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Abkühlung im einstigen Wirtschaftswunderland

Die Wirtschaft ist eines der wichtigsten Themen in Hinblick auf die türkischen Parlamentswahlen am 1. November. Im Laufe dieses Jahres ist die

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Abkühlung im einstigen Wirtschaftswunderland

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Die Wirtschaft ist eines der wichtigsten Themen in Hinblick auf die türkischen Parlamentswahlen am 1. November.

Im Laufe dieses Jahres ist die türkische Währung in den Keller gerauscht – teilweise wurden für eine Lira drei US-Dollar gezahlt. Die Regierung korrigierte ihre Wachstumsaussichten und geht in diesem Jahr nur noch von einer Zunahme des Bruttoinlandsproduktes von drei Prozent anstatt einstmals vier Prozent aus. Und auch bei der Vorhersage für 2016 wurde bereits die Schere angesetzt.

euronews-Korrespondent Bora Bayraktar befragte den türkischen Wirtschaftsexperten Arda Tunca zu diesem Thema. Wie bewertet Tunca die wirtschaftliche Lage der Türkei vor der Wahl?

“Wir befinden uns in einer Situation des wirtschaftlichen Stillstandes. Obwohl es ein kleines Wachstum gibt, nimmt unsere Wirtschaftskraft ab” erläutert Tunca. “Uns reicht dieses Wachstum nicht. Ob sich die wirtschaftliche Situation in der Türkei auf ihre Nachbarländer auswirkt? Tatsächlich ist es die Lage in den Nachbarländern, die sich auf die Türkei auswirkt. Vor allem die Vorfälle an unseren Südgrenzen sind entscheidend. Die ganze Welt schaut auf Syrien, und Syrien ist unser Nachbar. Die dortige Entwicklung hat in jüngster Vergangenheit auch die türkische Politik beeinflusst. Die Türkei steht deshalb einer Flüchtlingskrise gegenüber, die rund acht Milliarden Dollar kostet. So viel Geld wurde bisher ausgegeben. Wir haben zwei Millionen Flüchtlinge. Dafür bezahlt die Türkei einen hohen Preis. Deshalb sage ich, dass sich die Vorfälle auf die Türkei auswirken, die um uns herum geschehen. Man sollte auch die Situation in Russland, die weltweite Wirtschaftsstagnation und das Problem des Nicht-Wachstums erwähnen. Auch das alles wirkt sich auf die Türkei aus”, sagt der Wirtschaftsexperte.

Dass die Regierungsbildung im Anschluss an die Wahl am 7. Juni scheiterte, sei für die türkische Wirtschaft auch nicht gerade ein Stimulanzmittel gewesen, meint Arda Tunca. Seiner Ansicht nach muss nach den Neuwahlen schleunigst politischer Alltag einkehren.

“Deshalb braucht die Türkei dringend eine Regierung – ob Koalition oder nicht – der vom Parlament das Vertrauen ausgesprochen wird. Eine Regierung, die einen Plan aufstellen kann, um wichtige wirtschaftliche Entscheidungen nach der Wahl am 1. November zu treffen”, so Tunca.

Ein Jahrzehnt lang verbuchte die Türkei im Durchschnitt ein Wachstum von 4,7 Prozent – die Wirtschaft brummte. 2014 allerdings kühlte die Konjunktur deutlich ab, das Wachstum betrug nur noch 2,9 Prozent.