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António Guterres: "Das Festhalten an fossiler Energie ist Selbstmord"

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Von Sérgio Ferreira de Almeida  & Sabine Sans
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António Guterres: "Das Festhalten an fossiler Energie ist Selbstmord"
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Noch bis zum 1. Juli tagt in Lissabon die zweite Ozeankonferenz der Vereinten Nationen – Portugals Hauptstadt liegt an der Atlantikküste - mit emotionalen Appellen und eindringlichen Forderungen zur Rettung der von Vermüllung, Überfischung, Klimawandel und Versauerung zunehmend in Mitleidenschaft gezogenen Weltmeere. Tausende Politiker, Experten und Umweltschützer sind laut den Veranstaltern zusammengekommen, um zu versuchen, die zerbrechliche Gesundheit der Meere vor den schädlichen "Kaskadeneffekten" zu bewahren. Am Rande der Veranstaltung war UN-Generalsekretär António Guterres zu Gast bei The Global Conversation.

Euronews-Reporter Sérgio Ferreira de Almeida, Euronews: Zu einer Zeit, in der der Kampf gegen den Klimawandel aufgrund des Ukrainekrieges an Bedeutung verliert, veranstaltet die UNO in Lissabon die Ozean-Konferenz. Generalsekretär António Guterres ist unser Gast. Meine erste Frage: Wie wird der Klimawandel und der Kampf gegen den Klimawandel wieder zum Topthema der internationalen Agenda? 

António Guterres, UN-Generalsekretär: Indem wir alles tun, was möglich ist, und indem wir das Thema an allen Fronten zur Sprache bringen. Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie wichtig es gewesen wäre, wenn wir in den vergangenen Jahrzehnten massiv in erneuerbare Energien investiert hätten. Wenn das geschehen wäre, wären wir heute nicht der Gnade der fossilen Brennstoffindustrie ausgeliefert, deren Preise extrem hoch sind und die Lebensqualität der Menschen und die Lage vieler Entwicklungsländer beeinträchtigen.

"Wenn der Krieg in der Ukraine etwas zeigt, dann, dass wir den grünen Übergang beschleunigen müssen, wir müssen den Klimawandel viel effektiver bekämpfen."
António Guterres
UN-Generalsekretär

Festhalten an fossiler Energie ist "Selbstmord"

Euronews: Aber Staats- und Regierungschefs der Welt investieren wieder in fossile Energie. Wie kann man sie überzeugen?

António Guterres: Das ist Selbstmord, und ich hoffe, dass die Menschen verstehen werden, dass Selbstmord nicht gerade der beste Weg ist, um die Zukunft zu meistern.

Euronews: Menschen, die Probleme mit Lebensmitteln und Energie haben, davon zu überzeugen, dass der Klimawandel und der Kampf gegen den Klimawandel wichtig sind, ist nicht einfach. Wie schafft man das?

António Guterres: Zunächst einmal müssen wir versuchen, die Probleme zu lösen, vor allem die Ernährungssicherheit. Deshalb bemühen wir uns so sehr, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sowohl die ukrainischen Lebensmittel als auch die russischen Lebensmittel und Düngemittel Zugang zu den Weltmärkten erhalten, um die Situation zu verbessern und die Preise zu senken. Und ich glaube, dass es auch andere Initiativen im Zusammenhang mit den Energiepreisen gibt. Aber natürlich schafft diese Situation, in der fossile Brennstoffe so teuer sind, einen guten Grund, sie so wenig wie möglich zu verwenden. Es ist im Interesse aller. Es liegt im Interesse aller, den Kampf gegen den Klimawandel entschlossen fortzusetzen, denn nur so können wir in Zukunft Situationen wie diese, diese dramatische Abhängigkeit von der Instabilität der Märkte für fossile Brennstoffe vermeiden. 

Meere und Ozeane werden als Waffe eingesetzt

Euronews: Auch die Meere und Ozeane werden als Waffe eingesetzt: Der Zugang zum Meer, das Schwarze Meer wird als Waffe eingesetzt. Junge Leute hier prangern Minen im Meer an. Was kann man dagegen tun?

António Guterres: Zuallererst geht es um den Zugang zu den ukrainischen Häfen. Genau darauf zielt der UN-Plan ab, der den Russen und den Ukrainern mit Unterstützung der Türkei vorgelegt wurde. Wir hoffen, dass es bald möglich sein wird, in Istanbul ein Treffen der vier abzuhalten, um auf der Grundlage der verschiedenen Konsultationen, die auf bilateraler Ebene von den Militärs dieser drei Länder geführt wurden, zu einer Vereinbarung zu gelangen, die den Export ukrainischen Getreides ermöglicht. Und gleichzeitig hoffen wir, dass die internationalen Länder die Ausfuhr von russischen Lebensmitteln und Düngemitteln erleichtern. Es gibt zwar keine Sanktionen gegen Lebensmittel und Düngemittel, aber es gibt Probleme beim Transport, bei den Versicherungen und bei den Zahlungen, die gelöst werden müssen. Deshalb stehen wir in engem Kontakt mit der Europäischen Union, mit den USA und mit Russland, um ein Paket zu schnüren, das sowohl ukrainischen als auch russischen Lebensmitteln und Düngemitteln Zugang zu den Weltmärkten verschafft. 

Der Klimawandel muss für alle Länder Priorität haben

Euronews: Russland ist ein wichtiger Akteur in diesem Kampf. Kann das Land auf die Bühne zurückkehren, um die Welt im Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen?

António Guterres: Russland ist hier auf der Ozean-Konferenz vertreten. Ich glaube, dass der Kampf gegen den Klimawandel ein zentrales Interesse der gesamten Menschheit ist. Das Thema muss für alle Länder an erster Stelle stehen.

Euronews: Auf dem Jugendforumund Innovationsforum haben Sie sich bei der jungen Generation entschuldigt, weil Ihre Generation sehr zu dieser Situation beiträgt. 

António Guterres: Meine Generation ist dafür verantwortlich, dass wir uns im Krieg mit der Natur befinden, dass wir den Klimawandel nicht unter Kontrolle bringen. Wir sollten die Emissionen in diesen Jahrzehnten drastisch reduzieren. Und die Vorhersage, die sich auf die derzeitigen Verpflichtungen der Mitgliedstaaten in der ganzen Welt stützt, würde 2030 immer noch eine Zunahme der Emissionen bedeuten, die selbstmörderisch und völlig inakzeptabel ist. Was die Ozeane betrifft, so verlieren wir immer noch den Kampf um den Erhalt unserer Ozeane, angesichts der Erwärmung und der Versauerung, die durch den Klimawandel verursacht werden, des Verlusts von Korallen, der biologischen Vielfalt, der Überfischung, der Plastikverschmutzung, anderer Formen von Giftstoffen, der Verschmutzung, die dazu führt, dass mehrere Küstengebiete völlig ohne Leben sind. Wir sind dabei, den Kampf um den Erhalt der Ozeane zu verlieren, und das muss rückgängig gemacht werden. Meine Generation war in der Tat nicht in der Lage oder nicht willens, das zu erkennen, - als man erkennen hätte müssen, dass die Situation außer Kontrolle geraten war. 

Euronews: Sind Sie optimistisch, dass die Staats- und Regierungschefs der Welt in naher Zukunft wirklich verstehen, wie dringend der Handlungsbedarf ist? 

António Guterres: Noch einmal, das ist keine Frage von Optimismus oder Pessimismus. Ich bin entschlossen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um die führenden Politiker der Welt zu überzeugen, aber auch die Wirtschaft - vergessen wir nicht, dass die Industrie für fossile Brennstoffe jahrzehntelang Milliarden und Abermilliarden für Pseudowissenschaft, Öffentlichkeitsarbeit und alle Arten von Lobbyarbeit ausgegeben hat, um die Welt davon zu überzeugen, dass der Klimawandel nicht so ernst ist und dass die fossilen Brennstoffe nicht die Probleme verursachen, die sie verursachen. Ein bisschen so, wie es die Tabakindustrie ein paar Jahrzehnte zuvor getan hat. Die Wirtschaftsführer tragen also auch eine große Verantwortung. Und alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger müssen verstehen, dass wir uns in einer Notsituation befinden und diese Notsituation drastische Maßnahmen erfordert.