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Wie die IS-Miliz aus Kindern Soldaten macht - ein Interview

Die Extremisten des sogenannten Islamischen Staats haben im Irak und in Syrien ein Kalifat ausgerufen. In weiten Teilen dieser beiden Länder haben

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Wie die IS-Miliz aus Kindern Soldaten macht - ein Interview

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Die Extremisten des sogenannten Islamischen Staats haben im Irak und in Syrien ein Kalifat ausgerufen. In weiten Teilen dieser beiden Länder haben sie ein religiöses Terrorregime errichtet. Ihre Gewalt breitet sich in Nordafrika aus, auch in Europa wächst die Angst vor weiteren Anschlägen.

Meinung

Die Kinder lernen zu zählen, indem sie Bilder von Panzern abzählen.

Auch vor Frauen und Kindern macht die Ideologie der Extremisten nicht Halt. Euronews hat mit der Wissenschaftlerin Nikita Malik vom britischen Think Tank Quilliam gesprochen. Sie ist Koautorin des Berichts “Die Kinder des Islamischen Staats”:http://www.quilliamfoundation.org/wp/wp-content/uploads/publications/free/the-children-of-islamic-state.pdf.

Das volle Interview (auf Englisch) finden Sie hier.

In der Veröffentlichung heißt es, dass in den von der IS-Miliz kontrollierten Gebieten mehr als 30.000 schwangere Frauen leben. Diese Frauen wurden Größtenteils entführt, als Sexsklavinnen gehalten und mit der Absicht geschwängert, die Armee des Islamischen Staats zu vergrößern.

Kinder, die unter der Herrschaft des IS leben, sind extremer Gewalt ausgesetzt – auch im internen Bildungssystem der Terrororganisation.

“Das hohe Maß an Gewalt ist sehr schockierend,” so Malik gegenüber Euronews. “Die Gewalt findet sich sogar im den Lehrplan wieder. In den Schulbüchern sind regelmäßig Waffen abgebildet. Die Kinder lernen zu zählen, indem sie Bilder von Panzern abzählen. Und das in der Grundschule! Vor allem die Normalisierung von Gewalt hat mich schockiert. Denn das ist etwas, das man mit jungen Kindern einfach nicht in Verbindung bringt. Die Schule sollte doch ein Ort sein, an dem sich ein Kind geborgen fühlt und nicht solch brutalen Dingen ausgesetzt ist.”

Nach der Analyse der Quilliam-Stiftung wendet ISIL ähnliche Taktiken der Indoktrinierung an wie die Nazis in Deutschland. Sowohl das Schulsystem als auch Trainingslager sind speziell zur Gehirnwäsche der Kleinen gedacht.

In einigen der schockierendsten Propagandavideos des IS ermorden Kinder Personen, die als Feinde der Dschihadisten angesehen werden. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass “diese abscheulichen Methoden der Normalisierung und der weiteren Indoktrinierung der Kinder” dienen.



Laut dem Bericht werden Kinder immer öfter als Soldaten, Prediger und Selbstmordattentäter eingesetzt.

Es bleibt in der Familie

“Die Rolle der Familien im Radikalisierungsprozess ist besonders alarmierend”, so Malik. “Unter den Herrschaften von Saddam Hussein und Adolf Hitler wurden Kinder hauptsächlich als Spione eingesetzt. Oft mussten sie ihre Familien aushorchen und wurden anschließen von Verantwortlichen befragt, damit das Regime die wahre Meinung ihrer Angehörigen erfährt.”

“Doch im Islamischen Staat sehen wir etwas ganz anderes. Familien sind hier ein wichtiger Teil des Radikalisierungsprozesses, sie sind diejenigen, die Kinder mit
ins Ausland nehmen oder sie dort zur Welt bringen.”

Gutenachtgeschichten von Märtyrern’

Nikita Malik und Noman Benotman kommen zu dem Fazit, dass Familien in der Rekrutierungsstrategie des IS eine entscheidende Rolle zukommt, mehr noch als Individuen.

Der Islamische Staat “ist nicht nur eine Rebellengruppe, sondern ein aufstrebender Staat. Da braucht es Gesellschaften und nicht nur Soldaten”.

“Mütter werden mit Büchern versorgt, die ihnen sagen, wie sie Dschihadisten erziehen sollen. Darin wird ihnen vorgeschlagen, Gutenachtgeschichten über Märtyrer zu erzählen oder Kinder mit brutalem Bildmaterial von einschlägigen Webseiten zu konfrontieren.”

Wie sehen die Konsequenzen aus?

Die Kinder des Islamischen Staats befasst sich auch mit der Frage, was passieren würde, wenn indoktrinierte Kinder in ihre Ursprungsländer zurückkehren. 50 britische Kinder sollen sich in der ISIL-Gewalt im Irak und Syrien befinden.

“Die britische Regierung müsste diese Kinder aufnehmen”, so Malik.

Tareena Shakil ist im Jahr 2014 mit ihrem keinen Sohn nach Syrien gegangen, aber kam zurück, nachdem ihre bewusst wurde, “wie extrem der Islamische Staat ist”.

Malik zufolge ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass mehr und mehr Kinder zurückkommen – entweder mit ihren Familien oder auf eigene Faust. Einen angemessenen Aufnahmeprozess für solche Fälle gibt es laut Bericht bisher nicht.

“Es ist schwierig genug, wenn ein Kind aus seiner Familie entführt wurde”, so Malik. “Aber wenn das Kind zurückkommt, dann gibt es ein System, in dem es aufgehoben ist und mit dem es ggf. vertraut ist. Aber wenn die ganze Familie radikalisiert ist, und das Kind dann von der Familie und dem Bildungssystem getrennt wird … . Dazu kommen emotionale und physische Traumata, unter denen sie leiden.”

Wie verlässlich ist der Bericht?

Der Bericht basiert auf dem von ISIL veröffentlichten Propagandamaterial und es gibt an einigen Stellen Defizite, erklärt Malik.

Sie sagt: “Natürlich ist dieses Material sehr einseitig. Es gibt Momente, in denen Kinder fröhlich in die Kamera blicken – wir wissen nicht, inwiefern man sie gezwungen hat zu sagen, was sie sagen.”

“Aber es gibt dennoch Einsicht in ihr Leben, auch wenn diejenigen, die diese Informationen verbreiten, vielleicht ein anderes Motiv haben.”