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Ukraine: Ein brüchiger Waffenstillstand

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Ukraine: Ein brüchiger Waffenstillstand

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Vor beinahe drei Jahren, im September 2014 wurde in Minsk in Weißrussland das sogenannte Minsker Abkommen unterzeichnet. Ein halbes Jahr später folgte der vom französischen Präsidenten François Hollande, der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ausgehandelte Maßnahmenkomplex zur Umsetzung der Minsker Vereinbarungen. Ziel dieser Abkommen war die Deeskalation und Befriedung des in der Ost-Ukraine herrschenden Kriegs, und beide enthielten auch Waffenstillstandsabkommen. Diese wurden jedoch schon kurz nach den Unterschriften gebrochen.

Eines der umkämpftesten Gebiete in der Region Donezk ist die Stadt Awdijiwka, eine Industriestadt in der Pufferzone zwischen beiden Seiten. Hier stehen sich ukrainische Kämpfer und pro-russische Separatisten gegenüber. Vom Dach eines halb zerstörten Gebäudes können die ukrainischen Kämpfer die Frontlinie zum pro-russisch kontrollierten Gebiets beobachten, und trotz des Waffenstillstands kommt es immer wieder zu Gefechten. Grund dafür ist die strategisch wichtige Lage der Stadt, erklärt Sergey, ein ukrainischer Kämpfer, der seinen vollen Namen verschweigt, Euronews. “Die Zufahrtsstraße von Donezk führt durch Horliwka. Das ist natürlich ein extrem wichtiger Transportweg. Die andere Seite, der Feind, sagt, dass wir die Straße einnehmen wollen. Tatsächlich wollen wir aber nur die Sicherheit unserer Leute garantieren.”

Trotz des andauernden Kriegs leben noch immer Menschen in Awdijiwka, und sie versuchen, ein wenig Normalität in ihrem Alltag zu behalten. Einer von ihnen ist Alexey. Trotz der Kämpfe renoviert er gerade seine Wohnung, wohl wissend, dass das Haus in jedem Moment zerstört werden kann.
“Als nächstes wollen wir die Tapeten und den Boden ersetzen. Vor dem Krieg hatten wir keine Zeit dafür. Als Poroschenko an die Macht kam sagte er, dass der Krieg in einem Monat vorbei sein wird. Jetzt ist er Präsident, der Krieg dauert seit drei Jahren, und es gibt kein Anzeichen, dass er bald vorbei sein wird.”

Zusammen mit ukrainischen Kämpfern will Euronews einen der wichtigsten Außenposten besuchen. Dort, auf der Hauptstraße, liegen sich die Truppen beider Seiten gegenüber und versuchen einander mit Mörsergranaten, Raketen und schwerer Artillerie am Fortkommen zu hindern. Die Gegend wird der “Krater” genannt. Einschläge von über 300 Granaten haben hier tatsächlich eine Kraterlandschaft geschaffen.

35.000 Menschen lebten vor dem Ausbruch des Krieges in Awdijiwka. Mindestens die Hälfte hat die Stadt inzwischen verlassen.Viele Menschen hier verstehen die Gründe für den Krieg nicht. So wie Valentina, mit der Euronews auf dem Marktplatz spricht: “Zivilisten sind getötet worden, Soldaten sind gestorben. Müssen Menschen ums Leben kommen damit wir uns Europa anschließen können? Wir wollen in einer friedlichen Ukraine leben, so wie zuvor. Wir brauchen Russland nicht. Die Politiker sollten herkommen, damit sie sehen wie wir hier leben.”

Die meisten Einwohner von Awdijiwka arbeiten bei Metinvest. Die Fabrik ist die größte Koks-, Kohle, und Chemieproduzent in der Ukraine. Sie ist von großer Bedeutung für die Metall verarbeitende Industrie. Wegen des Kriegs musste die Arbeit vor zwei Jahren eingestellt werden, und die Preise für Kohle und Koks stiegen um 20 Prozent. Wegen ihrer industriellen Bedeutung ist die Fabrik auch ein Ziel von Angriffen. Viktor Kruglenko, ein Angestellter von Metinvest, sah letztes Jahr seinen 25 Jahre alten Sohn Sergej sterben. Er kam ums Leben, als eine Granate hier einschlug. Heute erinnert eine Gedenktafel an Sergejs Tod, aufgestellt wurde sie von der Firma.

Weiter südlich am Asowschen Meer, kurz hinter Mariupol, treffen wir freiwillige Kämpfer des Regiments Asow. Laromir ist russischer Herkunft, er stammt aus Stawropol. Wie viele seiner Kameraden kämpft er auf ukrainischer Seite gegen die pro-russischen Separatisten. Diese Soldaten sagen, es gehe in diesem Krieg nicht um Herkunft oder Volkszugehörigkeit, es gehe darum, demokratische Werte gegen ein zunehmend autoritäres Russland zu verteidigen. Mindestens 20 Russen kämpfen im Regiment Asow, das dem ukrainischen Innenministerium unterstellt ist. Es besteht nur aus Freiwilligen. Auch ausländische Kämpfer sind darunter. Einer von ihnen ist Dennis, der aus Kroatien stammt. Vor mehr als 20 Jahren kämpfte er im Balkankrieg gegen die Serben. “Das ist der Beginn eines neuen kalten Kriegs, Putin will sich in eine gute Ausgangsposition bringen für diesen neuen kalten Krieg. Ich glaube, dass ganz Europa und die ganze freie Welt sich auf meine Seite stellen, und uns, ich meine die Ukraine, unterstützen muss. “

Das Asow Regiment ist umstritten, sowohl in der Ukraine wie auch im Ausland. Seine Gegner sagen, es bestehe aus Söldnern, unter denen einige faschistisches Gedankengut vertreten. Die Befürworter hingegen sagen, das Regiment kämpfe gegen Wladimir Putins Expansionismus und die russische Ausdehnungstendenz. Darauf angesprochen, dass Stimmen im Westen die Angehörigen des Regiments als Söldner bezeichnen, lacht Dennis. “Ich habe keinen Grund, das zu verstecken”, sagt er. “Gestern habe ich mein Gehalt für Februar bekommen. Genau 6000 Hryvnias, das sind umgerechnet 220 Euro. Wenn man mich Söldner nennt, ist das schon okay. Früher in Kroatien habe ich leicht mal 2000 Euro in einer Nacht ausgegeben, im Restaurant oder in einer Bar.”

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