Eilmeldung

Sie lesen gerade:

Das Kalifat des IS - was steckt historisch dahinter?


welt

Das Kalifat des IS - was steckt historisch dahinter?

Seit 2013 führt der sogenannte “Islamische Staat” oder Daesh einen Kampf im Irak und in Syrien, um ein Kalifat zu errichten, das dem Islam seine “Größe und Reinheit” zurückgeben soll. Seine Ideologie lässt sich auf Dschihadisten-Bewegungen früherer Jahrhunderte in der arabischen Welt zurückverfolgen.

Von Mohamed Abdel Azim

Im Oktober 2016 hat die anti-dschihadistische internationale Koalition ihre Offensive zur Rückeroberung Mossuls gestartet, der letzten Hochburg des sogenannten “Islamischen Staats” im Irak. Diese Offensive, die von langer Hand vorbereitet wurde, unterscheidet sich von allen anderen in ihrer symbolischen wie strategischen Tragweite: Ihr Ziel ist, den “Staat” des “Kalifen” Abu Bakr al-Baghdadi auszulöschen.

In Syrien hat IS – oder Daesh – hingegen im Dezember erneut die Wüstenstadt Palmyra in seine Gewalt gebracht. Die Luftangriffe der russischen Streitkräfte konnten die Dschihadisten nicht daran hindern, die Stadt ein zweites Mal einzunehmen. Sie hatten sie schon im März 2016 besetzt.


Gibt es historisch Parallelen?


Das Kalifat von al-Baghdadi

Bei Aristoteles beruht das Fundament des Staatswesens auf einem starken Grundgedanken: “Jede Siedlung ist eine Gemeinschaft.” Im Sprachgebrauch des sogenannten “Islamischen Staats” wird dieser Leitgedanke zu “Jede Siedlung ist die Unterwerfung der Gemeinschaft”. Der IS will die Gemeinschaft (Umma) mit einem propagandistischen Ziel aufbauen: nämlich dem Islam Reinheit und Größe zurückzugeben.

Aus Durkheimischer Sicht (Emile Durkheim, französischer Soziologe) ist das Anliegen des IS neu in der akademischen Betrachtung und noch nicht ausreichend verstanden. Basierend auf der Idee des Dschihad (wörtlich eigentlich “Anstrengung”, weiter gefasst “Kampf gegen Ungläubige”) setzt seine Strategie extremistisches, destruktives Gedankengut des 13. Jahrhunderts fort. International überrascht der IS durch seine polymorphe Form und durch seine Medienwirksamkeit dank seines Sprachrohrs Amak. Seine Aktionen beschäftigen Politiker und Militärstrategen. Seit 2013 drängt sich die Terrororganisation auf die Tagesordnung der internationalen Mächte und verbreitet Angst und Schrecken in Europa.

Der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi genießt seine Rolle als Idol der Terror-Kandidaten. Er fordert Treue und Gehorsam. Al-Baghdadi stellt eine Verbindung zu den raren Denkern des Dschihad her, die in früheren Zeiten mit Truppengewalt niedergeschlagen wurden. Solche Bewegungen tauchen seit dem elften Jahrhundert immer wieder einmal auf. Doch in jeder Epoche versagte letztlich die Militärgewalt in ihrem Bestreben, den schädlichen Einfluss der Dschihadisten zu neutralisieren. Diese Lösung scheitert seit Jahrhunderten.

Heute gibt es ein tiefgehendes, historisches Missverständnis bei al-Baghdadi. Er setzt auf den andauernden Bruch mit dem Willen zur Reform (Islah – Aussöhnung, Verbesserung) im arabisch-muslimischen Denken. Al-Baghdadi vergisst das Prinzip der Schura (Beratung) und hält vielmehr die Idee des Komplotts gegen den Islam hoch, der Glaubensspaltung (Fitna). Abwehr von Revolten und Reformen sind für ihn Teil des Kampfes gegen dieses Komplott gegen den Islam – und die Lösung sieht er im Dschihad gegen die anderen – Muslime oder Christen – die als Quelle des Unglaubens gelten (Kufr).


“Der Andere” von Ibn Taimiya


Al-Baghdadi nimmt insbesondere die Intervention der USA im Irak als Ausgangspunkt, um seine Anhänger zu mobilisieren. Dafür setzt er eine Methode ein, die schon im 11., 13. und 18. Jahrhundert angewandt wurde.

Im 11. Jahrhundert besingt der persische Mathematiker, Philosoph und Dichter Omar Chayyam in seinen Gedichten (Rubaijat) den Wein und die Frauen – in Versen, die unsterblich werden. Unweit davon stellt sein früherer Studiengefährte Hasan-i Sabbah seine Milizen auf, verbreitet Angst und Schrecken und räumt politische Widersacher aus dem Weg. Er lässt seine Auftragsmörder hohe Würdenträger vergiften und erdrosseln. Diese Haschisch-konsumierende (arabisch Haschaschinen) ismailitische Sekte wird als Assassinen bezeichnet.

Mitte des 13. Jahrhunderts besetzt eine mongolische Armee Persien. 1258 übernehmen die Mongolen die Kontrolle in Bagdad und bedrohen Damaskus und Kairo. Durch die Hinrichtung des letzten Kalifen setzen sie der Dynastie der Abbassiden, die seit 750 an der Macht sind, ein Ende. Unter der Herrschaft der Abbasssiden hatte die arabische Kultur eine Blütezeit erlebt. Mit der Übernahme Bagdads beendet die Armee des Mongolen-Khans Hülegü, eines Enkels von Dschingis Khan, diese intellektuelle Blüte. Der Koran-Gelehrte Ibn Taimiya, ein Feind des Fortschritts, nutzt den Einmarsch der Mongolen, um seine Doktrin zu verbreiten.

Die Abbassiden tun sich schwer, die Mongolen abzuwehren. Sie ersuchen die Mamluken um Hilfe. Die Mamluken, die an die Macht streben, nutzen den Einfluss der Predigten von Ibn Taimiya und der Idee des Dschihad. Der Mamluk Saif El-Dine Qoutoz erringt schließlich den ersten Sieg gegen die Mongolen auf dem Boden des heutigen Syriens, ihm folgt ein Rückzug der mongolischen Herrscher.

Der Sieg fördert die Verbreitung der Lehren von Ibn Taimiya. Er predigt Widerstand gegen alles, was er als Neuerung in der religiösen Praxis ansieht, predigt Gehorsam gegenüber den Herrschern, vertritt die Idee des “Anderen” (Al-Akhar) und erlaubt die Eliminierung all derer, die sich seinem Glauben widersetzen – ob Muslime oder Christen. Doch seine radikalen Ideen bringen Ibn Taimiya mehrmals ins Gefängnis, wo er schließlich stirbt. Dies ist das Ende der ersten Welle dschihadistischer Ideen im 13. Jahrhundert.

Unter der Mamluken-Herrschaft ist es um den intellektuellen arabischen Reichtum über zwei Jahrhunderte schlecht bestellt, und noch schlimmer wird es, als die Osmanen 1517 die Macht übernehmen. Im Osmanischen Kalifat stagniert die arabische Welt in allen Bereichen, fünf Jahrhunderte lang. Zersplittert und fragilisiert zieht sich das arabische Denken auf sich selbst zurück.

Infolge der Unabhängigkeitswelle Mitte des 20. Jahrhunderts finden die arabischen Hauptstädte sich in den Händen von Monarchenfamilien, geschlossenen Regimes oder Diktatoren wieder. Sie kopieren Modelle westlicher Demokratien, ohne auf dieselben philosophischen und gesellschaftlichen Erfahrungen zurückgreifen zu können, die der Westen über mehrere Jahrhunderte gemacht hatte.

Das Martyrium von Ibn Abdel-Wahhab

Der Dschihad von Ibn Taimiya endet in einem Rückzug in den arabischen Hauptstädten, insbesondere in Kairo – zunächst unter den Mamluken, später unter den Osmanen. Die Stagnation öffnet religiöser Scharlatanerie Tür und Tor. In Arabien tritt Muhammad ibn Abdel-Wahhab auf den Plan (Begründer des Wahhabismus des 18. Jahrhunderts). 1703 geboren, predigt er die Rückkehr zu den Quellen und lehnt Praktiken, die er polytheistisch nennt, ab. Aus politischen Gründen stützt sich Muhammad ibn Saud, der Gründer des ersten saudischen Staates, auf diese neue Welle des religiösen Rückbezugs. Er will einen Staat gründen, kann aber dafür keine Massen gewinnen. Also stützt sich Ibn Saud auf die Lehre von Ibn Abdel-Wahhab, der das Gebot des Dschihad gegen die intellektuelle Emanzipierung setzt. Saud fügt aus politischen Gründen der Lehre noch den Begriff des “Martyriums” hinzu. Dies ist die Geburtsstunde des politischen Islams und der wahhabitischen Doktrin, derzufolge es nur eine mögliche Auslegung der religiösen Schriften gibt, und Gehorsam gegenüber dem Machthaber oder der herrschenden Familie gilt.

Die Wahhabiten beleben die Ideen von Ibn Taimiya aus dem 13. Jahrhundert wieder, erlauben dem Einzelnen oder einer Gruppe, eigenständig jeden “Anderen”, der nicht das islamische Recht befolgt, zu exkommunizieren. 1802 kommen sie nach Kerbala im Irak, töten die Mehrheit der Bewohner, zerstören Moscheen und plündern. 1803 massakrieren sie in der Stadt Tajef in Arabien die männliche Bevölkerung und versklaven Frauen und Kinder. Zwischen 1811 und 1818 bekämpfen Truppen aus Kairo die Wahhabiten in deren Keimzelle in Diriyya, heute ein Vorort von Riad. Die Stadt wird zerstört und die Armee, die Emir Al-Saud exekutiert, beendet die erste Welle des Wahhabismus. Doch die simple Militäroperation hat das radikale Gedankengut nicht auf lange Sicht ausgelöscht.

Hasan-i Sabbahs Auferstehung

Mangels eines soliden pluralistischen Modells ist die arabische Welt anfällig für extremistische Ideen. Das Konzept des Dschihad beschränkt sich oft auf Gewalt und übersieht einen anderen wichtigen Begriff: Idschtihad, das Bemühen um ein eigenes Urteil. Ein Konzept, das seit Jahrhunderten vernachlässigt wird.

Der Dschihadismus des 21. Jahrhunderts nutzt dieselben Verbreitungskanäle wie die Prediger im 13. und 18. Jahrhundert. Aber neben Moscheen und Koranschulen kommt heute das Internet hinzu. Der IS führt seinen Kampf für die Errichtung eines Kalifats und stützt sich auf das verbindende Konzept des Dschihad. Als Gegner der Laizität belebt “Kalif” Abu Bakr al-Baghdadi die Version von Ibn Taimiya wieder und die von Ibn Abdel-Wahhab: Den Dschihad gegen die “Anderen”. Mit der Vorstellung des Martyriums wird der Selbstmord zum letzten Ziel der Daesch-Kämpfer.

Mit der Rolex am Handgelenk rühmt al-Baghdadi das Ende eines Komplotts, das seine Gemeinschaft bedrohe, durch die Vorzeichen des Letzten Tages. Er weiht seine Jünger in den versteckten Sinn der Offenbarung ein, um die “Wahrheit” zu entschleiern. Doch die Wahrheit von al-Baghdadi ist die Wahrheit von Hasan-i Sabbah, dem Anführer der Assassinen im 11. Jahrhundert. Dessen Sekte verübte Gräueltaten und Selbstmord-Akte, tötete öffentlich Gegner. Der IS ist die Auferstehung des Terrors der Haschisch-Konsumenten des 11. Jahrhunderts, die die arabische Welt als “Zabbahoune” bezeichnet: Die, die anderen die Kehle durchschneiden.

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

welt

Mann im Koffer - junge Marokkanerin festgenommen