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Europas Sozialsysteme im Wandel: Absicherung für alle?

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Europas Sozialsysteme im Wandel: Absicherung für alle?

Europas Sozialsysteme im Wandel: Absicherung für alle?
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Wussten Sie dass vier von zehn Beschäftigen in Europa selbständig sind, in Teilzeit arbeiten oder in einem befristeten Arbeitsverhältnis stehen?

Unsere Sozialversicherungssysteme entstanden, als die meisten von uns Vollzeit und über einen langen Zeitraum bei dem selben Arbeitgeber beschäftigt waren. Vielleicht ist es an der Zeit, unsere Sozialversicherungssysteme zu überarbeiten, ebenso wie unser Arbeitsleben. Und das ist die Lage in Europa:

So ist die Lage: Sozialversicherungssysteme in Europa

Von den 40 Prozent der Europäer, die in Teilzeit arbeiten oder selbständig sind, sind es vor allem Beschäftigte in ihren 20ern, die in Teilzeit oder ohne Verträge arbeiten. Ihre Zahl ist doppelt so hoch wie in allen anderen Altersgruppen. Frauen arbeiten öfter mit befristeten Verträgen oder in Teilzeit.

Insgesamt sind mehr Männer selbständig, 45 Prozent davon sind älter als 55 Jahre. Elf Länder in Europa haben keine Arbeitslosenabsicherung für Selbständige. In zehn Ländern sind sie nicht bei Unfällen am Arbeitsplatz versichert und und in drei europäischen Ländern gibt es keine Absicherung im Krankheitsfall.

Angestellte in nicht-standardisierten Arbeitsverhältnissen haben theoretisch diesselben Rechte, für sie ist aber es weitaus schwieriger, Zugang zu sozialen Absicherungssystemen zu erhalten, beziehungsweise die Zulassungskriterien zu erfüllen.

Manche Saison-, Zeit- oder Leiharbeiter haben möglicherweise überhaupt keinen Zugang zu gesetzlichen, sozialen Sicherungssystemen.

Soziale Absicherung: ein Beispiel aus den Niederlanden

Angestellte in Teilzeit haben überall in Europa ähnliche Sorgen. Wie können sie an Arbeitslosen-, Gesundheits-, Mutterschutz-, Alters- und Unfallleistungen kommen? Was können sie in Anspruch nehmen und was nicht? Was ist in welchem Land verfügbar?

Selbst in den Niederlanden, wo die Anzahl der Selbständigen gestiegen ist, so dass das Land an fünfter Stelle in Europa steht, ist das eine knifflige Frage. Wie wird der wirtschaftliche Beitrag dieser Beschäftigten im Vergleich zu denjenigen gewürdigt, die in Vollzeit arbeiten?

In den Niederlanden gibt es umfassende soziale Absicherungen für Angestellte.

Dieser junge Mann zieht es vor, anonym zu bleiben. Er ist selbständig und hat keine Angestellten. Wie mehr als zwei Drittel der Selbständigen in den Niederlanden hat er keine Versicherung, die ihn vor Verdienstausfällen bei Krankheit oder Berufsunfähigkeit schützt: "Es ist einfach zu teuer. Man wird pro Bestellung bezahlt, also beispielsweise zwei pro Stunde. Das ist mehr oder weniger mein Durchschnitt. Mit einer Versicherung blieben mir 4-5 Euro zum Leben übrig, deswegen haben viele Kuriere keine."

Der Arbeitsmarkt ist flexibler geworden. 14 Prozent der Berufstätigen sind inzwischen selbständig, das sind rund 30 Millionen Menschen.

Die Niederlande sind eines der europäischen Länder, in denen die Zahl der Selbständigen stark zunimmt. Sind sie vor den Risiken geschützt?

Mies Westerveld, außerordentliche Professorin für Arbeitsrecht an der Universität Amsterdam erklärt: "Es gibt die richtigen Unternehmer, damit meine ich Leute, die Gewinne erzielen, und dann gibt es das, was wir falsche- oder sehr schutzlose Selbständige nennen. Wir brauchen eine Gesetzgebung, die einen Ausgleich zwischen beiden schafft, also zwischen Menschen mit mehr und weniger Einkommen, damit diejenigen, die weniger verdienen, eine Absicherung bekommen."

Niederlande: "Broodfont" für Selbständige

Für seinen eigenen Seelenfrieden hat Nick Cohn zusammen mit rund 20 anderen Selbständigen der Informatikbranche den "Broodfond", zu deutsch "Brot Fond" gegründet. "Broodfond" ist eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig im Krankheitsfall finanziell unterstützen", sagt Nick Cohn, und weiter: "Meine normale Versicherung kostet mich rund 350 Euro pro Monat, und was ich für den "Broodfond" zahlen muss sind 125 Euro. Aus eigener Erfahrung und von Kollegen weiß ich, dass es sehr schwierig ist, von der normalen Krankenversicherung, eine Auszahlung zu bekommen. Und das will ich vermeiden."

Dieses gemeinschaftsbasierte Solidaritätssystem basiert auf Vertrauen und hat bisher rund 17.000 Menschen in 380 verschiedenen Gruppen angelockt.

Sind Staaten, Einzelpersonen, aber auch Firmen in der Bringschuld? Der Zugang aller zu sozialen Absicherungssystemen in Europa ist die Herausforderung, der sie sich stellen müssen.

Real Economy | Social Protection

Guter Sozialschutz für alle Berufstätigen

Die Niederlande sind ein großartiges Beispiel dafür, wie die derzeitige Wirtschaft die Europäer beeinflusst, in reichen, aber auch in armen Staaten. Was wird getan, um soziale Annäherung in einer digitalen Welt zu gewährleisten? Maithreyi Seetharaman spricht mit Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Soziales und Beschäftigung über soziale Sicherungssystem in Europa:

Maithreyi Seetharaman: "Was für einen Gegenstand haben Sie uns mitgebracht, der die zukünftigen sozialen und anderen Schutzmaßnahmen darstellt?"

Marianne Thyssen: "Ich habe das mitgebracht, was ich immer in meiner Handtasche trage. Es ist ein kleines Büchlein mit den europäischen Säulen der Sozialrechte. Es geht um gute Arbeitsbedingungen für die Menschen in der neuen Wirtschaft, auch für diejenigen mit untypischen Verträgen, also nicht unbefristet oder Vollzeit, Selbständige und: es geht um guten Sozialschutz für jeden, der arbeitet."

Wir haben den Mitgliedsstaaten einen Vorschlag unterbreitet, um den Bürgern die Möglichkeit zur Absicherung anzubieten; damit sie im Risikofall einen Anspruch auf eine angemessene Absicherung haben."

Maithreyi Seetharaman: "Wie überzeugen Sie Regierungen, Unternehmen, dass sie damit etwas Wichtiges für die Beschäftigten der neuen Wirtschaft tun?"

Marianne Thyssen: "Wir wollen keinen Generationenkonflikt schaffen- also zwischen älteren Beschäftigten mit guten Verträgen und jüngeren, die keine soziale Absicherung haben und keine guten Verträge. Wenn Sie eine Gesellschaft mit hohen Zusammenhalt haben wollen, also geringe Unterschiede zwischen arm und reich, dann benötigen Sie ein gutes Sozialversicherungssystem und das ist es, was wir den Regierungen sagen. Die Organisation und wie sie das Sozialversicherungssystem finanzieren, unterliegt der Hoheit der Mitgliedsstaaten und daran rütteln wir nicht. Aber es ist gut, die Mitgliedsstaaten davon zu überzeugen,und bessere Wettbewerbsgleichheit zu schaffen."

Maithreyi Seetharaman: "Wie erreichen Sie das, denn Sie greifen damit im Grunde genommen in die nationalen Belange ein."

Marianne Thyssen: "Nein, das tun wir nicht. Wir bitten die Mitgliedsstaaten einen Blick darauf zu werfen und ihrer Bevölkerung etwas mehr anzubieten, als sie es derzeit tun. Denn wenn Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten und sich miteinander vergleichen, lernen sie sehr viel voneinander. Das motiviert sie, Dinge auch im eigenen Land zu verbessern."

Maithreyi Seetharaman: "Manche sprechen von einem Rätsel: Denn auf der einen Seite reden wir über erhöhte Produktivität, weil die Menschen immer sicherer leben, auf der anderen Seite heißt das höhere Kosten für die Regierungen. Wie lösen Sie das Problem?"

Marianne Thyssen: "Wir können nicht leugnen, dass Kosten entstehen. Die Frage ist, wer sie trägt. Sozialversicherungssysteme haben gemeinsam, dass ein Teil von Arbeitgebern gezahlt wird und ein anderer Teil von den Versicherten getragen wird, die durch das System geschützt sind. Und wir wissen auch, dass, wenn es weniger Ungleichheit und bessere Risikoabsicherung gibt, dass Menschen mehr in ihr eigenes Leben investieren und sich als Teil der Gesellschaft fühlen, und dann härter und besser arbeiten."

"Manchmal fragen uns Menschen, warum wir diese prekären Verträge und all diese Flexibilität erlauben. Die Antwort ist: Wir wollen diese Flexibilität nicht zerstören! Sie schafft neue Jobs, sie ermöglicht Menschen, die noch keine Stelle haben, zukünftig eine zu haben. Wir wollen, dass sich die Flexibilität entwickelt"

Maithreyi Seetharaman: "Frau Kommissarin, vielen Dank für Ihre Einblicke in ein Thema, das uns alle betrifft. Danke fürs Zuschauen und auf Wiedersehen aus Brüssel."