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Warten auf ein neues Leben: Rohingya in Bangladesch

Unsere Reporterin war bei den tausenden Gestrandeten an der Grenze und in überfüllten Flüchtlingslagern

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Warten auf ein neues Leben: Rohingya in Bangladesch

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Eine neue Welle von Rohingya-Flüchtlingen ist vor kurzem am Grenzfluss zwischen Bangladesch und Myanmar gestrandet. Tagelang saßen hier schätzungsweise 8.000 Menschen im Niemandsland im Südosten Bangladeschs fest. Inzwischen wurden viele von ihnen ins provisorische Flüchtlingslager in der Nähe gebracht. In den Lagern hausen schon mehr als eine halbe Million Rohingya, die seit August nach Militärangriffen auf ihre Dörfer in Myanmar flohen.

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"Ich stimme mit UN-Generalsekretär António Guterres überein, dass die einzige Bezeichnung für diese Situation 'ethnische Säuberung' ist."

Christos Stylianides EU-Kommissar für humanitäre Hilfe

Auf der Flucht von Blättern ernährt


“Die Soldaten kamen in unser Haus und suchten meinen Vater, der sich vor der Armee versteckt hatte”, erzählt die 17-jährige Setare Begum. “Sie brachten meine Mutter mit einem Messer um, und als mein Vater wiederkam, töteten sie ihn ebenfalls. Ich habe eine Woche bis zur Grenze gebraucht. Als ich nichts mehr zu essen hatte, habe ich Blätter gegessen und alles, was ich im Wald finden konnte.”

Sie kommen mit fast nichts. Ausweispapiere sind ein kostbares Gut: Wir sahen Heiratsurkunden und Grundbesitz-Nachweise in der Sonne trocknen. Die Menschen verbringen hier Tage, bis die bangladeschischen Behörden sie auf eines der Lager verteilen. Wie Abdulrahim, 30, Vater von fünf Kindern: “Ich war drei Wochen lang unterwegs. In der Zeit ist mein Vater gestorben. Ich habe an der Grenze drei Tage lang gewartet.”


Energiekekse im Niemandsland


Die Hilfsorganisationen gewöhnen sich allmählich an den Massenansturm vom birmanischen Ufer des Grenzflusses Naf. Sobald sie von Neuankömmlingen erfahren, kommen sie mit Ärzten, Lebensmitteln und Wasser in das Niemandsland. Sie verteilen eine warme Mahlzeit am Tag und hochkalorische Kekse. Ismail Faroque Manik von “Aktion gegen den Hunger”: “Seit August ist das eine ganz übliche Situation an der Grenze. Es ist das vierte Mal, dass es hier solch einen Ansturm gibt. Vorher waren schon um die 35.000 Menschen hier eingetroffen. Wenn sie einmal angekommen sind, müssen sie etwa fünf Tage lang auf die Genehmigung warten, dass sie sich in einem der Lager niederlassen dürfen.”

Kranke und von dem beschwerlichen Marsch Geschwächte werden umgehend weitergebracht. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten von Schusswunden und Knochenbrüchen nach Stürzen. Vom Niemandsland an der Grenze werden die Flüchtlinge auf das Balkhali-Flüchtlingslager verteilt, das jetzt zusätzlich zum wachsenden Kutupalong-Lager eröffnet wurde. Bangladesch versucht zu helfen, ist aber selbst eines der ärmsten Länder der Welt.


Flüchtlingslager wachsen und wachsen


Kutupalong ist inzwischen völlig überfüllt. Um das ursprüngliche offizielle Lager herum, das schon 1992 für die damaligen, registrierten Flüchtlinge aus Birma errichtet worden war, sind Unmengen provisorischer Behausungen aus dem Boden geschossen. Dort leben nicht-registrierte Flüchtlinge. Bei seinem ersten Besuch im Lager Ende Oktober zeigte sich der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe, Christos Stylianides, schockiert vom Ausmaß des Elends. Und hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: “Wir müssen die Regierung von Myanmar überzeugen, dass es hier um Menschenrechte geht – nicht um einen religiösen Konflikt. Das ist keine Religionsfrage. Es geht schlicht um Menschenrechte, um grundlegende Rechte für jeden, für jeden Menschen. Ich stimme mit UN-Generalsekretär António Guterres überein, dass die einzige Bezeichnung für diese Situation ‘ethnische Säuberung’ ist.”

Myanmars Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi hat sich im September erstmals zu den Vorwürfen geäußert, erklärt, dass Menschenrechtsverletzungen nicht hingenommen würden, und in der vergangenen Woche auch die Unruheregion Rakhine im Norden Myanmars besucht. Auch angesichts drohender Sanktionen wächst die Hoffnung auf eine Lösung.

Mehr darüber können Sie in unserer nächsten “Aid-Zone”-Reportage erfahren, die vom 23. November an läuft.