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Vítor Constâncio: Beitritte zeigen, dass Euroraum immer noch attraktiv ist

Der Vizepräsident der EZB über die Zukunft der Eurozone, die Fühlbarkeit des Aufschwungs und die Idee eines Euro-Finanzministers

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Vítor Constâncio: Beitritte zeigen, dass Euroraum immer noch attraktiv ist

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Nach fast einem Jahrzehnt Krise und Ungewissheit kommt in der Eurozone langsam wieder Optimismus auf. Aber die Arbeitslosigkeit ist immer noch hoch und weiterhin bestehen große Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten. Was sollte man tun, damit der Euro wie versprochen den Wohlstand aller Mitgliedsstaaten steigern kann? Wir sprechen darüber mit dem Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank, Vítor Constâncio.


Ist der Euroraum noch attraktiv?


Efthymia Koutsokosta, euronews:
Teilen Sie diesen Optimismus, ist er berechtigt – oder gibt es immer noch Risiken, die diese Krise werden anheizen können?

Vítor Constâncio:
Man muss betonen, dass die Wachstumsraten aller Mitgliedsstaaten sich angenähert haben, sie liegen jetzt nah beieinander. Und das ist die beste Situation seit Beginn der Währungsunion.

euronews:
Aber ist die Eurozone immer noch attraktiv für die Mitgliedsstaaten? Denn nach der Krise sind viele der Meinung, dass diese Währung nicht für alle gemacht ist, sondern nur für einige wenige starke Mitgliedsstaaten.

Vítor Constâncio:
Am Anfang waren wir elf Staaten, dann 2001 zwölf, und dann traten in den Jahren 2007, 2011, 2014 und 2015 weitere Staaten bei. Was zeigt, dass auch während der Krise mehrere Länder die Idee von Stabilität und Offenheit, diese die Währungsunion allen Mitgliedsstaaten bietet, sehr attraktiv fanden.



euronews:
Aber es gibt EU-Mitgliedsstaaten wie Ungarn oder Polen, die der Eurozone nicht beitreten wollen.

Vítor Constâncio:
Ich werde nicht über den Standpunkt eines bestimmten Landes oder einer bestimmten Regierung diskutieren, das ist deren Ansicht. Aber es gibt da eine Grundvoraussetzung im Vertrag – und das hat auch EU-Kommissionspräsident Juncker in seiner Rede hervorgehoben – es gibt einen Passus im Vertrag, der besagt, dass jeder Mitgliedsstaat irgendwann dem Euroraum beitreten soll, außer zwei Ländern, Großbritannien und Dänemark, die eine Opt-out-Ausnahmeregelung haben. Aber Großbritannien verlässt ja jetzt die EU. Bei allen anderen geht man laut Vertrag davon aus, dass sie eines Tages der Eurozone beitreten werden.


Ein Finanzminister für die Euro-Zone?


euronews:
Es gibt dann noch andere Vorschläge, zum Beispiel ein Finanzminister für die EU oder die Eurozone und ein gemeinsamer Haushalt für die Eurozone. Warum braucht man gerade jetzt einen solchen Minister?

Vítor Constâncio:
Die Idee eines Finanzministers ist noch recht jung und steht vermutlich in Zusammenhang mit dem Wunsch nach Einführung einer zentralen Funktion im Euroraum – um jemanden zu haben, der für die Verwaltung dieser Kapazitäten und für die Stabilisierungsfunktion der Währungsunion verantwortlich ist.

Mehr dazu hier

euronews:
Bedeutet dies, dass die Mitgliedsstaaten bestimmte Kompetenzen an diesen Minister abgeben müssten?

Vítor Constâncio:
Ja, natürlich. Aber schon der Stabilitäts- und Wachstumspakt mit all seinen Reformen über die Jahre impliziert viel Koordination und Regeln, an die sich alle Mitglieder halten müssen. Worum es jetzt gehen sollte, ist die Schaffung weiterer solcher Instrumente, die uns helfen, den Euroraum in Zukunft in potenziell rezessiven Phasen zu stabilisieren.



Wie können die Menschen den Aufschwung spüren?


euronews:
Zugegeben, die Dinge laufen wieder besser, die Wirtschaft erholt sich, manche Löhne mögen steigen, die Arbeitslosigkeit mag sinken, aber nicht überall. Da sind zum Beispiel die Staaten im Süden, die immer noch darum kämpfen, mit dieser Krise zu überleben, die immer noch darum kämpfen, Wachstum zu schaffen, sie kämpfen um alles – Italien, Portugal, Griechenland. Und dann haben wir andere Mitgliedsstaaten, die stärksten, die in besserer Form sind. Was kann man da tun?

Vítor Constâncio:
Zunächst einmal: All diese Länder, die Sie anführen, und Spanien ebenfalls, wachsen. Und das Wachstum in Spanien und Portugal liegt derzeit sogar über dem Durchschnitt des Euroraums.

euronews:
Aber die Menschen spüren das nicht.

Vítor Constâncio:
Noch nicht. Aber an erster Stelle wird das am Rückgang der Arbeitslosigkeit gespürt, auch in diesen Ländern. Das Wachstum ist also in alle Länder zurückgekehrt. Und so driften wir nicht mehr so weit auseinander wie seit Beginn der Krise. Natürlich müssen wir diese Entwicklungen stärken, und deshalb brauchen wir auf europäischer Ebene neue Initiativen, um die Funktion der Währungsunion zu vertiefen und zu stärken.

euronews:
Was ist mit Italien? Ist Italien das kranke Kind des Euroraums? Natürlich ist Italien ein sehr spezieller Fall, mit einem hohen Anteil notleidender Kredite und einem sehr anfälligen Bankwesen.



Vítor Constâncio:
Die wichtigsten Folgen bei einem zu hohen Anteil notleidender Kredite hat man bei den Gewinnen, denn all diese Kredite bringen keine Einnahmen. Deshalb ist die Frage der notleidenden Kredite tatsächlich sehr wichtig, wenn man die Voraussetzungen dafür wiederherstellen will, dass die Rentabilität der Banken sich verbessert und diese dann neue Kredite vergeben können, um die wirtschaftliche Erholung zu unterstützen.



“Der Anfang der Krise war die schlimmste Zeit”


euronews:
Trotz all dieses Wachstums und der Erholung der Eurozone, trotz all dieser positiven Botschaften, stehen vor uns immer noch viele Herausforderungen. Eine davon ist der Brexit. Was könnte das größte Risiko bei den Verhandlungen sein, bei dieser Scheidung?

Vítor Constâncio:
In wirtschaftlicher Hinsicht muss man die Größe der britischen Volkswirtschaft und die Größe des Rests der EU in Betracht ziehen – da sieht man, dass die Folgen und der Bruch sehr viel einschneidender für den kleineren Partner bei diesen Verhandlungen sein werden als für die EU als Ganzes. Ich erwarte nicht – und das erwartet keiner – dass der Brexit dazu führt, dass es keinerlei Handel zwischen beiden Seiten mehr gibt. Das wird nicht geschehen. Der Handel wird nicht völlig abbrechen.

euronews:
Herr Constancio, Sie sind seit 2010 auf diesem Posten. Sie haben die härtesten Zeiten der Eurozone miterlebt. Was war für Sie persönlich der schwierigste Moment?

Vítor Constâncio:
Das war der Beginn dieser Krise – als Griechenland in eine Lage geriet, in der die Enthüllung des Haushaltsdefizits dazu führte, dass das Land keinen Zugang zu den Finanzmärkten mehr hatte. Das war 2010.

euronews:
Sie sagen, das Ende war nahe?

Vítor Constâncio:
Nun, das würde ich dann doch nicht sagen, insbesondere mit dem Einblick, den wir haben, aber in jenen Momenten war es in der Tat der erste große Schock dieser Krise. Dann später hatten wir noch etliche andere Unbilden, einige davon in Zusammenhang mit Griechenland, andere mit anderen Ländern. 2015 war auch eine schwierige Zeit, aber der Anfang und der große Schock und die Überraschung darüber, was das alles mit sich bringen konnte – das war wirklich der schwierigste Zeitpunkt.