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Gibt es einen Weg zurück für bekehrte ETA-Täter?

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Gibt es einen Weg zurück für bekehrte ETA-Täter?

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Wie kann man Haftentlassene in die Gesellschaft integrieren, die als Überzeugungstäter gemordet haben? Die Frage beschäftigt derzeit Spanien, es geht um ehemalige ETA-Terroristen. Viele von ihnen haben mehr als ein Jahrzehnt hinter Gittern verbracht. Sich öffentlich äußern wollen die Betroffenen nicht. Keine Interviews mit der Begründung: Die Welt habe sich in ihrer Haftzeit gründlich verändert. So können sie nicht wissen, wie welche Worte heute aufgenommen werden.

In Bilbao habe die Ex-ETA-Häftlinge eine Organisation gegründet, die ihnen helfen soll, sich in der veränderten Welt zurechtzufinden. Sie müssen lernen, wie die heutige spanische Gesellschaft funktioniert, wie man mit Behörden umgeht, eine Krankenversicherung bekommt, wie man Arbeit findet oder Sozialhilfe.
Fernando Etxegarai, der seine Strafe abgesessen hat und jetzt bei der Eingliederungshilfe aktiv ist, verweist auf die Dinge, die man nicht im Gefängnis lernen kann. Jemand müsse helfen, der jeweiligen Bildung entsprechende Arbeit zu finden, vor allem denen mit wenig Bildung und wenig Berufserfahrung.

Die Täter von damals werden in Freiheit ihren Opfern begegnen. Zum Beispiel Ruben Mugica,

dem Sohn des ermordeten linken Politikers, der zu den Vätern von Spaniens demokratischer Verfassung gehörte. “Nein!” sagt der, vergeben könne er nicht. Auch nicht, wenn die Täter Reue zeigen? “Nein, das gibt es nichts zu verzeihen.”

So werden Täter und Opfer wohl im kleinen Baskenland in verschiedenen Welten leben.
So sieht es der einstige Täter. Das Baskenland sei mit seinen 2 Millionen Einwohnern immer noch groß genug, um einander aus dem Wege zu gehen. Für den Sohn des Opfers kann es kein Nebeneinander von ´normalen´ Menschen und Verbrechern geben. Wörtlich:“Wenn die Verbrecher schon dafür Aufmerksamkeit bekamen, dass sie zu morden aufhörten, wie viel mehr Beachtung haben dann all jene verdient, die nie getötet haben.”

Es gibt zwar ein von den Regionalbehörden getragenes “Sekretariat für Frieden und Zusammenleben”, erklärt die euronews-Korrespondentin. Aber das könne nur ein Anfang sein. Es werde wohl noch lange dauern, ehe Opfer und Täter Vergangenes überwinden und miteinander leben können.

Vater eines ETA-Mitgliedes sagt:"Mit der ETA ist es vorbei!"

José Ramón Goñi Tirapu hat die ETA als Präfekt von Guipuzkoa bekämpft. Auf diesem Posten im Baskenland war der Beamte des spanischen Innenministeriums von 1987 bis 1990. Die ETA versuchte mehrmals, ihn zu ermorden. Jahre später erfuhr er dann, dass sein eigener Sohn sich auf die Seite der ETA geschlagen hatte. Diese selbst für das an Konflikten reiche Baskenland ungewöhnliche Geschichte hat er aufgeschrieben in dem Buch. “Mi hijo era de ETA” , “Mein Sohn ist bei der ETA”.

Filipa Soares, euronews:
Können Sie beschreiben, was Sie gefühlt haben, als Sie erfuhren, dass Ihr eigener Sohn bei der ETA ist, die Sie ermorden wollte?

José Ramón:
Ich muss meinem Sohn helfen, der in einer so dramatische Lage steckt. Das war das erste Gefühl.
Aber gleichzeitig kam mir in den Sinn, das ist eine Organisation, die tötet. Auch wenn er selber nicht getötet hat. Aber mich haben sie mehrmals umzubringen versucht. Das stürzte mich in große Konflikte. Zunächst wusste ich nicht, was ich tun sollte. Was mir da geschah, das konnte nicht von dieser Welt sein. Ich verstand nichts mehr. Mein Sohn, mein eigener Sohn, den ich mit soviel Liebe aufgezogen habe. Den ich immer noch liebe. Es war eine Situation – so abartig, so grausam.

Filipa Soares, euronews:
Ihr Sohn entkam der spanischen Justiz. Sie schreiben im Buch, dass er in Frankreich lebt, dass Sie ihn seit 20 Jahren nicht gesehen haben. Warum können Sie ihn nicht treffen?

José Ramón:
Er lebt in einer Welt, zu der ich keinen Zugang habe.
Seine Welt ist eine völlig andere, zu der mir die Türen verschlossen sind. Da ist keine Kommunikation möglich. Wenn ich ihn treffen würde, dann würde seine Umgebungt ihm das nicht verzeihen. Das ist eine Mafia. In meinem Berufsleben als Präfekt, als Vertreter des Gesetzes, lebte ich aus deren Sicht auf der anderen Seite. Ich verkörperte für sie den Feind. Mit allem, wofür ich stand, war ich der Feind. Das würde ihm Probleme bereiten. Ich habe viel darüber nachgedacht. Aber da bleibt eine unüberbrückbare Distanz zwischen uns. Er lebt in einer Welt, die ihm das Aussteigen nicht gestattet. Das sagen die nicht so direkt oder gar öffentlich. Aber die Angst ist immer dabei. Wir dürfen nicht vergessen, dass die ETA Aussteiger umgebracht hat, weil sie als Verräter angesehen wurden.

Filipa Soares, euronews:
Aber Sie haben mit ihm gesprochen?

José Ramón:
Nein, ich habe nicht mit ihm gesprochen. Wir haben seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr. Seit mehr als 20 Jahren.

Filipa Soares, euronews:
Glauben Sie, dass Sie ihn in nächster Zeit sehen können?

José Ramón:
Ich glaube, ich könnte ihn bald sehen. Auch wenn die Situation immer noch sehr schwierig ist, glaube ich daran.

Filipa Soares, euronews:
Was werden Sie ihm sagen, beim ersten Treffen nach 20 Jahren?

José Ramón:
Es ist vorbei! Mit der ETA ist es vorbei! Das sagt die Organisation selbst. Mit der ETA ist es vorbei. Es hat keinen Sinn mehr. Wenn er eine politische Idee hat, dann kann er die öffentlich aussprechen.
Aber der andere Weg, die Bevölkerung zu etwas zwingen zu wollen, der geht nicht. Es wird bestimmt schwer, so direkt mit meinem Sohn zu sprechen.