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Wie global ist radikal-islamischer Terrorismus?

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Wie global ist radikal-islamischer Terrorismus?

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Der Schock ist noch nicht verwunden. Dieser Überfall auf ein Einkaufszentrum in Nairobi, auf wehrlose Zivilisten, hat wieder einmal vorgeführt, wie verwundbar moderne Staatssysteme sind. Und es hat die große Gefahr deutlich gemacht, die in ungelösten Konflikten schlummert. Denn die Attentäter aus der somalischen Al-Shabaab-Miliz sind gewissenmaßen der jüngste Zweig am Baum des weltweit real existierenden radikal-islamischen Terrorismus.

Das Horn von Afrika samt der Gewässer davor ist wegen der ungelösten Konflikte so eine gefährliche Zone. In diesem Fall hat die Militäraktion der Afrikanischen Union von 2011, bei der Äthiopien und Kenia eine besondere Rolle spielten, ein schwelendes Feuer neu entfacht. Zur Unterstützung einer extrem schwachen somalischen Staatsmacht rückten diese fremden Truppen in Somalia ein. Al-Shabaab steht für all jene, die die ausländischen Truppen, besonders die Kenianer, als Besatzungmacht wahrnehmen. Ganz in diesem Sinne drohte der Sprecher der Al-Shabaab-Milizen schon wenige Tage nach dem Einmarsch im Herbst 2011, wenn die fremden Soldaten nicht schleunigst aus Somalia verschwinden würden, hätten seine Leute nur eine Botschaft an die Regierung von Kenia: “Wenn ihr gegen uns kämpft, bekommt ihr die Folgen zu spüren. Und wir haben die bessere Kampferfahrung.”

Neuerdings ist auch von internen Auseinandersetzungen die Rede. Der Angriff auf das Einkaufszentrum in Nairobi wird der Gruppe um Ahmed Godane zugeschrieben, die den Terror ins Land der Besatzer tragen will. Die andere Fraktion will sich eher auf den Aufbau und Schutz eines Gottesstaates im eigenen Land konzentrieren. Das Wort “Shabaab” bedeutet “Jugendbewegung”. Als solche entstand die Miliz in der Zeit der “Union der islamischen Gerichte” in Somalia. Deren im Vergleich zu ihrer radikalen Jugend eher moderaten Kräfte wurden Ende 2006 im Zuge von Grenzstreitigkeiten von Truppen aus dem benachbarten Äthiopien vertrieben. Mit amerikanischer Billigung und Hilfe. Das hatte die Radikalisierung der Jugend und die Gründung von “Al Shabaab” zur Folge.

Wir befragten Valentina Soria von der Jane’s Information Group zu Al-Shabaab.

euronews:
“Al-Shabaab ist durch die Geiselnahme in dem Einkaufszentrum in Nairobi in die Aufmerksamkeit der Welt gerückt. Hat die Planung und die Ausführung des Angriffs die westlichen Sicherheitsdienste überrascht?”

Valentina Soria:
“Bis zu einem gewissen Grad, ja. Ich glaube, die westlichen und die kenianischen Sicherheitsdienste waren sich nicht im Klaren darüber, zu was Al-Shabaab noch fähig sein würde. Nachdem die Al-Shabaab-Miliz aus weiten Teilen Somalias, aus den größeren somalischen Städten, verdrängt worden ist, wurde sie unterschätzt, hauptsächlich was ihre Stärke angeht. Das Ziel war, was wir ein “soft target” nennen, es war also nicht weiter schwierig, in das Einkaufszentrum einzudringen. Die Sicherheitsmaßnahmen um das Zentrum herum waren nicht dazu da, um ein Gebäude gegen eine Terrorattacke zu verteidigen. Es war also kein besonders ausgeklügelter Angriff auf ein schwieriges Ziel.”

euronews:
“Was sagt das über die kenianischen Sicherheitsdienste, dass die Geiselnahme vier Tage andauerte und dass soviel Blut vergossen wurde? Hätten die Kenianer dies vorhersehen können?”

Valentina Soria:
“Die Dauer des Angriffs und der Geiselnahme hat vielleicht sogar die Miliz überrascht. Ich vermute, die Al-Shabaab-Mitglieder wollten etwas Spektakuläres, aber dass es so lange dauern würde, haben sie wohl auch nicht gedacht.
Sie dachten wohl eher, dass die kenianischen Streitkräfte schneller eingreifen würden. Die Reaktion des kenianischen Militärs war langsam. Sie ließen sich wahrscheinlich absichtlich Zeit, weil sie glaubten, man könne eventuell mit den Geiselnehmern verhandeln. Zu diesem Zeitpunkt waren ja noch Geiseln in der Gewalt der Miliz.”

euronews:
“Es heißt, unter den Mitgliedern seien möglicherweise Briten und Amerikaner. Bedeutet das, dass Al-Shabaab sich immer weiter ausbreitet?”

Valentina Soria:
“Al-Shabaab hat in den vergangenen Jahren sich darauf konzentriert, Somalier zu rekrutieren, die im westlichen Ausland leben. Sie haben ihre Bemühungen diesbezüglich wirklich in den letzten zwei bis drei Jahren verstärkt. Dass sie jetzt zum Beispiel Videos über ihre Aktivitäten in englischer Sprache herstellen, ist ein Zeichen für die weiter entwickelte Propagandamaschine der Organisation.”