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Russell Banks: "Ein Mann, der vier Mal verheiratet war, muss sich erklären."

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Russell Banks: "Ein Mann, der vier Mal verheiratet war, muss sich erklären."

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Wenn Sie ein wenig düstere Romane mögen, die von Drogen, Suff und Gewalt handeln, dann ist Russell Banks der richtige Autor für Sie. Der international anerkannte und ausgezeichnete US-Autor ist zudem ein linker Aktivist und ein kritischer Beobachter der Ereignsse dies- und jenseits des Atlantiks.

Von Armut und Außenseitern

Lesley Alexander, euronews:
“Was fasziniert Sie so an der Schattenseite des Lebens und an den Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben? Sagt das etwas über Sie aus?”

Russell Banks:
“Nun, erstens ist es so, dass ich nicht über eine Minderheit oder einen dunklen Teil der Gesellschaft schreibe, sondern über die Mehrheit. Im Leben der meisten Menschen gibt es eine Schattenseite, die sie oft sehr stark beeinflusst. Ich gebe zu, dass ich manchmal, wenn es um den Zustand der Welt geht, ein wenig schwarz sehe. Ich sehe es so: Der bösartige Hund wird immer beißen, und er wird immer gewinnen. Daran führt kein Weg vorbei. So ist das Leben.”

euronews:
“Hat das mit Ihrer Kindheit zu tun? Ich habe ein wenig über ihre Familie gelesen und soweit ich es verstanden habe, hatten Sie als Kind eine sehr schwierige Zeit.”

Russell Banks:
“Ja, das war in den 1940er und 1950er Jahren. Meine Familie war ruiniert und geprägt von Alkoholismus. Mein Vater hat uns im Stich gelassen, als ich zwölf war. Ich war der Älteste von vier Kindern. Ich bin in Armut aufgewachsen und wurde ab dem Zeitpunkt nur noch von meiner Mutter aufgezogen. Von klein auf hatte ich das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Ich schaute mich um und identifizierte mich mit Menschen, die ebenfalls Außenseiter waren, sei es wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer Sexualität oder ihrer Beziehung zur Gesellschaft. Es war für mich naheliegend, mich mit ihnen zu identifizieren.”

euronews:
“Ist das Schreiben für Sie eine Art Therapie, oder ist das zu einfach?

Russell Banks:
“Ja, das ist zu simpel, denn wenn es eine Therapie ist, dann hat sie nicht funktioniert!”

euronews:
“Nicht einmal ein bisschen?”

Russell Banks:
“Nein, aber wissen Sie, das Schreiben zwingt mich zu einer gewissen Disziplin in meinem Leben. Es fordert meine Aufmerksamkeit. Wenn ich schreibe, bin ich intelligenter als wenn ich nicht schreibe. Und ich bin ehrlicher, wenn ich schreibe. Wahrscheinlich bin ich auch ein netterer Mensch.”


Biographie: Russell Banks

  • Geboren am 28. März 1940 in Newton, Massachusetts, USA.
  • Autor mehrerer Romane, Kurzgeschichten und Gedichte.
  • Mehrfach ausgezeichnet und zweifacher Finalist des Pulitzer Preises.
  • Seine Werke sind in 20 Sprachen übersetzt worden. Zu seinen Romanen gehören “Gegenströmung”, “Der Gejagte”, “Das süße Jenseits”, “Gangsta Bone”, “John Brown, mein Vater” und “Verstoßen”.
  • Verheiratet mit seiner vierten Frau, der Dichterin Chase Twichell.

Von Terror, Angst und Mut

euronews:
“Redefreiheit ist Ihnen sehr wichtig. Und es hat sich zufällig so ergeben, dass Sie im Januar 2015, kurz nach dem schrecklichen Terroranschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo, in Paris waren. Wie haben Sie das ganze erlebt?”

Russell Banks:
“Es war ein abscheuliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ich fühlte mich wie damals in New York. Ich war am 11. September 2001 in New York und habe gesehen, wie die Türme eingestürzt sind. In Paris habe ich eine ähnliche Erfahrung gemacht. Ich wurde Zeuge der kollektiven Trauer, der Wut und der Angst und habe all das auch selber gefühlt.”

euronews:
“Sie haben die Angst erwähnt. Ich weiß, dass Sie große Lust darauf hatten, nach Lyon zum internationalen Forum des Romans zu kommen, aber es scheint, als ob eine Reise nach Europa viele ihrer amerikanischen Mitbürger nervös macht, denn sie fürchten um ihre Sicherheit.”

Russell Banks:
“Das ist lächerlich.”

euronews:
“Sie haben nicht gezögert zu kommen?”

Russell Banks:
“Nein, natürlich nicht.”

euronews:
“Nun, das freut uns!”

Russell Banks:
“Statistisch gesehen ist das eine verrückte Befürchtung oder Angst. Wenn Sie Angst haben, dann hat der Terrorismus gewonnen. Deswegen weigere ich mich, zu Hause zu bleiben.”

Von einem Albtraum namens Trump

euronews:
“Eines ist sicher, sowohl in den USA als auch in Europa passiert derzeit in der Politik eine Menge, Populismus und Nationalismus sind auf dem Vormarsch. Sie sind sehr politisch. Was halten Sie von dem, was in Österreich, in Frankreich, in Großbritannien und in den USA, wo Donald Trump triumphiert, passiert?”

Russell Banks:
“In den USA, sowohl links mit Bernie Sanders, als auch rechts mit Donald Trump, erleben wir einen Anstieg der Angst. Angst vor Menschen, die eine andere Sprache sprechen oder die eine andere Hautfarbe oder Religion als die Mehhrheit haben. Und es gibt auch eine wirtschaftliche Angst. Zum ersten Mal ist den Menschen in den USA klar, dass rund ein Prozent der Bevölkerung die Wirtschaft kontrolliert.”

euronews:
“Sie haben eine Online-Petition unterschrieben ‘StopHateDumpTrump’. Unter den Zehntausenden Amerikanern, die unterschrieben haben, sind auch berühmte Namen: Jane Fonda, Danny Glover…”

Russell Banks:
“Die üblichen Verdächtigen.”

euronews:
“Wie gefährlich wäre Donald Trump, wenn er im November gewählt würde? Glauben Sie, dass er wirklich die Wahlen gewinnen kann?”

Russell Banks:
“A: Ja, ich glaube die Möglichkeit besteht durchaus. Und B: Es wäre unglaublich gefährlich. Er ist ein Wahnsinniger, der unter einer riesigen narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Er ist ein sehr guter Manipulant und kommt gut im Fernsehen rüber, aber er ist ohne jede Moral, rücksichtslos und ungebildet.”

euronews:
“Nun, Sie reden auf jeden Fall nicht um den heißen Brei herum!”

Russell Banks:
“Nein, die Idee, dass Donald Trump das amerikanische Militär, das US-Außenministerium und die US-Wirtschaft kontrollieren würde, wäre für mich ein Albtraum.”

euronews:
“Ein Albtraum. Sprechen wir von der anderen Seite. Wir haben Bernie Sanders erwähnt. Ich habe einen faszinierenden Artikel gelesen, den Sie in den 1980ern geschrieben haben.”

Russell Banks:
“1986, ja.”

euronews:
“Ja, er war damals Bürgermeister einer Kleinstadt. Sie haben Zeit mit ihm verbracht und die Beschreibung , die Sie von ihm machen, trifft auch auf den heutigen Mann zu.”

Russell Banks:
“Ist das nicht unglaublich? Er hat sich nicht verändert.”

euronews:
“Haben Sie damals einen Präsidenten in ihm gesehen?”

Russell Banks:
“Nein, wirklich nicht.”

euronews:
“Unterstützen Sie ihn heute?”

Russell Banks:
“Ja, ich habe bei den Vorwahlen im US-Bundesstaat Florida für ihn gestimmt. Und ich habe ihm einen kleinen Scheck über 25 Dollar geschickt, damit ich einer der Millionen kleinen Spender bin, über die er so gerne redet!”

Von einem Mann, der vier Mal verheiratet war

euronews:
“Kommen wir noch einmal auf das Schreiben zurück. Sie arbeiten an einem neuen Projekt, an einem neuen Buch, das sich ein wenig von den anderen unterscheidet. Um was geht es?”

Russell Banks:
“Nun, bis jetzt habe ich noch nie über mich selbst geschrieben. Dieses Buch ist eine Art Autobiographie. Ich versuche, aus der Sicht eines 76 Jahre alten Mannes auf mein Leben zurückzublicken. Es geht aber vor allem um einen Aspekt seines Lebens, um seine Ehen. Ich war vier Mal verheiratet und habe mich drei Mal scheiden lassen. Es ist also ein Versuch, um zu verstehen, wie das passieren konnte. Wie konnte ich das mir und den anderen Menschen antun!”

euronews:
“Und wie lautet noch einmal der erste Satz?”

Russell Banks:
“Der erste Satz, ja, der sagt einem mehr oder weniger, worum es in dem Buch geht. Der Satz lautet: “Ein Mann, der vier Mal verheiratet war, muss sich erklären.”

euronews:
“Da kann man nichts dagegen sagen! Russell Banks, ich danke Ihnen für das Gespräch.”

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