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Jugend in Kuba

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Jugend in Kuba

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Strand, Tanz, Fiesta, darum dreht sich das Leben des 26jährigen Etian… Am Abend will er an einem Rap-Konzert teilnehmen. Eine seltene Ablenkung für die Jugendlichen seines Vororts von Havanna.

Ein Stromausfall unterbricht das Fest. Die Bewohner des Viertels sind das gewohnt.

Jeder hier kennt Etian. Er lebt von seiner Musik – und auch von einer gewissen Schläue, wie so viele hier. Davon erzählt er in seinen Liedern.

“Hier in Kuba leben viele ohne zu arbeiten. Und sie leben!”

“In Kuba hat man wirklich Zeit. Sonst nichts, aber Zeit. Wenn Du Zeit suchst, komm nach Kuba. Wenn Du Geld suchst, geh nach Europa oder in die USA – oder sonstwohin. Wenn Du Freiheit suchst, musst Du sie in Dir selber suchen.”

Und im Sprechgesang des Rap:

“Ich schlucke meinen Speichel runter und sage zu Fidel und zu Castro, er möge leben! Mögen alle leben, egal wer, alle verdienen es, zu leben. Ich will nur, dass sie mir erlauben, zu konsumieren. Ich muss mit meinem Leben machen, was ich will. Denn am Ende elle est à moi, parce qu‘à la fin elle est à moi”

Konsumieren und sich amüsieren: So denken viele Jugendliche, die in den Jahren der Krise aufgewachsen sind. Und sie sagen, sie wollen sich nicht in die Politik einmischen.

Das Café G ist ein Treffpunkt für viele Studenten in Havanna. Es gibt nichts besseres, als in Kuba zwanzig Jahre alt zu sein, sagen sie. Shellys Mayara:

“In Kuba ist es sehr leicht, zu leben, vor allem für die Jugendlichen. Denn man kann mit sehr wenig Mitteln leben, und damit kann man gut leben!”

Daniel Medina Morales: “Die Regierung tut, was sie kann, damit wir vorankommen. Wir haben nicht viel, denn wir sind ein unterentwickeltes Land, das stimmt. Aber sie bieten uns viele Möglichkeiten. Das sind nicht die besten, aber wir haben jeden Tag etwas zu essen. Wir können ausgehen und feiern, uns amüsieren. Ich liebe Kuba. Und was die Regierung betrifft: Ich interessiere mich nicht für Politik.”

Das ist nicht die Einstellung von Yazmani und Yadira. Sie sind 24 beziehungsweise 22 Jahre alt. Diesen Sonntag gesellen sie sich zu den bekannten Frauen in Weiß. Die demonstrieren jede Woche friedlich für die verfolgten und eingesperrten Dissidenten. Die beiden kämpfen für politischen Pluralismus und Meinungsfreiheit. Das kam sie teuer zu stehen. Beide wurden bei Kundgebungen verprügelt. Yadira hat die Zwillinge verloren, mit denen sie schwanger war.

“Sie haben mir in den Bauch getreten, Leute von der Staatssicherheit. Ich war im fünften Monat schwanger. Als ich im Krankenhaus ankam, waren die Männer von der Staatssicherheit schon da. Und mir wurde die Behandlung verweigert. Ich habe geblutet, aber sie wollten sich nicht um mich kümmern.”

Beide haben ihre Arbeit verloren – als Bäcker beziehungsweise Lehrerin. Milizionäre setzten ihr Haus in Brand. Aber sie haben sich nicht entmutigen lassen – und sprechen weiter von den sozialen Problemen. Yazmani sagt:

“Meine Arbeit ist, Berichte zu erstellen und zu veröffentlichen, und auch zu versuchen, Hilfe zu erlangen für Menschen in Not – wie sie. Die Regierung sagt, in Kuba passiere nichts, alles sei in Ordnung. Wenn sie das im Internet sieht, dann schämt sie sich vielleicht, oder sie fürchtet die öffentliche Meinung, – jedenfalls werden dann Probleme gelöst.”

Kommunizieren, um die Dinge in Bewegung zu bringen: Das tut auch Barbaro. Er ist in einem öffentlichen Betrieb beschäftigt. Und er gehört zu den immer bekannteren Gesichtern der neuen kubanischen Musikszene.

“Ich glaube, dass die Musik Information ist. Denn jeder drückt aus, was er fühlt, besonders in einem Genre wie dem Hip-Hop. Jeder sagt, was er denkt – über ganz verschiedene Themen. Die wichtigste Änderung, die wir in Kuba brauchen, ist der freie Zugang zu Informationen. Wenn ein Volk nicht informiert ist, dann ist es blind, dann kann es nicht kämpfen, nicht sprechen, nicht handeln, weil es nicht bescheid weiß.”

Ein Treffen bei Antonio und Ailer, Gründer des Netzwerks Estado de Sats. Sie organisieren regelmäßig kulturelle Veranstaltungen – ohne Genehmigung. Heute steht ein in Kuba verbotener Film auf dem Programm. Zum vorigen Treffen kam auch die Polizei. Antonio wurde mißhandelt und verbrachte mehrere Wochen im Gefängnis.

Doch die Gruppe lässt sich nicht aufhalten. Unter der Hand vertreiben die Mitglieder CDs. Und sie beteiligen sich an einem Blog, der im Ausland betrieben wird. Ins Internet gelangen sie in Hotels oder Botschaften – wie viele andere Dissidenten. Ailer:

“Ich finde, die Regierung ist alt, sie ist hinfällig. Sie versteht nichts von den neuen Technologien. Die Opposition hat diese Technologien angenommen, um eine andere Seite der kubanischen Wirklichkeit zu zeigen. Die Regierung hat zwar Reformen durchgeführt, aber im Hinblick auf das Internet versucht sie nur, die Entwicklung aufzuhalten. Das Internet ist eine starke Waffe, und ich glaube, sie wissen, dass es sie damit fertiggemacht werden.”

Die Gruppe führt auch eine Kampagne für die Ratifizierung aller UN-Abkommen durch Kuba – Abkommen über bürgerliche, soziale und viele andere Rechte.
Die Regierung werde die Aktionen der Zivilgesellschaft für die Demokratie nicht mehr lange ignorieren können, sagt Antonio.

“Die Dinge ändern sich – aber nicht etwa, weil die Machthaber es so wollen. Ich glaube, dass sich in 54 Jahren eine enorme Menge an Problemen angehäuft hat. Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse sind schlechter geworden. Die Regierung ist zu Veränderungen gezwungen. Andererseits gibt es heute eine neue Generation, die drastische Änderungen verlangt – und eine neue Lebensweise. Und die Regierung, ob sie es will oder nicht, kann diesen Wunsch nach Wandel nicht aufhalten.”

Ein Wandel, der auch eine tiefgreifende Änderung der Institutionen und Mentalitäten erfordert: So sehen es die Rechtsanwältinnen Barbara und Laritza. Sie haben Cubalex gegründet, eine noch nie dagewesene unabhängige Rechtsberatungsstelle. Die sei nötig gewesen angesichts der unzureichenden Rechtspflege im Lande. Laritza:

“Die Jurastudenten der Universität von Havanna erfahren nichts über Menschenrechte. Wer als Anwalt in diesem System arbeitet, kennt die Menschenrechte nicht und kann sie somit auch nicht verteidigen. Sie können sich nicht für die Einführung und Förderung der Menschenrechte für das Volk von Kuba einsetzen.”

Cubalex ist im Haus von Laritza ansässig. Der Beruf des Anwalts gehört nicht zu denen, die in Kuba frei ausgeübt werden können. Die jungen Frauen können daher niemanden vor Gericht vertreten und kein Honorar fordern. Dennoch setzen sie sich für die Rechte ihrer Klienten ein, während die zugelassenen Anwälte, die oft korrupt sind, dem staatlichen Druck nachgeben. Die beiden Frauen klagen auch den Mangel an Unabhängigkeit und Integrität der Gerichte an.Yaremis sagt:

“Was die Fälle betrifft mit denen wir es zu tun haben, sind wir sehr besorgt wegen des Verhaltens der Gerichte und ihrer Urteile. Es ist unglaublich, wie eine einzige Zeugenaussage ohne weitere Beweismittel ausreichen kann, um gegen einen Menschen eine Freiheitstrafe zu verhängen.”

Laritza: “Ohne eine Reform des kubanischen Rechtssystems – und nicht nur des Strafrechts – wird es in Kuba keine Demokratie und keinen Rechtsstaat geben. Ohne ein völlig neues Rechtssystems halte ich einen wirklichen Wandel in Kuba nicht für möglich.”

Ändern, was geändert werden muss, sei auch ein Slogan der Revolution unter Castro, sagt Yaima. Die Theaterschauspielerin hat kein Engagement. Sie spricht nicht gern über Politik.

Sie gehört auch nicht zu denen, die in ihrem Alter davon träumen, auszuwandern, – obwohl es noch viel zu tun gebe, um in Kuba gut zu leben, sagt sie. Was sie am Theater mag, ist die Möglichkeit, der Realität zu entkommen, aber auch ein wenig über sie zu sprechen.

“Man kann Dinge sagen, die man normalerweise nicht sagen würde – wegen der Zensur. Es ist ein Segen, dass man dies tun kann. Aber ich möchte hinzufügen, dass ich mich nicht als Dissidentin ansehe, als reaktionär, nein: Ich will einfach nur zum Wandel beitragen, den die Revolution unternommen hat. Und… ich sage immer, dass das Theater der sicherste Ort der Welt ist, …. bis heute.”