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Fangen und gefangen werden: Wie die Türkei mit dem Flüchtlingsstrom umgeht

euronews-Korrespondent Bora Bayraktar war mit der türkischen Küstenwache auf Patrouille und berichtet vom alltäglichen Umgang mit dem

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Fangen und gefangen werden: Wie die Türkei mit dem Flüchtlingsstrom umgeht

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euronews-Korrespondent Bora Bayraktar war mit der türkischen Küstenwache auf Patrouille und berichtet vom alltäglichen Umgang mit dem Flüchtlingsstrom.

Behramkale (auch unter dem Namen Assos bekannt) ist ein Küstenort im Westen der Türkei und aufgrund seiner antiken Ruinen bei Touristen sehr beliebt. Doch der Ort besitzt auch aus einem anderen Grund enorme Anziehungskraft: Nur rund 20 Kilometer vor Behramkale liegt die griechische Insel Lesbos. Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern setzen von hier aus per Boot über, um dann meist weiter in Richtung Nord- oder Mitteleuropa zu gelangen.

Auch am helllichten Tag steigen Flüchtlinge in Schlauchboote. Als Bora Bayraktar in Behramkale weilte, stachen mehr als zwölf Boote gleichzeitig in See – hinter diesem Vorgehen steckt oft Methode. Die Menschen halten sich in der Gegend auf und warten auf den richtigen Moment, um die Meeresenge zu überqueren. Vom Meer aus sind sie nicht zu sehen, sie verstecken sich zwischen Klippen und Felsen und dort, wo sie kampieren, kommt man oft nur zu Fuß hin. Die örtliche Polizei hat nicht die Kapazitäten, um sich ausführlich mit dem Thema zu beschäftigen oder um Schlepper ausfindig und dingfest zu machen. Auch wenn zusätzliche Truppen in die Gegend entsandt wurden, hat der Kampf gegen die PKK für die Armee Priorität – Behramkale und die Flüchtlingsproblematik sind nur “Nebenkriegsschauplätze”.

Fangen und gefangen werden

Wer in der Türkei als Flüchtlinge anerkannt ist, kann sich frei im Land bewegen. Somit können die Behörden keinem Flüchtling vorschreiben, wo er sich aufzuhalten hat. Sie an der Überfahrt nach Lesbos zu hindern, ist schwierig und riskant: Die Truppenstärke vor Ort reicht nicht aus, um alle Flüchtlingsboote aufzugreifen, zumal oft mehrere gleichzeitig starten, was einen Zugriff zusätzlich erschwert. Die Flüchtlinge sind wild entschlossen und bereit, Gefahren einzugehen, um ihre Reise voranzutreiben. Auch das macht es für die türkischen Sicherheitskräfte nicht leichter.

Ursprünglich waren vor Behramkale drei Schiffe der Küstenwache im Einsatz, um Schmuggel zu bekämpfen und gegen durch den Schiffsverkehr verursachte Umweltverschmutzung vorzugehen. Als immer mehr Flüchtlinge kamen, wurden weitere Boote der Küstenwache in die Region verlegt. Wenn ein Flüchtlingsboot aufgehalten wird, werden die Menschen an Bord genommen, anschließend werden ihre Personalien festgestellt, ehe sie den Behörden übergeben werden, die sie schließlich wieder in Flüchtlingslager bringen.

Doch während diese Prozedur läuft, stechen andere Flüchtlingsboote in See – mit Menschen an Bord, die hoffen, nicht von der Küstenwache aufgegriffen zu werden, sondern auf Lesbos anzukommen. Darüber hinaus ist bei der Küstenwache äußerste Vorsicht geboten, wenn ein Flüchtlingsboot ausgemacht wird: Oft sind die Boote kaum seetauglich und zudem überladen. Unter den Flüchtlingen sind meist auch Kinder und Nichtschwimmer. Jeder falsche Handgriffe, jede falsche Bewegung kann eine Katastrophe auslösen.

Selbst wenn die Flüchtlinge von der Küstenwache “geschnappt” werden, können sie sich wenig später wieder frei im Land bewegen, viele versuchen die Überfahrt nach Lesbos erneut – so lange, bis sie durchkommen.

Falsche Gerüchte im Umlauf

Oft verbreiten sich Informationen unter den Flüchtlingen nur per Mund-zu-Mund-Propaganda: Schlepper streuen mitunter bewusst falsche Gerüchte, um ihr “Geschäftsmodell” nicht zu gefährden. Überprüfbar sind die Informationen für die Flüchtlinge nur selten. Der Zugang zum Internet oder das Aufladen von Handy-Batterien ist auf der Flucht nur schwerlich möglich – verlässliche Daten und Fakten sind rar.

Als euronews-Korrespondent Bora Bayraktar einem Flüchtling von geschlossenen Grenzen europäischer Länder berichtete, war dieser überrascht und schockiert: Davon hatte er noch nichts gehört. Nur eine Lösung des syrischen Konflikts und ein Ende des Bürgerkrieges, so meint Bayraktar, könne die Flüchtlingswelle eindämmen oder gar aufhalten. Dann würden viele Menschen lieber in der Heimat bleiben, als sich auf den langen und gefährlichen Weg nach Europa zu machen, so der euronews-Korrespondent.