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Mazedonien: Ein Land in Gefahr?

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Mazedonien: Ein Land in Gefahr?

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Bedrohen ethnische Spannungen den zerbrechlichen Frieden in der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien? Seit einem brutalen Fünffach-Mord im Frühling liegen die Nerven wieder blank. Erneut wächst das Misstrauen zwischen albanisch-sprachigen und mazedonisch-sprachigen Volksgruppen.

Etwa ein Viertel der zwei Millionen Mazedonier hat albanische Wurzeln. In Brodec, einem kleinen Dorf im zerklüfteten Nordwesten, sprechen alle
Bergbauern albanisch. 2001 stand das Land kurz vor einem Bürgerkrieg. Die albanischen Separatisten hatten ihr Hauptquartier in den Bergen, in Brodec.

2007 durchsuchten Ordnungskräfte Brodec und fanden erneut ein Waffenversteck. Und heute? Haben sich die rebellischen Bergbauern mit den Staatsgrenzen abgefunden?

Der Bürgermeister von Brodec, Mustafa Bektesh, meint, man habe sich mit der Situation abgefunden. Ihm sei es egal, auf welcher Seite der Grenze man lebe. Aber man brauche eine wirtschaftliche Perspektive. Vor einem Konflikt haben man Angst, sowas treffen doch immer nur die Armen, die, die eh schon nichts zu essen hätten.

Tetovo ist das Ballungszentrum im Nordwesten. In den Strassen hört man meist – aber nicht nur -albanisch. Bei Spitzenspielen im Fussballstadion stehen tausend mazedonische Teteks-Fans etwa zehntausen albanischen Shkendija-Anhängern gegenüber. Wenn sie aufeinandertreffen, kann es ziemlich unangenehm werden.

Blasko, ein Teteks-Anhänger erzählt: “Die Albaner hier haben immer noch diese Idee von Gross-Albanien im Kopf. Die wollen uns diesen Teil Mazedoniens wegnehmen. Aber wir beschützen unseren Klub, unsere Stadt, unser Land. Wir sind keine Nationalisten, wir sind Patrioten.”

Doch Provokationen und Gewaltausbrüche gibt es auf beiden Seiten. Albaner und Mazedonier prügeln.
Auch auf dem flachen Land gibt es Vandalismus: In Jancishte haben Mazedonier den albanischen Namen auf dem zweisprachigen Ortsschild beschmiert. Extremisten beider Seiten versuchen immer wieder ihr Revier zu markieren und zu sagen: Das ist einzig und allein unser Ort.

Heute bemüht sich Norwegen, ein Stück Normalität zu garantieren – wenigstens in den Schulen. Mit skandinavischer Hilfe entstand ein Schulprojekt, das zumindest die Kinder aller Sprachgruppen wieder zusammenbringt. Bei der Generalprobe für’s Schulfest wird zweisprachig gespielt und gelacht. :
Doch solche Vorzeige-Schulen sind rar gesäht. Der Projekt-Verantwortliche träumt davon, dass es überall zweisprachige Schulen gibt.

Gostivar ist eine gemischte Stadt, mit einer albanischen Mehrheit. Vor ein paar Monaten erschoss ein mazedonischer Polizist zwei Albaner unter noch immer ungeklärten Umständen. Das verschärfte die ethnischen Spannungen im ganzen Land.

Das ist nicht normal, darin sind sich die beiden besten Freunde Elmaz und Dime aus Gostivar einig. Sie verbrachten die Kindheit zusammen, später gründeten sie ein mazedonisch-albanisches Joint-Venture. Sie bieten einen Buchhaltungsservice an.

“Bei der Wahl des Geschäftspartners ging es nicht um Nationalität oder Religion, überhaupt nicht.” sagt Elmaz. “Wichtig war ein stabiler Charakter, absolutes Vertrauen und Zuverlässigkeit. Und dann gings los.”

Gostivar ist auch die Heimatstadt des Theaterdirektors und früheren mazedonsichen Bildungsministers, Sulejman Rushiti. Wie erklärt er sich die jüngsten Zunahme der ethnischen Spannungen? Gostivar meint, die Regierung befördere diese kontrollierte Destabilisierung, damit wolle sie von den wirklichen Problemen ablenken, wie z.B. der Korruption und der fehlenden Integrationspolitik.

Der Programm-Direktor des “Instituts für soziale Studien” in Skopje, Artan Sadiku, stimmt dem zu. Statt die explodierende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, etwa ein Drittel der Bevölkerung ist ohne Job, befeuerten die Politiker die ethnischen Konflikte.

Der frühere Außenminister und künftige mazedonische Botschafter in Spanien, Slobodan Chashule, bestreitet dies. Das sei alles nur Meinungsmache. Das diene einigen Leuten nur dazu Stimmen zu mobilisieren, um die Regierung zu stürzen. Er beschuldigt den serbischen Geheimdienst hinter den jüngsten Spannungen zu stecken.

Besteht seiner Ansicht nach weiterhin die Gefahr, dass das Land auseinanderbricht? “Beide Bevölkerungsgruppen, die großen Gruppen in diesem Land, wollen ein Mazedonien.” sagt er.
“Die Albaner wissen, daß eine Teilung politisch, ökonomisch und strategisch unmöglich ist. Und den Mazedoniern ist ebenfalls klar, daß sie ohne die Albaner mehr verlieren, als gewinnen würden.

Naser Selmani, der Voritzende des Mazedonischen Journalistenverbandes meint all die Zwischenfälle in jüngster Zeit wurden von den regierenden Parteien angezettelt. Er glaube ganz fest daran, daß es immer noch ein großes Interesse daran gebe, daß Mazedonien zerbricht.

Diese pessimistische Sicht wirt nicht von der Mehrheit der Experten geteilt, die wir in der Hauptstadt Skopje trafen. Dennoch, Missverständnisse und Vorurteile sind alltäglich.

Die Bewilligung großer Mengen öffentlicher Gelder für das Projekt “Skopje 2014” wird von der albanischen Bevölkerung kritisiert: Überall in Skopje werden riesige Statuen alter mazdonischer Helden errichtet, außerdem werden Museen eröffnet, welche die mazedonische Vergangenheit verherrlichen. Die Albaner fühlen sich ausgeschlossen bei diesem Versuch eine alte, mazdonische Identität zu konstruieren.

Es ist eine unter Experten weit verbreitete Meinung: Sollte Nordkosovo wieder ein Teil Serbiens werden, dann würde das den albanischen Separatismus in der früheren jugoslawischen Republik Mazedonien stärken – und damit würde ein EU-Beitritt für alle Beteiligten unmöglich werden.

BONUS:

Hier finden Sie ein Interview mit Robbin Liddell, Chef der Sektion für politische, rechtliche und innere Angelegenheiten, der in Skopje ansässigen Delegation der Europäischen Union.