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Andres Serrano in Avignon: Tod, Sexualität und Körperflüssigkeiten

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Andres Serrano in Avignon: Tod, Sexualität und Körperflüssigkeiten

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Religion und Sexualität sind unter anderem die Themen des US-amerikanischen Fotokünstlers Andres Serrano. Radikale und zum Teil kontroverse Bilder

Religion und Sexualität sind unter anderem die Themen des US-amerikanischen Fotokünstlers Andres Serrano. Radikale und zum Teil kontroverse Bilder, die sprichwörtlich unter die Haut gehen.

Meinung

Ich lebte mit einer Frau, die eine Kamera besaß und begann, diese als Künstler zu benutzen. Und mir wurde klar, dass ich mit Fotoapparat statt Pinsel als künstlerisches Ausdrucksmittel arbeiten wollte.

Unvergessen ist der Skandal um das Werk “Piss Christ” (1987), ein Urin getränktes Kruzifix, das mehrmals attackiert wurde.

Seine Werke sind derzeit im französischen Avignon zu sehen, in der Collection Lambert, ein vom Galeristen Yvon Lambert gegründeten Museum für zeitgenössische Kunst. Dort traf euronews-Reporter Philippe Mathieu den Künstler, der nicht möchte, dass man ihn als Fotografen bezeichnet.

Andres Serrano: “Ich sage das, weil ich, als ich 17 war, an der Brooklyn Museum Art School Malerei und Bildhauerei studierte. Nach ein paar Jahren an der Kunstschule wurde mir klar, dass ich weder malen noch Skulpturen anfertigen konnte. Außerdem war ich jung, ständig auf Achse und hatte keine Werkstatt. Ich lebte mit einer Frau, die eine Kamera besaß und begann, diese als Künstler zu benutzen. Und mir wurde klar, dass ich mit Fotoapparat statt Pinsel als künstlerisches Ausdrucksmittel arbeiten wollte.”

Der 65-Jährige ist in Europa, dank Galeristen wie Yvon Lambert, stärker bekannt als in den USA.

Andres Serrano: “In den vergangenen 20, 25 Jahren haben Yvon und ich nicht besonders viel kommuniziert. Aber ich weiß, dass ihm viel an meiner Arbeit liegt, und ich schätze ihn dafür.”

Serranos Bilder lassen keinen Betrachter kalt. Er tut auch Einiges, um sie anzufertigen. Für “The Morgue” verbrachte er drei Monate im Leichenschauhaus.

Andres Serrano: “Dabei entdeckte ich, das es mir nicht besonders gefiel. Ich habe keine Lust zu sterben. Was ich über den Tod herausfand, war, dass Menschen völlig unerwartet sterben. Und nicht unbedingt auf die Art und Weise, die sie sich gewünscht oder die sie verdient hätten. Die meisten Menschen, die ich in der Leichenhalle fotografierte, waren nicht wegen ihres hohen Alters verstorben, sondern bei furchtbaren Unfällen, durch Mord, Suizid oder Krankheiten um Lebens gekommen. Nur bei den wenigsten war es eine natürliche Todesursache.”

Nach dem 11. September machte Serrano eine Porträtreihe, die sein Amerika beschreiben sollte, mit berühmten aber auch unbekannten Gesichtern. Zu seinen jüngsten Werken gehören Bilder zum Thema Folter.

Andres Serrano: “Die Arbeit begann im Grunde schon 2005, als mich das New York Time Magazine darum, bat eine Fotoserie zum Thema Folter zu machen, Bilder im Stil von Abu Ghraib. Ein Foto war auf der Titelseite zu sehen, ein Mann mit verhülltem Kopf. Dieses Bild entstand bereits 2005, aber ich habe das nicht weiter verfolgt. Angefangen, über Folter nachzudenken, habe ich erst im vergangenen Jahr, als mir ein paar Leute sagten: warum beschäftigst Du Dich nicht mit diesem Thema? Und ich sagte: OK.”

Auch die Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel widmen Andres Serrano derzeit eine Retrospektive, in der unter anderem seine Porträts von Obdachlosen in New York und Brüssel zu sehen sind.

Andres Serrano: “Dieses Projekt entstand vor ein paar Jahren unter dem Titel ‘Residents of New York’ über Menschen, die auf der Straße leben. Ich wollte sie nicht Obdachlose nennen, weil das ein Cliché ist. Deswegen nannte ich sie ‘Residents of New York’, um zu würdigen, dass sie tatsächlich Bewohner der Stadt New York sind. Michel Draguet, dem Direktor der Königlichen Museen in Belgien, gefiel die Werkserie so gut , dass er mich bat, dasselbe in Brüssel zu machen.”

Kunst ist für Serrano Ausdruck der Notwendigkeit. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Andres Serrano: “Ich habe so viel von der Kunst in meinem Leben gelernt, dass ich nicht mehr das Bedürfnis verspüre, sie zu betrachten. Die angesagten Künstler und Fotografen kenne ich oft gar nicht, dafür aber die Klassiker. Ich weiß, was ich weiß und dass ich genug weiß. Ab einem bestimmten Punkt ist das Leben so erfüllt, dass die Dinge einfach heraussprudeln.”

Die Ausstellung “Andres Serrano, Ainsi soit-il” ist bis zum 12. Juni in Avignon zu sehen.

euronews-Reporter Philippe Mathieu im Gespräch mit Andres Serrano: