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Aktivistin in Türkei: "Mein Leben wurde mir weggenommen"

Eine türkische Menschenrechtsaktivistin erzählt von den sogenannten "Säuberungswellen" in ihrem Land. Menschen, die wie sie ihre Stimme erheben, werden ausgegrenzt.

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Aktivistin in Türkei: "Mein Leben wurde mir weggenommen"

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Cemile Kocaman ist Menschenrechtsaktivistin. Ihre kritische Meinung zum türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdogan gibt sie offen kund. Das hat sie ihren Job gekostet. “Vielen geht es so wie mir. Heute reicht es schon, ein Oppositioneller zu sein, um deinen Job zu verlieren”, meint Cemile.

Ihr Leben nach der Entlassung ist ihr zufolge immer schlimmer geworden: “Es geht hier nicht nur um den Job. Du verlierst alles und wirst isoliert. Das kann man nicht “Leben” nennen. Mein Leben wurde mir weggenommen. Auf einmal kam es zu Säuberungswellen und ich wurde von ihnen mitgerissen.”

Cemile war vehement gegen den gescheiterten Militärputsch im Juli 2016. Und doch steht sie als Aktivistin jetzt auf einer schwarzen Liste. “Alle sind hier so verängstigt, sogar Menschenrechtsorganisationen stellen mich jetzt nicht mehr ein. Gott sei Dank sind meine Eltern noch am Leben, ansonsten wäre ich unter diesen Umständen obdachlos.” Ihr Schicksal teilt sie mit Vielen, die in der Türkei als Staatsfeinde angesehen werden.

Das Land verlassen, kann Cemile jetzt nicht mehr: Die Polizei hat ihren Pass konfisziert. “Du wirst abgestempelt. Und kannst nichts dagegen tun. Ich werde überwacht und verfolgt. Aber ich werde nicht aufgeben. Sie werden mich nicht dazu bringen, aufzugeben”, unterstreicht die Türkin.

Seit über einem Jahr befindet sich die Türkei im Ausnahmezustand. Präsident Erdogan kann per Notstanddekret regieren.

Die Verhaftungs- und Entlassungswellen unter Präsident Erdogan haben laut Menschenrechtsorganisationen schwere Folgen in der Bevölkerung. “Wenn Du deine Meinung sagst, hat das Konsequenzen. Auch wenn es eine demokratische und friedliche Meinung ist”, berichtet Leman Yurtsever, Generalsekretärin der Human Rights Association (IHD) in Istanbul.

Seit dem Putschversuch wurden mehr als 2000 Institutionen von den türkischen Behörden geschlossen, darunter über 1000 Organisationen. Mehr als 100 000 Menschen wurden aus dem Staatsdienst entlassen oder suspendiert. Eine Übersicht von Menschenrechtlern über die Zahlen der Verhaftungen und Entlassungen nach dem Putschversuch gibt es hier.