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Kriegsfotograf James Nachtwey gibt Einblicke in seine beeindruckende Arbeit


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Kriegsfotograf James Nachtwey gibt Einblicke in seine beeindruckende Arbeit

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James Nachtwey ist einer der bedeutendsten Fotografen unserer Zeit. Seit fast vier Jahrzehnten blickt er dem Leiden ins Auge, er dokumentiert Armut, Hungersnöte, Krankheiten und Konflikte. Er entschied sich dafür, Kriegsfotograf zu werden, nachdem er Bilder aus Vietnam von Fotografen wie Don McCullin sah. Er war fasziniert von der Macht der Bilder und wie diese die Menschen dazu brachten, gegen den Krieg zu rebellieren.

Obwohl er fast seine gesamte Karriere in Kriegszonen verbracht hat, sieht er sich selbst als einen Antikriegsfotografen und glaubt immer noch an die Kraft der Bilder und dass diese Kriege verhindern können.

Der amerikanische Fotograf wurde nun für seine Arbeit mit dem Asturias-Preis in der Sparte Kommunikation und Menschlichkeit ausgezeichnet. Euronews hat ihn getroffen.

Euronews: Warum machen Sie diesen Job, besonders die Kriegsfotografie? Der britische Fotograf Don McCullin sagte, dass man nur auf lange Sicht ein Kriegsfotograf sein kann, wenn man ein Anliegen hat. Was ist Ihr Anliegen?

James Nachtwey, Kriegsfotograf: “Die Menschen sollen wissen, was in der Welt passiert. Wenn es einen Krieg gibt, steht für die Beteiligten so viel auf dem Spiel und auch für den Rest der Welt. Fotos werfen einen Blick hinter die politische Propaganda, mit der die Verantwortlichen ihren Krieg rechtfertigen. Fotografen sind vor Ort, sie sehen, was wirklich passiert. Sie zeigen die Auswirkungen des Krieges und ziehen die Entscheidungsträger im Konflikt zur Rechenschaft. Es ist eine Möglichkeit, die öffentliche Meinung zu formen und Druck für einen Wandel auszuüben.”

Euronews: Kann ein Bild als Gegenpol zum Krieg wirken?

James Nachtwey, Kriegsfotograf: “Ja, daran glaube ich. Ein Bild, welches das wahre Gesicht des Krieges zeigt, ist ein Antikriegsbild. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, was ein Krieg mit den Menschen und der Gesellschaft anrichtet. Es wäre sehr schwierig, das anzupreisen. Deshalb glaube ich, dass Fotos das wahre Gesicht des Krieges darstellen und sich dagegen aussprechen, Krieg als Mittel für die Politik einzusetzen. Es gibt Dinge im Leben, die sind es wert, dafür zu kämpfen. Ich glaube daran, dass Menschen sich verteidigen müssen, aber gleichzeitig denke ich auch, dass uns klar sein sollte, wo ein Krieg hinführt, was die zwangsläufigen Konsequenzen für die Menschen sind. Das dürfen wir nie vergessen und wir müssen gründlich darüber nachdenken, bevor sich Menschen dazu verpflichten, einen Krieg zu führen.”

Euronews: Sie haben von Dutzenden Kriegsgebieten aus berichtet. Ist Ihnen ein Krieg besonders im Gedächtnis geblieben?

James Nachtwey, Kriegsfotograf: “Wenn jemand leidet, wenn jemand zum Opfer wird, dann ist es schwierig zu sagen, einer ist wichtiger als der andere. Ich denke, sie sind alle gleichermaßen von Bedeutung. Andererseits ist der Genozid in Ruanda etwas, das so extrem und ungewöhnlich war. Es war sehr schwierig zu verstehen, wie es sein kann, dass 800.000 bis zu einer Million Menschen von ihren Landsmännern innerhalb von drei Monaten abgeschlachtet wurden. Als Waffen setzten sie Werkzeuge von den Bauernhöfen ein. Wenn jemand eine Machete oder eine Axt über den Kopf einer unschuldigen Person hält, dann fragt man sich, was ihnen das Recht gibt, seinen Nachbarn abzuschlachten. Das kann ich einfach nicht verstehen.”

Euronews: Die meisten Ihrer Arbeiten sind in Schwarz-Weiß. Wenn Ihr Anliegen aber ist, die Realität darzustellen, warum dann Schwarz-Weiß? Die Realität passiert doch in Farbe.

James Nachtwey, Kriegsfotograf: “Das stimmt, Schwarz-Weiß ist nicht real, sondern abstrakt. Aber was es erreicht ist, dass es das Wesentliche des Geschehens herausfiltert. Denn nur die Farbe an sich ist ja ein starkes Phänomen, im körperlichen Sinne, und konkurriert mit dem, was im Bild passiert. Die Farbe versucht selbst, Gegenstand des Fotos zu werden. Wenn man also in Schwarz-Weiß abstrahiert, wird das Wesentliche des Geschehens herauskristallisiert, ohne mit der Farbe in Konkurrenz zu stehen.”

Euronews: Was macht den Unterschied zwischen einem guten Bild und einem Kultfoto aus? Was macht ein Bild aus, das Geschichte schreibt.

James Nachtwey, Kriegsfotograf: “Es muss etwas sehr Starkes sein, aufrichtig und zutiefst menschlich und das muss durch das Bild ausgedrückt werden. Es muss sich um eine Situation handeln, die von historischer Bedeutung ist. Im Journalismus muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Das klingt vielleicht einfach, aber ist eigentlich wahnsinnig schwierig, wie Sie selbst wissen.

Ich denke, das öffentliche Bewusstsein bei einem bestimmten Ereignis spielt dabei auch eine große Rolle. Es muss einen bestimmten Punkt erreichen, bevor ein Bild wirklich zum Kultfoto werden kann.

Zum Beispiel, das Bild des Jungen Aylan Kurdi, der vor der türkischen Küste ertrank. Das Foto erschien zu einem Zeitpunkt, als die Welt sich der Situation ausreichend bewusst war. Das rüttelte die Öffentlichkeit wach. Das Foto von Phan Thi Kim Phuc, einem jungen Mädchen, das vor Napalm im Vietnamkrieg floh. Es wurde auch zu einem Zeitpunkt aufgenommen, in dem der Krieg genug Aufmerksamkeit bekam und es zahlreiche Proteste gegen diesen Krieg gab. Dieses Foto rüttelte ebenso die Öffentlichkeit wach.”

Euronews: Sprechen wir über die Auswirkungen von Bildern und die Massenmedien. Sie wissen aus erster Hand, dass Herausgeber und Redaktionen sich häufig zurückhalten, wenn es um diese Art von Bilder geht. Sie erwähnten das Beispiel von Aylan Kurdi… Das am häufigsten verwendete Argument ist, dass beim Veröffentlichen der Bilder die Würde der Opfer verletzt wird. Ergibt das für Sie Sinn?

James Nachtwey, Kriegsfotograf: “Dass Menschen leiden, bedeutet nicht, dass Sie keine Würde haben. Dass Menschen Angst haben, bedeutet nicht, dass es ihnen an Mut fehlt. Wenn Menschen schwierige Umstände aushalten müssen, heißt das nicht, dass sie keine Hoffnung haben. Dann untergraben Bilder auch keine Würde, nicht zwangsläufig. Ich finde nicht, dass das Bild von Aylan Kurdi seine Würde verletzt hat. Das Foto löste jede Menge Mitgefühl für diesen kleinen Jungen, für seine Familie und für alle Flüchtlinge aus. Wenn dieses Bild nicht in gewisser Weise würdevoll gewesen wäre, und wenn es nicht die Opfer, die er auf sich nahm, dargestellt hätte, dann hätte das Bild auch nicht diese Wirkung gehabt.”

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