Eilmeldung

Eilmeldung

Wie gefährlich ist der Islam für Bosnien-Herzogowina?

Sie lesen gerade:

Wie gefährlich ist der Islam für Bosnien-Herzogowina?

Wie gefährlich ist der Islam für Bosnien-Herzogowina?
Schriftgrösse Aa Aa

Sophie Claudet im Gespräch mit Esref Kenan Rasidagic. Er lehrt Politikwissenschaften an der Universität von Sarajevo.

Sophie Claudet: Die Türkei scheint sich in die inneren Angelegenheiten Bosniens einzumischen, vor allem, wenn es um die Unterstützung von Pro-Erdogan-Gruppen geht. Was halten Sie davon?

Esref Kenan Rasidagic: Seitdem Gülen und die AKP in der Türkei keine Gemeinsamkeit mehr haben, tut die Türkei alles, um seine Organisation zu zerstören. Das geht gegen die Interessen von Bosnien-Herzegowina, gegen das Interesse der Bosniaken, denn es gibt ausgezeichnete Bildungseinrichtungen für Kinder. Und sie bieten viele Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem lokalen akademischen Markt, der ist sonst sehr klein. Ist das also im Sinne Bosniens?

Sophie Claudet: Es gibt sehr alte, historische Bindungen zwischen Bosnien und der Türkei, schon durch das Osmanische Reich. Die Türken haben keine Interessen in der Region?

Esref Kenan Rasidagic: In dieser Hinsicht sind die Balkanstaaten vielleicht Opfer ihrer eigenen Vergangenheit, wenn man so will. Wir haben mehrfach von führenden türkischen Politikern, einschließlich Erdogan selbst gehört, wir sind wieder da, wir sind hier. Nicht, dass jemand auf ihre Rückkehr gewartet hätte. Aber wenn es um dieses Land, um Bosnien geht, würde ich sagen, dass andere stärkere finanzielle, wirtschaftliche und sonstige Beziehungen zur Türkei haben, Serbien zum Beispiel. Allgemein wird angenommen, auch Bosnien habe so starke Bindungen, aber das ist nicht der Fall.

Sophie Claudet: Wenden wir uns den arabischen Golfstaaten zu. Sie investieren in den Dienstleistungssektor, sie finanzieren Moscheen und religiöse Schulen, und Touristen kommen aus der Golfregion. Im Vergleich zum hier praktizierten Islam ist deren Islam ein streng Konservativer. Könnten sie sich vorstellen, dass er Anhänger hier in Bosnien gewinnt?

Esref Kenan Rasidagic: Obwohl einige arabische Golfstaaten in Bosnien-Herzegowina Moscheen gebaut oder beigetragen haben, hat keiner von ihnen einen einzigen Imam ernannt. Alle bosnischen Imame werden vom Islamischen Komitee in Bosnien-Herzegowina bezahlt, auch der Imam der von Saudi-Arabien finanzierten Moschee, der sehr berühmten König Fahd Moschee). Das Gebäude gehört dem Islamischen Komitee von Bosnien-Herzegowina, wird vom Komitee betrieben. Es gibt dort einen bosnischen Imam, kein saudischer Imam hat dort je gepredigt. An diesen wichtigen Unterschied sollten Sie denken, wenn es um die Rolle der arabischen Länder und den Bau von Moscheen in Bosnien-Herzegowina geht. Sie besitzen sie nicht, sie führen sie nicht.

Sophie Claudet: Was ist mit radikal-islamischen Gruppen. Sie blühten auf in den 90ern während des Krieges und dann wieder, als ISIS im Nahen Osten stark war. Gibt es Beweise dafür, dass arabische Staaten oder Gruppen Radikale vor Ort finanzieren?

Esref Kenan Rasidagic: Nominell gibt es in Bosnien-Herzegowina etwa zwei Millionen bosnische Muslime. Dann gibt es 20 Jahre Engagement oder wie auch immer man das nennen will von sagen wir mal „Spendern von Außen“. Die Zahl der radikalisierten Jugendlichen geht hier in die Tausende. Sagen wir einfach, der Aufwand zur Radikalisierung bosnischer Muslime zeigt nicht den gewünschten Erfolg. Ich sage, wenn bosnische Moslems während oder nach dem Krieg keinen Hang zu einem radikalen, zu einem gewalttätigen radikalen Islamismus hatten.... dann sehe ich auch jetzt keine echte Perspektive für sie, sich gerade jetzt zu radikalisieren.

Sophie Claudet: Vielen Dank für das Gespräch.

Sophie Claudet im Gespräch mit Lelja Ramic Mesihovic über die Aussichten auf eine bosnische EU-Mitgliedschaft.

Die Insiders - Reportage aus Bosnien sehen Sie hier.