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Kampf gegen den IS: Sind die Geheimdienste überfordert?

Dem Islamischen Staat ist der Krieg erklärt worden. Aber wissen wir wirklich, wer unsere Feinde sind und was sie als nächstes planen? In The Global Conversation sprechen wir mit Dr. Jamie Shea von der

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Kampf gegen den IS: Sind die Geheimdienste überfordert?

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Dem Islamischen Staat ist der Krieg erklärt worden. Aber wissen wir wirklich, wer unsere Feinde sind und was sie als nächstes planen? Die Terror-Anschläge in Paris zeigen, was für eine schwierige Aufgabe die Geheimdienste haben. Sie müssen entschlossene, technisch-versierte Terroristen aufspüren und stoppen. Über all diese Fragen sprechen wir nun mit Dr. Jamie Shea von der neuen sicherheitspolitischen Einheit der Nato.

Meinung

Es sind 36 Geheimdienstmitarbeiter nötig, um nur einen Verdächtigen zu überwachen.

euronews, Isabelle Kumar:
“Wir wissen leider, wozu die IS-Milizen fähig sind. Was planen sie jetzt als nächstes?”

Jamie Shea:
“Der Islamische Staat hat gezeigt, dass er in der Lage ist, einen weltweiten Dschihad zu führen. Er hat innerhalb kürzester Zeit mehrere Anschläge an verschiedenen Orten organisiert. Der Grund dafür könnte sein, dass die Kämpfer Niederlagen einstecken mussten. Sie haben innerhalb eines Jahres 25 Prozent ihres Gebietes im Irak und in Syrien verloren. Wir haben sie erfolgreich zurückgedrängt. Es könnte also sein, dass sie jetzt ähnlich wie ein verwundeter Bär um sich schlagen, indem sie Anschläge in Europa und anderswo ausführen. Wir müssen auf der Hut sein. In diesen Konflikten gibt es bei errungenen Siegen leider immer auch eine Kehrseite.”

euronews:
“Das ist eine Version, aber könnte es nicht auch sein, dass sie uns einen Schritt voraus sind?”

Jamie Shea:
“Es ist sehr schwierig, wie sie sicherlich wissen, eine große Anzahl an Personen, die in unterschiedlichen Ländern aktiv sind, zu überwachen. Unter ihnen sind Schläfer, manche kommen aus dem Ausland, manche befinden sich bereits im Land. Um fair zu sein: Die Geheimdienste haben heute sehr viel mehr potentiell verdächtige Personen auf dem Schirm. Nehmen wir zum Beispiel Frankreich. Vor zwei Jahren haben die französischen Geheimdienste ein oder zweitausend Menschen überwacht, heute sind es mehr als 15.000. Viele dieser Personen, die auf den Listen der Geheimdienste landen, haben keine große Vorgeschichte. Unter ihnen sind 25 Prozent Frauen und 15 Prozent Jugendliche unter 16 Jahren. Das andere, was wir beobachten, ist, dass die Radikalisierung schneller erfolgt. Das erschwert unsere Arbeit. Die zwei Brüder aus Belgien, die an den Anschlägen in Paris beteiligt waren, haben sich innerhalb von neun Monaten radikalisiert. Und es sind 36 Geheimdienstmitarbeiter nötig, um nur einen Verdächtigen zu überwachen.”

euronews:
“Es ist entscheidend zu wissen, was sie planen. Wie überwachen die Geheimdienste die interne Kommunikation einer Organisation wie die des Islamischen Staates?”

Jamie Shea:
“Man braucht dafür internationale Kooperation.”

euronews:
“Gibt es die?”

Jamie Shea:
“Manchmal bekommen wir Tipps aus dem Nahen Osten oder wie in dem Fall von Paris aus der Türkei und dem Irak. Wir müssen diese Zusammenarbeit verstärken.”

euronews:
“Sie haben einmal gesagt, dass jedes Mal, wenn die Zusammenarbeit der Geheimdienste verbessert werden sollte, dies einfach nicht geschieht.”

Jamie Shea:
“Es ist ein wiederkehrendes Thema. Das stimmt. Und Paris sollte ein Ansporn sein, um diese Beziehungen zu verbessern.
Andererseits wurden die Täter sehr schnell identifiziert und die belgische Polizei hat quasi am nächsten Tag Razzien in Brüssel ausgeführt. Das zeigt, dass es bereits eine sehr gute Kooperation gibt. Aber sie haben recht, es ist nicht perfekt und wir müssen uns weiter überlegen, was wir besser machen können. Das ist umso wichtiger, da die Dschihadisten ausgeklügelte Techiken benutzen wie z.B. verschlüsselte Botschaften und natürlich das sogenannte Darknet.”

euronews:
Was machen diese Gruppen im Darknet? Sie kommunizieren sicherlich miteinander, aber was noch?”

Jamie Shea:
“Sie benutzen es, um miteinander zu kommunizieren, um Spenden zu sammeln und um Signale zu senden. Die Geheimdienste benötigen natürlich bessere Werkzeuge. Sie brauchen eine bessere technologische Ausrüstung, aber auch weitreichendere legale Mittel, um die Verschlüsselung falls nötig zu überwinden.
Wie Sie sicherlich wissen, gibt es derzeit eine Debatte in Großbritannien, Frankreich und den USA. Die Internetanbieter stellen ihren Kunden verschlüsselte Formen der Kommunikation zur Verfügung, damit sie ihre Privatsphäre schützen können. Da stellt sich jetzt die Frage, wie man einen Kompromiss finden kann zwischen dem Recht jedes Einzelnen auf eine verschlüsselte Kommunikation und dem Recht des Staates und der Geheimdienste, Zugang zu Informationen zu haben, wenn es absolut notwendig ist. Nach den Anschlägen in Paris sollte vielleicht die Sicherheit den Vorrang haben.”

euronews:
“Das ist eine ganz andere Diskussion. Kommen wir zu der Situation in Paris zurück. Viele wundern sich, warum der geplante Anschlag auf Paris nicht aufgedeckt wurde. Und gleichzeitig wurden die Täter, wie sie sagten, danach schnell identifiziert.”

Jamie Shea:
“Es geht nicht nur darum Menschen zu überwachen, sondern zu erkennen, wenn sie sich plötzlich radikalisieren. Man muss merken, wenn einzelne Personen, die überwacht werden, sich plötzlich zusammentun, anfangen zu trainieren, etwas planen, ein Haus mieten, Sprengstoff importieren oder ähnliches. Das ist nicht einfach. Sehr intelligente Menschen arbeiten für die Geheimdienste aber es arbeiten auch sehr intelligente Menschen für die Terrororganisationen. Nicht nur die Geheimdienste tragen Verantwortung. Die Gemeinschaften, in denen diese Personen leben, müssen auch Verantwortung übernehmen und die Behörden warnen, wenn ihnen etwas Verdächtiges auffällt. Dies ist nicht nur die Aufgabe der Staatsbehörden, sondern die Aufgabe jedes einzelnen Bürgers.”

euronews:
“Sie haben ungewöhnliche Allierte in diesem Kampf, denn die Anonymous-Hacker haben dem Islamischen Staat auch den Krieg erklärt. Macht das einen großen Unterschied?”

Jamie Shea:
“Es ist gut, dass der Islamische Staat sieht, dass er nicht nur Regierungen oder Ländern den Kampf angesagt hat, sondern auch den Werten unserer Gesellschaft. Aber andrerseits ist es eine Tatsache, dass der Islamische Staat weiterhin 46.000 Twitter-Konten hat. Manchmal liefern diese Twitter-Konten nützliche Informationen.”

euronews:
“Die Aktion könnte also kontraproduktiv sein?”

Jamie Shea:
“Ja, es könnte kontraproduktiv sein und ehrlich gesagt wäre es besser, wenn Anonymous das den Behörden des Staates überlassen würde. Denn sie wissen, was die besten Strategien und Methoden sind.”

euronews:
“Ich möchte noch etwas anderes ansprechen. Es besteht die Sorge und es gibt Berichte, die darauf hindeuten, dass der Islamische Staat Massenvernichtungswaffen in die Hände bekommen könnte. Wir wissen, dass chemische Waffen in Syrien eingesetzt worden sind. Bereitet das Ihrer Einheit Sorge?”

Jamie Shea:
“Der Islamische Staat kontrolliert ein Gebiet und ist gut organisiert, das macht ihn gefährlich. Wenn die IS-Miliz wie Al-Qaida in den vergangenen Jahren ständig auf der Flucht wäre und sich immer vor Drohnen verstecken müsste, dann hätte sie keine Zeit Labore einzurichten und die finanziellen Mittel zusammenzutragen, die nötig sind, um eine Massenvernichtsungswaffe herzustellen. Als erstes geht es also darum dafür zu sorgen, dass sie kein Gebiet haben, in dem sie in Sicherheit sind und wo sie eine gewaltsame Aktion vorbereiten können. Das ist ganz entscheidend. Andererseits haben wir in Paris gesehen, dass sie nur mit Kalaschnikows und Sprengstoff und nur mit acht oder neun Tätern bereits großes Chaos anrichten können. Zudem haben sie sehr viel Werbung bekommen. Das ist für sie sehr wichtig, denn sie versuchen Misstrauen zu säen und die Menschen gegeneinander aufzubringen.
Sie fragten nach Massenvernichtungswaffen, aber vielleicht ist es für sie billiger und schneller diese ausgeklügelten Anschläge auszuführen und im Internet aktiv zu sein. Wir müssen uns auf verschiedene Angriffe von Seiten des Islamischen Staates vorbereiten und uns nicht nur auf eine Bedrohung konzentrieren.”