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Pflege eines Angehörigen und Vollzeitarbeit - wie kann das gelingen?

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Pflege eines Angehörigen und Vollzeitarbeit - wie kann das gelingen?

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Millionen Menschen in Europa versuchen, einen Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben zu finden. Dieser Balanceakt ist besonders schwierig, wenn man

Millionen Menschen in Europa versuchen, einen Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben zu finden. Dieser Balanceakt ist besonders schwierig, wenn man Zuhause einen Angehörigen pflegt und gleichzeitig in Vollzeit arbeitet. In Trondheim in Norwegen hat euronews-Reporter Jeremy Wilks Inger-Lise Lillefloth getroffen, die das seit 18 Jahren macht. Denn ihr Mann Bjørnar leidet seit den 90er Jahren an Parkinson.

Bis sie in Rente ging, hat sie sich um ihn gekümmert und ist einer regulären Arbeit nachgegangen. Es war nicht immer leicht, beides unter einen Hut zu bringen, erzählt sie: “Ich habe im Schichtdienst gearbeitet, das heißt jedes dritte Wochenende, danach Tage, dann Abende. Ich musste mich selbst darum kümmern, Ersatz zu finden oder Schichten zu tauschen wenn ich einen Tag frei brauchte – etwa wegen eines Termins im Krankenhaus. Oder ich musste Urlaub einreichen oder Überstunden abbauen“.

Urlaub zu nehmen oder Überstunden abzubauen, um sich um einen Angehörigen zu kümmern sind typische Probleme im Alltag vieler Betroffenen. Einer aktuellen Umfrage in 15 EU-Ländern zufolge betreuen 36 Prozent aller Befragten jede Woche einen Nachbarn, einen Freund oder ein Familienmitglied.

Wie können diese Menschen Arbeit und Pflege in Einklang bringen? In Oslo hat euronews die Soziologin Lise Lien getroffen, die dieser Frage nachgeht:
“Zunächst einmal haben wir mit Menschen gesprochen, die jemanden betreuen. Manche verbringen damit sehr viel Zeit. Andere wie Sie und ich werden vielleicht an einem bestimmten Punkt im Leben in dieser Situation sein. Früher oder später sind wir also alle betroffen”.

Jeremy Wilks: “Wie sollten Arbeitgeber hier reagieren? Was muss getan werden, um die Situation für die betroffenen Menschen zu verbessern?”

Lise Lien, Soziologin: “Es muss darüber am Arbeitsplatz gesprochen werden. Es muss einen Dialog geben, damit der Arbeitgeber weiß, dass es Zuhause bestimmte Herausforderungen gibt. Für die meisten Leute, mit denen wir gesprochen haben, waren flexible Arbeitszeiten ein sehr wichtiges Thema. Vielleicht kann man Maßnahmen ergreifen, von denen über kurz oder lang alle profitieren, auch der Arbeitgeber.”

Den Dialog zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu verbessern und eine flexible Arbeitsumgebung sind Teil der Lösung. Doch es gibt auch andere, aktuellere Herangehensweisen, wie Gesundheitsexperte Professor Jan Grund erklärt: “Es gibt bereits gute Systeme für die Kinderbetreuung. Ich denke ein ähnliches System könnte funktionieren, in dem älteren Menschen etwas mehr Hilfe zukommt. Oder Familien erhalten Geld für die Pflege. Das sieht zunächst wie eine große Investition aus – den Nutzen wird man aber langfristig sehen”.

In Trondheim vertritt Inger-Lise eine ähnliche Meinung: Eine Form von finanzieller Anerkennung könnte viele Möglichkeiten eröffnen, meint sie: “Wenn man eine Art Gehalt für die Pflege bekommen würde, dann hätte man mehr freie Zeit, um von der Arbeit unabhängiger zu sein. Dann müsste man vielleicht nicht jeden Tag zur Arbeit gehen, denn das ist auf Dauer sehr anstrengend. Wenn man etwas Zeit hätte, um sich zu erholen…manchmal reicht ein Tag einfach nicht”.

Nach jahrelanger harter Arbeit plant Inger-Lise nun, ihren Mann in eine Pflegeeinrichtung zu geben. Das wird ihr in ihrer Rentenzeit ermöglichen, die gemeinsame Zeit mit ihm intensiver zu genießen.