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Vertriebene aus der Ostukraine: Arbeit finden und das Erlebte verarbeiten

Der andauernde Konflikt in der Ostukraine hat viele Menschen von dort vertrieben. Wie verarbeiten sie ihre Erlebnisse und wie sieht ihr neues Leben aus?

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Vertriebene aus der Ostukraine: Arbeit finden und das Erlebte verarbeiten

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Erst seit Kurzem ist dieses Hauses in Korzhi in der Nähe von Kiew das neue Zuhause von Vitaliy und Valentina. Das Paar ist vor dem Militärkonflikt in der Ostukraine geflohen. Sie verließen ihre Wohnung in Debalzewe im Donbass, kurz nachdem pro-russische Separatisten die Kontrolle über die Stadt übernahmen.

“Dieser Krieg wurde künstlich geschaffen, und es ist klar, wo der Wind herkommt – aus Russland. Als die Separatisten die ukrainische mit ihrer Flagge ersetzen, war klar, dass es schwierig werden würde. Also gingen wir, erst nach Kramatorsk und jetzt in die Kiewer Region”, sagt Vitaliy Svyatoshenko.

Das Paar erhält Sozialleistungen für Binnenvertriebene von der ukrainischen Regierung, aber das reicht nicht. Diesen Monat fanden die beiden Arbeit im Callcenter von “Donbass SOS”, einer ukrainischen Nichtregierungsorganisation. Sie hilft Vertriebenen, rechtliche Fragen und Probleme des Alltags zu klären.

“Mit dieser Arbeit verdienen wir zusätzliches Geld und darüber hinaus helfen wir Menschen wie uns. Wir beraten sie, wie man Sozialleistungen beantragt, wie man die Kontrollpunkte passiert und humanitäre Hilfe bekommt”, ergänzt seine Frau.

Laut dem ukrainischen Ministerium für Sozialpolitik gibt es mehr als 1,6 Millionen Vertriebene. Sie kommen hauptsächlich aus dem Donbass und von der Krimhalbinsel. Oleg kam aus Donezk nach Kiew. Er beantragte keine Sozialhilfe. Er gewann einen Wettbewerb für Binnenvertriebene, der vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) veranstaltet wurde. Jetzt beraten ihn internationale Experten, wie er sein Geschäft – die Entwicklung von Elektro-Fahrrädern – entwickeln und die Produktion erhöhen kann.

“Ich hatte beschlossen, mich für das Crowdfunding-Programm zu bewerben, um Unterstützung von gesellschaftlich aktiven Menschen zu bekommen, statt staatliche Hilfe zu beantragen”, erzählt Oleg Maslov.

Mit dem UN-Entwicklungsprogramm wurden in den vergangenen zwei Jahren an die 3000 Binnenvertriebene dabei unterstützt, selbstständig zu werden und Zuschüsse zu beantragen. In der Folge entstanden beispielsweise Schusterläden, Bäckereien und Autowaschanlagen.

Ziel des UN-Programms ist es, die Menschen in Arbeit zu bringen. UNDP-Landesdirektor Jan Thomas Hiemstra sagt:

“Die Leute aus dem Donbass wurden in der Ukraine sehr gut aufgenommen. Und wir glauben, dass unser Beispiel wirklich zeigt, dass Binnenvertriebene keine Menschen sind, die ihre Hand aufhalten müssen, um Unterstützung vom UNDP zu bekommen. Im Gegenteil, die Ukrainer können sie unterstützen.”

Um Jugendlichen zu helfen, die aus dem Osten flohen, gründete der deutsche Theaterdirektor Georg Genoux zusammen mit ukrainischen Schriftstellern in Kiew das “Theater der Vertriebenen”. Dort können Laien über ihre Kriegserfahrungen sprechen.

Zuerst kam Katerina aus Horliwka als Zuschauerin, dann wurde sie Ensemblemitglied. Für sie sind die Aufführungen eine Art Therapie:

“Mir geht es jetzt wirklich besser. Jetzt ist es einfacher für mich, über das zu sprechen, was ich im Osten erlebt habe und über meine Großeltern, die noch immer dort leben.”

Das “Theater der Vertriebenen” tourte bereits durch Deutschland und spielte in vielen ukrainischen Städten. Ziel ist, den Zuschauern begreiflich zu machen, wie es sich anfühlt, in Kriegszeiten zu leben. Alle Schauspieler hoffen, dass sie irgendwann auch in ihren Heimatstädten auftreten können.