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360° Videos - Menschen zur Bundestagswahl: Kampf gegen Verdrängung in Berlin

Ein Besuch bei Clubbetreiberin Pamela Schobeß

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360° Videos - Menschen zur Bundestagswahl: Kampf gegen Verdrängung in Berlin

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Was beschäftigt die Menschen in Deutschland? Was wünschen sie sich von der Politik? In den Wochen vor der Bundestagswahl reisen wir mit einer 360°-Kamera durch die Republik und befragen sie. Bei allen neun Folgen arbeiten wir mit Regionalmedien zusammen, die für uns vor der Kamera die Interviews geführt haben. Die Protagonistinnen und Protagonisten erzählen uns, was ihre Sorgen, Hoffnungen und Wünsche sind.

Für die dritte von neun Folgen sind wir nach Berlin gefahren, wo wir mit der Berliner Zeitung zusammengearbeitet haben. Dort haben wir mit Pamela Schobeß gesprochen. Die 43-Jährige und ihr Partner betreiben seit 12 Jahren das Gretchen in Kreuzberg. Der Club ist unter anderem für Drum’n‘Bass-Fans ein Anziehungspunkt. Schobeß und ihr Partner holen zudem internationale DJs, Jazzkünstler und auch Singer-Songwriter auf ihre Bühne. Vorher haben beide den Club “Icon” in Prenzlauer Berg betrieben. “Berlin steht weltweit für eine herausragende Clubszene”, so Schobeß. “Der Grund dafür, dass Berlin so attraktiv ist für Clubs oder für Leute, die in Clubs gehen, ist, dass man hier früher sehr sehr viele Freiräume hatte. Das ist in der Zwischenzeit längst nicht mehr so und es wird auch immer schwieriger.”

Was das bedeutet, haben die Clubbetreiber selbst erlebt: Das “Gretchen” liegt auf dem Dragonerareal in Kreuzberg mitten in Berlin. Die Nachbarn auf dem Gewerbegelände sind Autowerkstätten und Handwerksbetriebe. Das Areal gehört der Bundesregierung und die wollte verkaufen. Per Gesetz ist sie gezwungen, es an den Höchstbietenden zu geben. Es sollte an einen Investor gehen, der vermutlich Eigentumswohnungen gebaut hätte – das sichere Ende für den Club und die Werkstätten. Doch um zu verkaufen, brauchte die Regierung die Zustimmung von Bundestag und Bundesrat und der Bundesrat stimmte dagegen. Jetzt soll das Areal an das Land Berlin gehen, damit können die Betriebe erst mal bleiben. Das Stichwort lautet Gentrifizierung – ein Thema, das Berlin umtreibt.

Freiräume verschwinden

Julia Grass, Berliner Zeitung: “Was sind die größten Probleme, die die Stadt hat?”*

Schobeß: “Das größte Problem ist aus meiner Sicht die Raumfrage, es geht um Räume und Freiräume. Für uns als Clubbetreiber ist es wahnsinnig problematisch, neue Räume zu finden und es ist teilweise problematisch, Räume, die man schon hat, zu behalten. Da gibt es verschiedene Komponenten. Das eine ist, dass verschiedene Clubs massiv davon betroffen sind, dass ihre Mieten extrem steigen. Da wechseln Hausbesitzer von einer Privatperson zu einer Investorenfirma, denen es nur darum geht, viel Kapital zu machen.”

Grass: “Was muss die Politik auf Bundesebene dagegen tun?”

Schobeß: “Die Politik muss einfach begreifen, dass schnell verdientes Geld oft nicht das gute Geld ist. Ich würde mir wünschen, dass die Bundesregierung langfristiger und auch an den kleinen Mann oder die kleine Frau denkt.”

Schobeß kämpft auch als Mieterin gegen Verdrängung. Ihr Wohnhaus im Kreuzberger Wrangelkiez sollte verkauft und die Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Viele Mieter hätten sich das nicht leisten können. Sie haben erfolgreich Druck auf die lokale Politik gemacht. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat sein Vorkaufsrecht wahrgenommen. Das Haus geht damit an ein kommunales Wohnungsunternehmen und die Mieter können bleiben. Mittlerweile macht das Verfahren Schule in Berlin. Mehrere Bezirke arbeiten daran, Standardprozeduren zu entwickeln, um das Vorkaufsrecht zum Schutz von Mietern häufiger in Anspruch nehmen zu können.

Erfolge im Kampf gegen Gentrifizierung

Grass: “Ihr habt mit dem Haus und eurer Wohnung und dem Club auf dem Dragonerareal viel durchgemacht. Du rennst ja wahrscheinlich auch gegen verschlossene Türen. Ärgert man sich, wird man wütend? Wie geht’s dir damit?”

Schobeß: “Man ärgert sich schon und wird schon wütend, wenn man sieht, wie sich alles verändert und man selber der Meinung ist, dass es den Bach runtergeht und sich zum Schlechten verändert. Ich bin nicht komplett gegen Veränderung, das wäre dumm. Aber es gibt Dinge, die ich mag und wenn die wegbrechen finde ich das schade. Aber in unserem Fall sind es eigentlich ja auch zwei Erfolgsgeschichten, auch wenn die Geschichte mit dem Dragonerareal und dem Club noch nicht final abgeschlossen ist. Aber ich bin positiver Dinge, weil ich glaube, dass man das hinbekommt. Wenn ich mich zusammen mit den anderen weiter einbringe und den Dialog mit der Politik suche, glaube ich, dass man in der Lage sein wird, dieses Gelände so zu gestalten, dass wir alle etwas davon haben.”

Grass: “Wie wichtig ist dir die kommende Bundestagswahl?”*

Schobeß: “Ich finde sie superwichtig. Weil ich persönlich finde, dass die Große Koalition überhaupt nichts bringt. Die Große Koalition ist für mich im Grunde wie eine Wohnung, die ich mal mit einem Freund hatte. Wir hatten komplett unterschiedliche Vorstellungen, aber es wollte sich keiner durchsetzen, also hat man einen Kompromiss gefunden. Und diese Wohnung sah einfach scheiße aus. Sie hatte keinen Stil, sie hatte keinen Esprit, sie war nicht richtungsweisend, gar nichts. Diese Wohnung war einfach nur langweilig. Für mich ist die Große Koalition genau so. Wenn sich nach der Wahl außer einer großen Koalition keine andere Möglichkeit ergeben würde, dann würde ich gerne noch mal neu wählen und hoffen, dass es ein anderes Ergebnis gibt.”

Gentrifizierung in Berlin: Eine Stadt sucht nach Lösungen

Produziert von: Carolin Küter
in Zusammenarbeit mit Julia Grass, Berliner Zeitung
Schnitt: Alexis Caraco

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Hier finden Sie alle bisher produzierten Folgen unserer 360°-Serie zur Bundestagwahl.