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Was denken ehemalige ETA-Täter heute

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Was denken ehemalige ETA-Täter heute

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“Euskadi Ta Askatasuna” – bedeutet “Vaterland oder Tod”. Gegründet 1959 als Widerstandsorganisation gegen das Franco-Regime, brachte die ETA bis 2011 mehr als 800 Menschen den Tod. Denn auch nach Spaniens Wandel zum demokratischen Staat bombte und schoß die ETA weiter. Jetzt für einen eigenen baskischen Staat, der auch Teile Frankreichs umfassen sollte. Weshalb immer noch rund 400 verurteilte ETA-Aktivisten im Gefängnis sitzen.
Ihre Anhänger, die immer noch in den baskischen Städten Massen auf die Straße bringen, werfen der spanischen Regierung übermäßige Härte vor.
Etwa weil die ETA-Häftlinge ihre Strafen weit weg von daheim absitzen müssen, wie der Vertreter der “Vereinigung der Angehörigen von Häftlingen” betont. Urtzi Errazkin, Sprecher der Vereinigung, sagt: “Wir haben 400 Gefangene in Spanien, von denen nur 6 im Baskenland einsitzen.
45 % sitzen in andalusischen Gefängnissen.
Sehr weit weg von ihren Familien, mehr als tausend Kilometer. Wir Familien haben das Recht, unsere Angehörigen, unsere Freunde zu sehen. Wir haben nichts getan. Warum diese Bedingungen? Warum müssen wir so viele Kilometer zurücklegen, mit so großen psychischen und physischen Leiden zahlen, Woche für Woche?”
Die baskische Menschenrechtsorganisation “Argituz” bezeichnet diese Politik der Verteilung der ETA-Täter als nicht vereinbar mit den Prinzipien der Vereinten Nationen. Ihr Vertreter Andrés Krakenberger nennt es “andauernde Folter”. Er sagt, aus spanischen Gefängnissen werde immer wieder über Folter berichtet. Die bekämen nicht nur die Basken zu spüren sondern auch Gefangene, die wegen sozialer Proteste oder wegen rassistischer Vergehen einsitzen.
Die euronews-Korrespondentin zieht nach ihren Recherchen die Schlußfolgerung, Folter von ETA-Leuten scheine in Spanien ein Tabu zu sein.
Ein Interview dazu hat der Innenminister abgelehnt.
Ebenso der der Chef aller spanischen Gefängnisse und der Vermittler im Basken-Konflikt. Die Guardia Civil ließ verlauten, man wisse, dass ETA-Leute darauf trainiert seien, die Behörden der Folter zu beschuldigen.

Inarki Rekarte hat fast die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht. 1992, als 18jähriger, ließ er mit drei anderen ETA-Leuten in Santander eine Autobombe explodieren. Es war einer der vielen ETA-Angriffe auf Polizei und andere Repräsentanten des spanischen Staates.. Drei Menschen wurden getötet, 20 verletzt. Einen Monat später wurde er verhaftet. Jetzt ist er 42. Seit November auf freiem Fuß. Er wollte nicht, dass die Bar, die er jetzt in Navarra betreibt, gefilmt wird. Also unterhielten wir uns auf einer Parkbank.
Filipa Soares, euronews:
Sind Sie gefoltert worden?

Iñaki Rekarte:
Ja, gleich bei der Festnahme. Im Polizeiwagen verpassten sie mir eine Tracht Prügel. Aber im Vergleich zu dem, was ich später erlebte, war das ein Witz. Beim ersten Schlag platzte mir das Trommelfell. Sie zogen mir eine Tüte über den Kopf, so dass ich kaum noch Luft bekam. Ich dachte, ich müsse ersticken. Das ist ein Gefühl, als müsse man jetzt sterben, als könne man nicht mehr atmen. Man versucht zu atmen und bekommt keine Luft. Man fällt in Ohnmacht, wird dann wiederbelebt und die ganze Tortur geht von vorne los. Das ist schrecklich. Aber für den spanischen Staat galt damals, gegen die ETA ist jedes Mittel recht. Das war aber nicht rechtmäßig. Es ist niemals jedes Mittel recht. Damals wurde die spanische Öffentlichkeit belogen, weil behauptet wurde, die Losung, dass jedes Mittel recht sein, stamme von der ETA. Aber das war eine ganz große Lüge.
Der spanische Staat hat immer foltern lassen.
Immer, immer, immer. So etwas hat zum Beispiel der französische Staat nicht getan.

Im Gefängnis hat er später beschlossen, sich von der ETA zu trennen, obwohl er den baskischen Satz kennt:” Ohne die Wärme der Familie ist es sehr kalt.”

Filipa Soares, euronews:
Wann haben Sie diesen Entschluß gefasst?

Iñaki Rekarte:
Ich habe lange darüber nachgedacht. Entschieden habe ich mich nach der Geburt meines Sohnes. Auch wenn Mitgefangene sagten, sie hätten auch Kinder und würden trotzdem weiter zur ETA stehen.
Jeder muss tun, was er für richtig hält. Ich wollte nicht, dass mein Sohn ohne Vater aufwächst.
Also gut, das war für mich ein persönlich sehr schwieriger Moment, es ist eben selbst dann nicht einfach, wenn man meint, den richtigen Weg gefunden zu haben. Ihn dann zu gehen, ist nicht einfach. Ich hatte das Gefühl, mich verbiegen zu müssen. Ich war doch eng mit meinen ETA-Freunden verbunden.

Filipa Soares, euronews:
Und was bedeutet Ihnen die ETA jetzt?

Iñaki Rekarte:
Jetzt? Ich denke, die ETA wird jetzt von einigen Leuten benutzt wie ein Markenname. Dieser Glaube an die ewige, einzigartige baskische Kultur, das stimmt so nicht. Es ist ein sehr ernstes Problem für die, die dafür im Gefängnis sitzen. Die keinen anderen Ausweg wissen. Aber im heutigen Baskenland bedeutet es nichts. Es dient nur einigen Leuten zur Rechtfertigung, die damit Geschäfte machen, viel Geld. Darunter versteckt eine Gruppe von wenigen Leuten Sachen, für die sie wahrlich nicht die Unterstützung der Massen hat. Das Wort “abertzale” , was soviel wie “baskischer Patriot” bedeutet”, was meint, derjenige unterstütze die ETA, wird missbraucht. 90 von 100 Leuten oder noch mehr sind gegen solche Sachen und diese Einstellung entwickelt sich schon eine ziemlich lange Zeit. ETA ist nur noch für die Gefangenen ein ernsthaftes Problem. Mehr nicht.