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Wie der Zweite Weltkrieg Frankreich geprägt hat

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Wie der Zweite Weltkrieg Frankreich geprägt hat

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Ein Land fängt wieder bei Null an

Frankreich war im Jahr 1945 am Boden. Die Nazis, die Alliierten und Sabotageakte des französischen Widerstands hatten alle zusammen 400.000 Gebäude zerstört und fünfmal mehr Häuser beschädigt. Die Produktion der Industrie und Landwirtschaft erreichte nur 40% der Vorkriegskapazität. Zerstörte Häfen, Bahnschienen, Straßen und Brücken bedeuteten, dass die verfügbaren Güter nicht problemlos verteilt werden konnten. Auf einer Fläche von einer halben Million Hektar mussten Minen geräumt werden.
Die französische Bevölkerung litt unter Krankheiten und sehr großem Hunger: das Rationieren würde noch bis 1949 andauern und zwei Drittel der Kinder litten an Rachitis (Vitamin-D-Mangel-Krankheit). Eines von zehn Kindern starb kurz nach der Geburt. Eine Sommerdürre und ein bitterkalter Winter erschwerten den Franzosen im Jahre 1945 das Leben noch zusätzlich.
Hilfe konnte nur vom Staat erwartet werden. Die Regierung von Charles de Gaulle setzte ein enormes Nationalisierungsprogramm in Kraft, leitete Investitionen an die Schwerindustrie weiter, sowie an die Bereiche Finanzen, Energie und Transport. Die Sozialreform war die Belohnung für persönliche Opfer der Bevölkerung; Frauen wurde das Wahlrecht 1944 zugestanden und ein Jahr später folgte die staatliche Sozial-und Krankenversicherung.

Fotos: Die Stadt Caen 1944 (links); Mehr als 2,000 deutsche Kriegsgefangene und französische Freiwillige starben beim Minenräumen (rechts). La ville de Cean en 1944Tickets de rationnement, 1944

Das Frankreich des Widerstands

Die französischen Bürger, die gegen die Nazis Widerstand leisteten wurden im Nachkriegsfrankreich gefeiert. Ihre Ideale wurden von den Regierenden auf der Suche nach etwas Positivem, um die Moral der Bevölkerung wieder anzuheben, hochgehalten.
Auf Grund der von Natur aus geheimen Aktivitäten der Résistence, wie der Widerstand auf Französisch genannt wird, kann die Zahl ihrer Anhänger nur geschätzt werden, doch sie beläuft sich auf Hunderttausende, die den Alliierten halfen und die die Nazis so gut wie möglich behinderten. Die französische Regierung hat offiziell 220.000 Widerstandskämpfer anerkannt, das entspricht etwas über einem Prozent der damaligen französischen Bevölkerung, obwohl es wohl noch viel mehr von ihnen gab.
Résistance war ein Sammelbegriff für viele verstreute Gruppen und ihre Teilnehmer kamen aus allen sozialen Schichten: alt und jung, reich und arm, Gaullisten und Kommunisten. Sie erfüllten Aufgaben, wie das Beschützen alliierter Soldaten, die hinter die feindlichen Linien kamen, das zur Verfügungstellen von Informationen an die Alliierten, die sich als ausschlaggebend vor, während und nach ihrer Landung in der Normandie (sog. D-Day) herausstellten, das Beschädigen des Logistiknetzwerkes der Nazis und das Veröffentlichen von Untergrundflugblättern und -zeitungen.
Diese Aktionen wurden von den Widerstandskämpfern trotz des hohen Risikos für sie selbst und für andere realisiert. Die Besatzer bestraften Widerstand, in dem sie nicht nur die Täter sondern auch Zivilisten, die sich in der Nähe befanden umbrachten. Es gab auch Massenmorde, um die Taten einiger weniger Widerständler zu ahnden.
Als “Gewinner” des Krieges, konnte der französische Widerstand seine ganz eigene Geschichte nach 1945 schreiben. Regierungen tendieren seitdem dazu, den Widerstand als ein Beispiel des französischen Mutes und Nationalstolzes anzusehen.

Das Frankreich der Kollaboration

Während ein Teil der französischen Bevölkerung gegen Hitlerdeutschland ankämpfte, arbeiteten andere mit den Nazis zusammen. Die Vichy Regierung unter der Führung Philippe Pétains, Held des Ersten Weltkrieges, tat nicht nur was Hitler von ihr verlangte, sondern ergriff sogar von selbst die Initiative: Sie ließ Milizen errichten, Juden verhaften und in Vernichtungslager auf französischem Grund zu deportieren. Die Vichy Regierung verurteilte Charles de Gaulle, der de facto Widerstandsanführer im Londoner Exil, in Abwesenheit zum Tod.

Ein Ziel der Vichy-Regierung war es, alle Mitglieder des Widerstands zu töten. Als das Dritte Reich besiegt war und Frankreich in einem Zustand von Gesetzlosigkeit zurückließ, wurden Menschen, die verdächtigt wurden, mit den Nazis zu kollaborieren, systematisch exekutiert. Frauen, die Beziehungen mit deutschen hatten, wurde der Kopf rasiert.

Nachdem eine stabile Regierung eingesetzt wurde, fanden Gerichtsverfahren statt und viele der Vichy-Verantwortlichen wurden zum Tode verurteilt (außer General Pétain der in Haft starb, nachdem De Gaulle seine Strafe auf lebenslänglich abgemildert hatte).
Obwohl die Widerstandsbewegung in Frankreich nach dem Krieg verehrt wurde, gab es bewusste Bemühen, um Vichy und die Kollaborateure zu vergessen. Frankreichs Komplizenschaft bezüglich der Naziverbrechen wurde bis 1995 nicht offiziell anerkannt. Jacques Chirac, der damalige französische Staatspräsident, sagte: “diese dunklen Stunden werden unsere Geschichte für immer beschmutzen und sind eine Beleidigung für unsere Vergangenheit und unsere Traditionen.”

Frankreich und seine Kolonien: die Kriege nach dem Krieg

Trotz der Besatzung durch die Nazis und der gewaltigen Aufgabe, Frankreich wiederaufzubauen, schaffte es das Land, als ein Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorzugehen und sein Kolonialreich intakt zu halten. Bewohner der französischen Kolonien wurden für ihren Kriegsbeitrag mit der französischen Staatsbürgerschaft belohnt.

Aber der Ruf nach Unabhängigkeit wurde so laut, dass dies nicht ausreichte. Die weltweite Welle der Befreiung nach dem Sturz des Nazi-Regimes wurde von der Charta der Vereinten Nationen wiederaufgenommen, die die Kolonialmächte dazu aufrief, landeseigene Regierungen zu ermutigen und die politischen Bestrebungen der Überseegebiete zu befriedigen.

Das französische Kolonialreich wollte sich aber nicht ruhig auflösen. In den Jahrzehnten nach 1945 verlor Frankreich die meisten seiner Kolonien, was häufig in Gewalt endete. Es gab Aufstände auf Madagaskar und in Kamerun, sowie brutale Kriege in Französisch Indonesien (1946-54) und später in Algerien (1956-62). In beiden Kriege wurden Hunderttausende getötet und führten zu einem Einwanderungsstrom von Millionen Immigranten nach Frankreich aus dem Maghreb und den afrikanischen Ländern südlich der Sahara.
Bemühungen, diese Immigranten zu integrieren, waren nicht immer erfolgreich und prägen die französische Gesellschaft bis heute.

Europa führt keine Kriege

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine neue Weltordnung mit dem ausdrücklichen Ziel, weitere solche weltweiten Konflikte zu vermeiden. Eine der daraus resultierenden Organisationen ist die Europäische Union. Von der vorherrschenden Einstellung des „Niemals wieder“ bzw. „Never again“ geleitet, entstand eine Reihe von Verträgen, die zum europaweiten Integrationsprozess führten.
Die französische Öffentlichkeit mag gegen eine Annäherung an Westdeutschland gewesen sein, doch die politische Elite sah dies als notwendig an. Innerhalb eines Jahres hatten Frankreich, Deutschland, Italien und die Benelux Staaten den Pariser Vertrag unterschrieben, um die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl zu kreieren. Unter der Federführung von Robert Schumann war ein europäisches Projekt mit Frankreich und Deutschland als wichtigsten Akteuren war entstanden.

Video: French foreign minister Robert Schuman is considered the “founding father” of the European Union.