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Kehrt in Mali Ruhe ein?

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Kehrt in Mali Ruhe ein?

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Die Tuareg-Rebellen haben das Ende ihres Kampfes im Norden von Mali angekündigt. Nach eigenen Angaben sei die Region mittlerweile vollständig befreit. Die Separatistenkämpfer wollen eine Abspaltung des Nordens erreichen.
Sie werden von Islamisten unterstützt, die die Scharia in Mali einführen wollen.

Inzwischen werden zwei Drittel des westafrikanischen Landes von Tuareg-Gruppen und radikalen Islamisten kontrolliert. Vergangene Woche nahmen sie die historische Stadt Timbuktu ein.

Darüber sprechen wir mit dem Journalisten und Schriftsteller Antoine Glaser. Herr Glaser, Sie haben zahlreiche Bücher über Afrika verfasst und waren zudem fast 30 Jahre lang die auf afrikanische Themen spezialisierte Zeitschrift La Lettre du Continent geleitet. Erste Frage: Halten Sie eine Teilung des Landes für denkbar?
 
Antoine Glaser:
 
Leider kann man das nicht ausschließen. Man kann sich tatsächlich vorstellen, dass die Tuareg aus der nordmalischen Region Azawad ebenfalls davon ausgehen, dass sie die Unabhängigkeit des Azawad fordern können. Und das geschieht zur Zeit. Es gibt Länder wie etwa Frankreich, dessen Außenminister Alain Juppe bereits davon sprach, einer Unabhängigkeit des Azawad zuzustimmen. Sie sehen, diese Idee existiert bereits in vielen Köpfen, auch in der internationalen Gemeinschaft.
 
euronews:
 
Sprechen wir über die Internationale Gemeinschaft, der UN-Sicherheitsrat hat seine Bedenken nicht versteckt. Gibt es Ihrer Ansicht nach in der Region das Risiko eines Dschihad?
 
Antoine Glaser:
 
Ein solches Risiko ist da. Seit mehreren Jahren werden Menschen entführt und als Geiseln gehalten. Aktuell werden sechs Franzosen von der maghrebinischen Al Qaida als Geiseln festgehalten. Diese Islamisten sind eng verbunden mit der Bewegung Ansar Din, die wir jetzt in Timbuktu haben auftauchen sehen. Aber man darf die Kräfte von Al Qaida im islamischen Maghreb auch nicht überschätzen. Bevor man über den Dschihadismus spricht muss man sehen, dass diese Region vielmehr durch den Schmuggel, illegalen Handel destabilisiert wird.”
 
euronews:
 
Bewegt sich diese Region auf ein afghanisches Szenario zu?
 
Antoine Glaser:
 
Niemand kann das klar sagen. Eine Rolle hat sicher der Sturz von Gaddafi gespielt. Niemand bedauert dessen Sturz, aber Gaddafi war ja so etwas wie ein Pate der Region, hat die Länder dort finanziert. Und sein Sturz und Tod hat dieses gesamte Staatenensemble von Mauretanien bis zum Tschad destabilisiert. Ich glaube überhaupt nicht, dass wir uns dort auf ein afghanisches Szenario zubewegen. Aber ich fürchte, dass diese Region jetzt für mehrere Jahre instabil sein wird.
 
euronews:
 
“Besteht für Nachbarländer Malis das Risiko einer Destabilisierung? Ich denke da an Burkina-Faso, an den Niger, den Segenal, an Mauretanien?
 
Antoine Glaser:
 
Die hauptsächliche Destabilisierung ist die, die wir gerade erleben. Wir haben 200 000 Malier, die in den Niger oder nach Burkina Faso gegangen sind, in Länder, die bereits extrem arm sind. Sie haben dort eine Ernährungssituation, über die niemand mehr spricht, weil man den Eindruck hat, dass sich nichts ändert; aber es bleibt ein reales humanitäres Problem in dieser Region. Und ich glaube, das kann zur Destabilisierung in Ländern wie Burkina Faso, dem Niger oder im Tschad führen.
 
euronews:
 
Wird Algerien einen neuen unabhängigen Staat an seiner Grenze zulassen?
 
Antoine Glaser:
 
Algerien ist so etwas wie der Akteur im Hintergrund, von dem niemand wirklich spricht. Algerien will keine ausländischen Truppen im Süden, in Nachbarländern, sehen. Algerien hat die schwerbewaffneten Tuaregtruppen sehr gut wahrgenommen, die durch Libyen nach Mali gezogen sind. Algerien hat sich nicht gerührt. In Wirklichkeit ist Algerien das Problem losgeworden. Man muss wissen, dass die Mitglieder der maghrebinischen Al Qaida Algerier sind. Man hat den Eindruck, dass sich das Problem langsam in den Süden verlagert und Algerien dazu nichts sagt. Man versteht Algerien nicht, und das ist tatsächlich ein wenig beunruhigend.
 
euronews:
 
Vielen Dank für das Gespräch.