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Ende der Globalisierung? Antworten aus Davos


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Ende der Globalisierung? Antworten aus Davos

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Was hält das Jahr 2017 geopolitisch und wirtschaftlich für uns bereit? Hat die Globalisierung ein Ende? Wird Russland der neue Freund der Vereinigten Staaten? Steht die Zukunft der EU oder der Nato auf dem Spiel? Fragen, die die Elite aus Politik und Wirtschaft beim Weltwirtschaftsforum in Davos umtrieben.

Angesichts der geopolitischen Umwälzungen, die gerade stattfinden, sind Prognosen schwierig. Ein offener Konflikt zwischen den USA und China ist die größte Sorge von Robin Niblett, Direktor der Denkfabrik Chatham House. Er verweist auf die Stimmen im US-Kongress, die nach mehr Aktion der Amerikaner gegen Chinas Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer rufen: “Donald Trump hat China als eine der größten Bedrohungen für Amerika bezeichnet. Wenn Amerika China im Südchinesischen Meer militärisch zurückzudrängen versucht, was einige vorschlagen, wird China zurückschlagen. Dies könnte den Konflikt zwischen beiden aufflammen lassen und hätte verheerende wirtschaftliche und geopolitische Folgen.”



Von der unipolaren zur multipolaren Welt


Eine der großen geopolitischen Veränderungen, die man beim Weltwirtschaftsforum konstatiert, ist der Umschwung von einer unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung. Lee Howell vom Managementteam des Forums: “Die globalen Herausforderungen wie Nichtverbreitung von Kernwaffen und Cybersicherheit werden nicht verschwinden. Es ist aber noch schwieriger, die Leute in diesem neuen multipolaren Umfeld an einen Tisch zu bringen. Aber wir müssen uns bemühen, denn das sind die wahren globalen Risiken.”



USA der Motor der Wirtschaft 2017?

2016 war wirtschaftlich ein glanzloses Jahr. “Zu lange zu schwach” lautete das Urteil des Internationalen Währungsfonds über die Weltwirtschaft Mitte 2016. Geringe Zuwächse in Industrie- wie Schwellenländern hielten das Wachstum über mehrere Jahre auf etwa drei Prozent.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos machte sich die Hoffnung breit, dass die Weltwirtschaft 2017 anzieht. Und die Politik in den USA dürfte eine entscheidende Rolle spielen. Der neue US-Präsident hat Steuersenkungen und Deregulierung versprochen. Jeff Schumacher, Chef der Investmentfirma BCG Digital Ventures, sieht von daher für die amerikanische wie für die Weltwirtschaft optimistisch in das Jahr: “Trump könnte zum Unternehmer der Unternehmer werden und großes Wachstum in den USA schaffen. Wird die Körperschaftssteuer gesenkt und die Regulierung verrringert, dann wird viel Kapital in die USA fließen. Mit diesem Kapitalzufluss und Wachstum werden die USA, schon durch die Größe ihres Marktes und ihrer Wirtschaft, die Weltwirtschaft mitziehen.”



Doch so wie die USA ein Motor für die Weltwirtschaft werden können, können sie diese auch ausbremsen, falls Donald Trump seine protektionistische Rhetorik in die Tat umsetzt, warnt Ökonom Nariman Behravesh von IHS Consulting: “Wenn wir wachstumsfreundlichen Populismus unter Trump haben, ist das großartig, und genau das erwarten wir letztlich auch. Protektionistischer Populismus hingegen könnte ein Desaster für die USA, China und andere Teile der Welt werden, das wäre dann ein Rezessions-Szenario.”



Dhruv Sawhney von Triveni Turbine Ltd. zeigt sich abgeklärt: “Wir haben jedes Jahr in Davos Hoffnungen gehabt. Und sie erfüllen sich nie. Ich komme jetzt schon seit 25 Jahren her. Vor zwei bis drei Jahren hätten wir nicht gedacht, dass Modi Indiens Regierungschef wird. Dass der Brexit kommt, oder dass Trump Präsident wird. Vorhersagen in Davos sind nicht einfach.”


Carlos Ghosn: Kein Ende der Globalisierung


Ein Stammgast beim Weltwirtschaftsforum ist der Vorstandschef von Renault-Nissan, Carlos Ghosn.

Isabelle Kumar, euronews:
“Beginnen wir mit dem Vergnüglichen: Worauf sind Sie in diesem Jahr bei den neuen Technologien am meisten gespannt?”

Carlos Ghosn:
“Auf vieles. Offensichtlich wird es in diesem Jahr um das Massen-Marketing für neue Technologien in Elektroautos gehen, die tatsächlich langsam Mainstream werden. Außerdem werden viele Schritte hin zu autonomen, fahrerlosen Autos gemacht, und hin zur Vernetzungsfähigkeit von Fahrzeugen und zur Vernetzungsfähigkeit von Dienstleistungen. Da wird in diesem Jahr eine Menge passieren. Und da freue ich mich wirklich drauf, denn das ist eine Umwandlung unseres Produktes, die vor unseren Augen geschieht.”



euronews:
“Es zeichnen sich am Horizont auch große Veränderungen ab: möglicherweise eine rückläufige Tendenz bei der Globalisierung. Darüber wird hier in Davos viel gesprochen. Inwieweit machen Sie sich darüber Gedanken?”

Carlos Ghosn:
“Es gibt da klar einen Grund zur Sorge, auch wenn ich das nicht sehr pessimistisch sehe. Denn ich denke, am Ende wird es, auch wenn es da vielleicht einen Rückwärtstrend gibt, keinen so weitreichenden Rückzug aus der Globalisierung geben – denn jeder hat ein Interesse an der Globalisierung. Es wird wohl eher eine Korrektur von einigen Exzessen sein, die Vorzüge der Globalisierung werden besser angepriesen werden, aber ich glaube nicht, dass es da einen dramatischen Rückgang geben wird, oder ein Ende der Globalisierung. Die wird weitergehen – in unterschiedlichen Formen, mit weniger Exzessen, vielleicht mit der Korrektur mancher Sichtweisen – aber sie wird weitergehen.”

euronews:
“Wie wird Ihrer Meinung nach Donald Trump die Autoindustrie beinflussen? Denn in dieser Hinsicht war er ganz schön lautstark.”

Carlos Ghosn:
“Stimmt, aber ich denke gleichzeitig, es gibt da eine Menge Vorgeplänkel und Spekulationen über die Position der neuen US-Regierung. Trump hat zwei Dinge gesagt, die sehr klar sind: Amerika zuerst, Jobs in den Vereinigten Staaten. Das ist die Botschaft: So lange Sie in den USA Geschäfte machen und uns dabei das Gefühl geben, dass Amerika zuerst kommt, und Sie genügend Jobs in den USA schaffen, so lange haben wir kein Problem damit. Bislang haben die Autohersteller ihre Strategie an der bestehenden Vereinbarung ausgerichtet, und das ist das Nafta-Abkommen. Nafta wird sich wahrscheinlich verändern. Sie werden einige Vereinbarungen neu verhandeln. Aber ich glaube nicht, dass alle sagen werden, wir schaffen den Freihandel ab. Es wird ein anderer Freihandel sein, der vielleicht die Interessen der wichtigsten Wirtschaft der Nafta besser berücksichtigt. Damit können wir leben, wir werden uns anpassen.”

euronews:
“Wo passt Europa da hinein, denn Europa begibt sich offenkundig in noch ungewissere Zeiten?”

Carlos Ghosn:
“Nun, Europas Ungewissheit kommt eher durch die Vielzahl von Wahlen, bedeutenden Wahlen in Europa in diesem Jahr – und von daher die Ungewissheit. Aber aus wirtschaftlicher Sicht erwarte ich für Europa ein gutes Jahr. Kein überbordendes Wachstum, aber ein vernünftiges, moderates Wachstum, während wir die Wahlen abwarten. Und dann wird hoffentlich 2018 der Wirtschaft eine klarere Richtung geben.”


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