Eilmeldung

Eilmeldung

50. Jahrestag des Elysée-Vertrags

Sie lesen gerade:

50. Jahrestag des Elysée-Vertrags

Schriftgrösse Aa Aa

Vor fünfzig Jahren wurde der Elysée-Vertrag unterzeichnet, der die deutsch-französische Freundschaft begründete. Hier, im französischen Reims, das als die Wiege der Wiederversöhnung gilt, sind es vor allem die Jüngsten, die daran am meisten teilhaben. Sechs Monate vor der Unterzeichnung des Vertrags besiegelten der französische Präsident De Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Adenauer hier die Wiederversöhnung. Sprach- und Geschichtsunterricht stehen in der Mittelschule Notre Dame im Vordergrund. Enthusiastische Lehrkräfte führen zahlreiche Projekte durch, darunter einen Plakat-Wettbewerb. “Der Aufbau der deutsch-französischen Freundschaft erfordert viel Zeit”, sagte die kleine Agathe. “Mit einem Fingerschnippen ist es nicht getan.” Die Sprache der Nachbarn bleibt jedoch in Frankreich wie in Deutschland nach dem Englischen und dem Spanischen nur die dritte Wahl. “Die Vorurteile der älteren Generationen wirken bis heute nach”, meint die Deutschlehrerin Sylvette Ramirez de la Rosa. “Auch aus diesem Grund versuche ich mittels Begeisterung und Enthusiasmus mit der Vorstellung aufzuräumen, dass Deutsch eine sehr schwer zu erlernende Sprache ist. Wir gehen davon aus, dass alles einfach ist.” Die Sprache wird spielerisch erlernt, die Kinder erfahren auch das eine und das andere aus der Geschichte. “Auf dem Deckel meiner Schachtel befinden sich das Symbol des deutsch-französischen Jugendwerks, die Nationalflaggen, in der Schachtel drin sind die Fotos aller Präsidenten Frankreichs sowie die der deutschen Bundeskanzler. Auch ein Stück der Berliner Mauer ist drin. Die Größeren waren bereits zu Besuch in Deutschland, nicht nur kurz sondern zwei Monate. “Es war ein Erlebnis”, findet Clement, “denn wir haben gemeinsam mit den Partnerschülern an allem teilgenommen, auch am Unterricht”. Und Emeline berichtet: “Ich dachte, dass es schwieriger, dass die Sprache ein Hindernis und dass die Gastfamilie vielleicht weniger freundlich sein würde, doch im Gegenteil.” Es gibt mehr als 2.200 Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Städten und Ortschaften. Die Partnerstadt von Reims ist Aachen. “Seit ich zehn Jahre alt bin, fahre ich hin und habe die Kontakte von damals bewahrt”, so Catherine Delot, Vorsitzende des Partnerschafts-Komitees zwischen Reims und Aachen. “Die Kraft der Partnerschaften liegt darin, dass sich die Menschen näher kommen, was man von der Politik nicht behaupten kann.” Auch die Freundschaft kennt Höhen und Tiefen. Sonja Thuaire ist Deutsche, sie lebt seit 41 Jahren in Frankreich und arbeitet als Stadtführerin. Dazu, dass es mit der deutsch-französischen Freundschaft zur Zeit nicht zum Besten bestellt ist, meint sie: “Ich denke, dass das auch viel mit der Krise zu tun hat. In Deutschland moechte man, dass alle so tanzen wie sie wollen.”
“Doch sind Deutschland und Frankreich auch politisch ein Paar? Oder hat diese Partnerschaft ihren Schwung verloren? Unser deutscher Kollege Rudolf Herbert hat versucht, das herauszufinden”, meint unsere Korrespondentin Audrey Tilve.

Ich begrüße in Berlin Joachim Bitterlich, den langjährigen, engen Mitarbeiter des früheren deutschen Bundeskanzlers Kohl in Fragen der Europapolitik, früherer Botschafter und ausgewiesener Frankreich-Kenner, und in Paris Henri Ménudier, Politiologe, Professor an der Sorbonne, Deutschland-Kenner und Spezialist auf dem Gebiet der deutsch-französischen Beziehungen. Herzlich willkommen bei Euronews!

Henri Ménudier:
Guten Tag!

Euronews:
Sind die Festlichkeiten zum 50. Jahrestag des französisch-deutschen Freundschaftsvertrags eine “Heuchelei”, wie die linksliberale Zeitung Le Monde vor Tagen schrieb?

Henri Ménudier:
Nein! Also das Wort Heuchelei ist schrecklich und entspricht auch der Qualität der deutsch-französischen Zusammenarbeit nicht.

Joachim Bitterlich:
Nein! Feste soll man feiern, wie sie fallen! Wir sind heute doch in Europa in Wahrheit an Grenzen angelangt, und zwar an die Grenzen, dass wir langsam vorstoßen in das Herz der bisherigen nationalen Souveränitäten: Denken Sie an das Haushaltsrecht, denken Sie an Außen- und Sicherheitspolitik und ähnliches. Und daher finde ich es wichtig, dass wir jetzt gerade, 50 Jahre nach dem Elysée-Vertrag, im Lichte der Erfahrungen einerseits die Institutionen überprüfen – zum Beispiel auch das, was wir gemacht haben, was wir geändert haben, stärker nutzen.

Euronews:
In der Zeit, in der Sie, Herr Bitterlich, enger Mitarbeiter Kohls waren, wurden unter der Führung Frankreichs und Deutschlands die Grundlagen der europäischen Währungsunion geschaffen. Sie ist, wie sich das heute zeigt, ein gefährdetes, ein sehr fragiles Projekt. Daher meine Frage: Sind Frankreich und Deutschland heute mit Europa möglicherweise überfordert?

Henri Ménudier:
Ja, überfordert schon, aber es war damals sehr wichtig, dass gerade Helmut Kohl und Francois Mitterrand diese Grundlagen geschaffen haben. Wir sind leider nicht schnell genug weitergekommen! Es war ja sehr schön, die Währungsunion zu machen, wir hätten aber auch eine bessere Koordinierung der Wirtschaft bekommen sollen. Nun, die Krise hat uns natürlich schon erschüttert, aber ich habe den Eindruck, dass wir ein bisschen über diese Krise hinausgekommen sind.

Joachim Bitterlich:
Wir haben vielleicht am Anfang der Krise mehr die Krise ertragen, als versucht, dieses Europa durch die Krise zu führen.

Euronews:
Auf welchen Gebieten mangelt es heute an Kooperation? Um ganz aktuell zu werden: Sollte Deutschland Soldaten nach Mali schicken, Soldaten, die kämpfen, gemeinsam mit den französischen Soldaten?

Henri Ménudier:
Das wäre natürlich sehr schön, aber man weiß ja aus der Tradition der Zurückhaltung der Bundesrepublik Deutschland, dass es nicht unbedingt erwartet werden muss!

Euronews:
Herr Bitterlich, was meinen Sie dazu? Sollte Deutschland mehr tun?

Joachim Bitterlich:
Ja, aus meiner Sicht ja! Und vielleicht auch etwas spontaner! Nun ich meine schon, in einer so schwerwiegenden Krise, die wir zur Zeit in Mali erleben, hätte im Grunde das, was Thomas de Maizière gesagt hat, für alle Mitglieder der Bundesregierung auch gelten müssen und zwar von Anfang an: Dass man Frankreich klare Solidarität vorschlägt, die Grenzen sieht, ja, aber hilft!

Euronews:
Der luxemburgische Premierminister Juncker sagte, das Konzert Hollandes und Merkels entspreche vielleicht nicht ganz den Kriterien hochwertiger Musik. Wartet der französische Präsident auf einen sozialdemokratischen deutschen Kanzler, Herr Ménudier?

Henri Ménudier:
Das ist natürlich vielleicht ein Hintergedanke, das kann man nicht unbedingt bestreiten, aber er weiß ganz genau, dass zur Zeit die Macht in Berlin von Frau Merkel, der CDU/CSU und der FDP ausgeübt wird, und mit ihr muss er auskommen.

Joachim Bitterlich:
Francois Hollande sollte sich, glaube ich, darauf einstellen, dass Angela Merkel auch in Zukunft seine Partnerin sein wird.

Euronews:
Haben Sie herzlichen Dank!