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Ruf der grünen Insel: Iren kehren nach Irland zurück

Die Wirtschafts- und Finanzkrise trieb hunderttausende Iren aus dem Land. Ist das Schlimmste nun vorbei? Viele Auswanderer kehren zurück aus Asien, Amerika und Australien. Irland schöpft Hoffnung.

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Ruf der grünen Insel: Iren kehren nach Irland zurück

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Mary kommt nach Hause zurück…

Meinung

Irlands Wirtschaft erholt sich, es gibt wieder mehr Jobs und Karrieremöglichkeiten. Ja, die Trendwende ist da, die Aussichten sind gut: Land in Sicht...

Der kleine Joe ist so glücklich wie seit drei Jahren nicht mehr: seine große Lieblingsschwester Mary ist zurück aus Australien. Mary’s Mutter Shirley kommen die Freudentränen. Irland öffnet die Arme: die Auswanderer kehren heim.

Die Finanzkrise vertrieb Zehntausende. Auch Mary. Nun ist das Schlimmste überstanden. Der Beweis: Marys Rückkehr. In Australien schuftete sie auf Bauernhöfen und in Kneipen, hangelte sich von Job zu Job quer durch den Kontinent. Harte Arbeit, gutes Geld – und viel Spaß: “Das war ganz schön cool: Tauchen, Bungee-Jumping und draußen im Busch habe ich Schafe geschoren, Fischen und Schießen gelernt… Als wir uns zur Rückkehr entschlossen, waren wir aufgeregt und beunruhigt zugleich. Wir hatten gehört, dass sich Irland wirtschaftlich erholt, aber wussten nicht, ob wir tatsächlich Arbeit finden würden. Jedenfalls freuten wir uns auf die Rückkehr und darauf, Freunde und Familie wiederzusehen.”

Mutter Shirley hat fünf Kinder. Mehrere verließen Irland – wegen der Krise. Mary und ihr älterer Bruder Kieran kehrten zurück aus Übersee. Shirley ist stolz auf ihre Kinder: “Die haben die Hoffnung nicht aufgegeben: die suchen sich ihren Weg im Leben und ich denke, sie sind etwas weiser geworden… Es ist wunderbar, dass Kieran und Mary wieder zuhause sind.”

In Australien verliebte sich Mary in einen irischen Bauarbeiter. Gemeinsam entschlossen sie sich zur Rückkehr. Die Entscheidung, Irland eine zweite Chance zu geben, versüßen sich die Heimkehrer mit der Hoffnung auf Arbeit. Berechtigte Hoffnung – oder verfrüht?

Euronews traf Mary erstmals 2012, wenige Tage vor dem Abflug nach Australien. Damals verloren einige Gemeinden bis zu einem Zehntel ihrer Bevölkerung… Während der Finanzkrise verließ alle sechs Minuten ein Ire seine Heimat.

Die Erholungszeichen heute sind widersprüchlich: während Marys Freund auf Arbeitssuche weiterzog nach Großbritannien, bekam sie selbst einen Zeitvertrag in Irland – sie hilft Unfallopfern… und an den Wochenenden pendelt sie nach London. Mary fand nach etwa einem Monat Arbeit: “Ich hatte Glück, der Arbeitsplatz ist nicht weit weg. – Es gibt einen Wirtschaftsaufschwung – doch der kommt nur langsam in Fahrt. Wenn alle Auswanderer zurückkommen sollen, benötigen wir viel mehr Jobs.”

Blühende Landschaften in Irland?

Hat der Wind wirklich gedreht? In welche Richtung entwickelt sich Irlands Arbeitsmarkt? Die Zeichen stehen auf Erholung – sagt Wirtschaftswissenschaftler Seamus Coffey von der Universität Cork. Er erklärt: “2015 wird sich die Zahl der Auswanderer und die Zahl der Einwanderer ausgleichen. Das ist ein riesiger Unterschied im Vergleich zu den vergangenen vier oder fünf Jahren. Und diese Trendumkehr wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen: die Zahl der Rückkehrer wird künftig über der Zahl der Auswanderer liegen.”

Und Coffey zufolge werden die Heimkehrer auch Arbeit finden. Die Zahlen sprechen für sich:

Verabredung mit Aidan O’Brien. Heute hat der Liedermacher ein Konzert im Gallaghers, einer beliebten Kneipe in Cork. Seine Songs handeln von Irland, von der Krise – und natürlich von der Frage: bleiben oder gehen?

Aidan begrüßt sein Publikum mit den Worten: “Hallo zusammen. Ich bin Aidan und werde ein paar Songs singen. Zunächst mein Lieblingslied: Wann kommst du heim? Darin geht es um einen Typen, der überlegt, ob er auswandern soll oder nicht. Doch schließlich entscheidet er sich, in Irland zu bleiben.”

Auch sein Song “The Emigrant”, den er mit seiner Gruppe “Aidan And The Astronauts” aufgenommen hat, behandelt das Thema.

Aidan erinnert sich noch gut an den Anfang der Auswanderungswelle:
“Vor etwa vier, fünf Jahren wanderten die Menschen in großen Gruppen aus, an Weihnachten war niemand mehr da in Irland, alle wussten: hier gibt´s keine Jobs. – Das ist nun vorbei, diese Gruppen-Auswanderung. Ein Freund von mir ist mit zehn Kumpeln nach Australien gezogen – doch selbst die wollen jetzt wieder zurück.”

Connect Ireland

Von Shanghai, 24 Millionen, zurück nach Kinvara, 563 Einwohner…
Das ist die Cathals Geschichte… Der US-amerikanische Investor Flagship Management hat in Cathals Heimatdorf an der Küste seine Europazentrale eingerichtet. Auch die Männer aus Miami haben historische Beziehungen zu Irland – sie stammen ab von irischen Auswanderern. Ausserdem lockten Steuervorteile und Breitband-Internet-Anschluss.

Ein Heimspiel für Cathal: Kinvara – Shanghai – Kinvara. “2011 zog ich von hier weg nach China. Doch mein langfristiges Ziel war immer, nach Irland zurückzukehren. – Die irische Wirtschaft erholt sich, es gibt wieder mehr Jobs und Karrieremöglichkeiten, Firmen bieten wieder langfristige Arbeitsverträge an, suchen Personal. Deshalb kann man durchaus sagen: Ja, es gibt eine Trendwende in Irland, die Aussichten sind gut: es ist wieder Land in Sicht,” so Cathal.

Der Zusammenbruch der Bau-Industrie brachte Cathal zum Auswandern. Kein Einzelfall, damals entstanden in Irland ganze “Geisterstädte”.

In China fand Cathal die Frau seines Lebens, Darima, eine gebürtige Russin aus Sibirien. Zurück in Kinvara arbeitet Cathal als Headhunter in der Schifffahrtsbranche. Er freut sich wieder im Dorf seiner Ahnen zu wohnen: “Meine Familie lebt hier seit 400 oder 500 Jahren – und das Gebäude, in dem ich jetzt arbeite, war früher ein Bonbon-Geschäft, der Laden gehörte der Tante meiner Oma, das war so um 1930, 1940.”

Töchterchen Vivienne wurde in Shanghai geboren, ihr kleines Brüderchen in Irland. Auf Opas Viehweide sehen die Kinder das erste Mal in ihrem Leben echte Kühe… Vor allem die ländlichen Gebiete litten unter der Krise, bluteten aus. Aus diesem Grund sucht die irische Regierung weltweit nach rückkehrbereiten Iren. Connect Ireland heißt das Programm, das auch Cathal den Rückweg schmackhaft machte, von Shanghai zurück ins Küstendorf Kinvara.

Cathal erzählt: “Connect Ireland” bemüht sich um kleine und mittlere Unternehmen, versucht sie zu überzeugen, sich nicht in den großen Städten Irlands niederzulassen sondern in den ländlichen Gemeinden und Siedlungszentren. Damit soll die Landflucht in Irland gestoppt werden.”

Zwar meldet Connect Ireland regelmäßig Erfolge, doch volkswirtschaftlich gesehen, fallen die derzeit kaum ins Gewicht, die Zahl der in den ländlichen Gebieten geschaffenen Arbeitsplätze ist noch äußerst gering:

Darima fiel der Wechsel von der Mega-City ins Dorf schwer.
Mit Verwandten in Russland und China hält sie engen Kontakt. “Heutzutage ist das einfach: wir sprechen oft miteinander, mit Skype oder übers Telephon. Mit meiner Mutter rede ich fast täglich, das ist fast so, als ob sie hier wäre und mir ständig gute Ratschläge erteilt, wie ich die Kinder grossziehen soll.” so Darima.

Bald ein Rückkehrerboom?

Zurück nach Cork. Auch Aidan hat eine Skype-Verabredung und zwar mit seinem Bruder in Australien. Aidans Bruder Michael zog vor sieben Jahren von Cork nach Sydney. Doch auch er will zurück. Und zwar schon bald. Noch suchen er und seine Frau nach einem Job – doch im Bereich Informationstechnologie dürfte das keine Schwierigkeiten bereiten, die Branche stellt wieder ein – in Irland.

Aidan fragt seinen Bruder, ob er Heimweh hat. Michael erwidert: “Ob ich Heimweh habe? Nun, ihr fehlt uns… bald werden wir wieder bei Euch auftauchen, gut möglich, dass wir bald zurückkehren. Die Wirtschaft zieht ja wieder an, die Arbeitslosigkeit ist auf zehn Prozent gesunken. Irland scheint es besser zu gehen. Immer mehr Bekannte hier in Australien sind dabei, ihre Koffer zu packen – und etliche sind bereits wieder dort. Wenn sich die Gelegenheit bietet, machen wir den Schritt auch. Das müssen wir im Familienkreis entscheiden.”

Auch Wirtschaftsdozent Seamus Coffey von der Universität Cork freut sich auf Twitter über den Rückgang der Arbeitslosenquote.

Irland hofft auf den großen Rückkehrer-Boom. Und Aidan hofft auf die Heimkehr seines Bruders, zusammen mit dessen Familie. Endlich wird Aidan sein Patenkind in den Armen halten. Das Lied dafür hat Aidan ja bereits geschrieben: “Wann kommst Du heim?” Aidan selbst hat auch einmal mit dem Gedanken gespielt seine Heimat zu verlassen: “In dem Lied geht es um mich. Ich habe selbst überlegt, Irland zu verlassen: soll ich bleiben?, soll ich gehen?… Doch am Ende des Refrains wurde mir klar: ich gehe nicht weg. Aber wenn ihr da draußen wieder nach Hause kämet, dann wäre das Spitze…”

Seamus Coffey: Die Nettowanderung wird bei Null liegen

Euronews traf Wirtschaftswissenschaftler Seamus Coffey auf dem Campus der University College Cork, in Irland. Wenn Sie wissen wollen, was er zur irischen Auswanderung und der heutigen wirtschaftlichen Situation zu sagen hat, klicken Sie auf folgenden Link (auf Englisch).