

Jana Fenner ist Erzieherin in Berlin und musste besorgte Eltern beruhigen, denn es gab viele Fragen zu dem Umgang mit dem Computer. Seitdem die Eltern wissen, dass die Kinder nur gezielt ran dürfen, kommt es sehr positiv an. Die Eltern haben sich auch den Zuganscode geholt, manche nützen es zu Hause, so Jana Fenner.

Anscheinend spielt heutzutage jeder Lernspiele. Was ist mit Ihnen? Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit.