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Wirtschaftskrise und Diplomatie im geteilten Zypern

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Wirtschaftskrise und Diplomatie im geteilten Zypern

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Alp Cengiz Alp betreibt ein Bauunternehmen in Nordzypern. Sein neuestes Projekt sind 23 Villen am Rande von Nicosia, der geteilten Hauptstadt Zyperns.

“Niemand konnte sich das vorstellen. Das war eine völlig leere Gegend vor zehn Jahren Jetzt wird überall gebaut. Sehr schnell.”

Die Häuser sind schon verkauft, vor allem an türkische Zyprer und Türken vom Festland. Nordzypern erlebt einen wirtschaftlichen Boom, teilweise mit Hilfe der Türkei, die den Norden der Insel mit einer Milliarde Euro pro Jahr subventioniert. Aber dieser türkische Zyprer sieht keinen Anlass, sich über die Krise im Süden zu freuen.

“Wir fühlen uns nicht wohl, denn wenn das Haus des Nachbarn brennt, ist man ebenfalls betroffen. Es tut uns leid, denn wir leben im selben Land, wir haben dasselbe Leben seit Jahrhunderten.”

Aber vor fast vierzig Jahren wurde diese Gemeinsamkeit beendet. 1974 stürzten Anhänger einer Vereinigung der Insel mit Griechenland die Regierung. Daraufhin marschierten türkische Truppen ein. Im Norden der Insel wurde ein türkischer Separatstaat ausgerufen, der neun Jahre später seine volle Unabhängigkeit erklärte. Doch bis heute wird er nur von der Türkei anerkannt.

Bei einer Volksabstimmung im Jahre 2004 lehnten die griechischen Zyprer den Wiedervereinigungsvorschlag der UNO ab. Daraufhin wurde nur die griechisch geprägte Republik Zypern im Süden der Insel in die EU aufgenommen.

Günay Cerkez von der türkisch-zyprischen Handelskammer sagt:
“Wir sind von dieser besonderen Krise nicht betroffen, denn wir gehören nicht zur Eurozone. Aber wir haben andere Probleme: Wir sind international nicht anerkannt, es gibt keine Direktflüge, wir leiden unter Embargos und Isolierung. Deshalb ist das Leben für uns härter. Aber wir haben in dieser Zeit einen großen Vorteil, nämlich ein viel stärkeres Mutterland, die Türkei.”

Der Süden hingegen ist eng mit Griechenland verbunden und leidet daher unter der dortigen Bankenkrise. Vergangenen Monat musste die Republik Zypern als fünfter EU-Staat unter den Rettungsschirm von EU und IWF flüchten.

Das Rettungspaket erzürnte die griechischen Zyprer: Ihre Ersparnisse und Lebensgrundlagen würden geopfert, klagten sie. Man wolle auf ihre Kosten die Banken und den Euro retten.

Mitte April gab Zypern auch noch bekannt, dass die Kosten des EU-IMF-Rettungsplans 23 Milliarden Euro betragen würden, doppelt soviel wie ursprünglich geschätzt.

Stelios Platis betreibt ein Finanzdienstleitungsunternehmen. Zeitweise war er Berater des Präsidenten Zyperns. Er sieht wenig Grund, der EU bei wirtschaftlichen Entscheidungen zu vertrauen.

“Die Europäische Union hat versucht, mit Zypern ein Exempel zu statuieren. Sie will nicht, dass in der EU ein Finanzdienstleistungs-Sektor auf der Basis effizienter Besteuerungsstrukturen ensteht. In Ordnung, gebt uns ein Mandat, gebt uns einen Zeitrahmen, zwei Jahre, oder drei, vier, fünf Jahre. Und wir werden diesen Sektor abwickeln, aber ohne die sozialen Kosten, ohne die Vernichtung von mehr als einem Viertel der Wirtschaft, und ohne einem ganzen Volk seinen wirtschaftlichen Wohlstand zu nehmen, und das aus absolut keinem Grund.”

Für diese Verluste wird Ersatz gesucht. Die Regierung Zyperns hat eine Möglichkeit bereits gebilligt: Die Legalisierung von Casinos, wie es sie derzeit nur im Norden gibt.

Michael Dymiotis ist Manager einer Hotelkette in Zypern. Er glaubt, dass Kasinos der Tourismusbranche großen Auftrieb geben könnten. Diese Branche ist die zweitgrößte des Landes – nach den Finanzdienstleistungen.

“Es müssen nicht unbedingt Spielbanken sein. Es können auch Einrichtungen sein, in denen Familien einen Tag verbringen können, mit schönen Restaurants, mit Shows und vielen anderen Veranstaltungen. Das könnte sehr attraktiv sein für Märkte wie Israel, den Nahen Osten und Russland. Russland hat ja Casinos aus allen großen Städten verbannt. Daher würden viele Menschen aus Russland nach Zypern kommen, bei einer Flugdauer von nur zweieinhalb oder drei Stunden, nur wegen der Casinos.”

Die würden dem Land zwar Einnahmen bescheren, aber Kritiker sagen, das würde nicht ausreichen, um die zyprische Wirtschaft zu sanieren – eine Wirtschaft, die schon vor der Finanzkrise angeschlagen war, durch die Immobilienkrise.

Adam and Jani Lomas kauften hier vor sechs Jahren ein Haus. Zum Schluss legten sie selber Hand an, weil der Entwickler Insolvenz anmeldete. Nun wollen Insolvenzverwalter dessen Hypotheken eintreiben. Aber Adam sagt, er glaube weiterhin an Zypern. Der Gas- und Erdöl-Ingenieur sieht die Zukunft des Landes in dieser Branche.

“Wir wollen Teil des zyprischen Traums sein. Und ich weiß, dass es dafür nur einen Weg gibt: Da draußen liegt ein Schatz, da gibt es Gas. Wir sind uns völlig sicher. Wie viel es ist, wissen wir nicht, aber wir wissen, dass es dort Gas gibt. Nun brauchen wir einen Plan. Solange wir keinen klaren Plan haben, wird es für internationale Investoren unmöglich sein, die Arbeit anzugehen. Die Investoren sind von entscheidender Bedeutung, aber solange wir keinen stabilen rechtlichen Rahmen haben, keinen sehr klaren nationalen Energieplan, wir niemand nach Zypern kommen. Und es ist schlimmer geworden, weil Zypern einen schlechten Ruf hat. Niemand hört uns an. Zypern ist in Europa zum Prügelknaben geworden.”

Beim zyprischen Gas geht es um Geld und Geographie. Es wäre schätzungsweise fünfmal so teuer, Gas durch Südzypern und Europa zu leiten, als durch Nordzypern und eine Pipeline in der Türkei. Das hat die nordzyprische Regierung schon zweimal angeboten.

Osman Ertug, Sprecher der Regierung im türkischen Norden Zyperns:
“Wir haben das Angebot 2012 bekräftigt. Der Export von Gas über Nordzypern und die Türkei wäre der kostengünstigste Weg. Und es wäre vielleicht die beste Möglichkeit, von diesen Ressourcen zu profitieren, denn es wird doch von allen stets betont, dass die Ressourcen beiden Gemeinschaften gehören. Wir glauben, dass wir mit einem gemeinsamen Vorgehen nicht nur wirtschaftliche Probleme lösen könnten, sondern auch die politischen Probleme.”

Aber dieser Vorschlag bedeutet, Verhandlungen mit der Türkei zu führen – die von der Republik Zypern als Besatzer in ihrem Territorium angesehen wird.

Adam Lomas: “Ich habe versucht, möglichen Entscheidungsträgern zu erklären, dass es mehr Optionen gibt als nur ein Kraftwerk. Eine dieser Optionen bedeutet, ein Abkommen mit unseren Nachbarn im Norden zu schließen. Und das ist hier ein sehr gefühlsgeladenes Thema. Man muss nur in irgendein Café irgendwo in Südzypern gehen, um zu spüren, wie sehr die Menschen leiden, die in diesem Konflikt ihre Söhne verloren haben.”

Zweifellos weckt der Konflikt in diesem Lande noch immer starke Gefühle. Tausende wurden getötet, und sowohl türkische als auch griechische Zyprer wurden vertrieben. Wenige wollen sich vor der Kamera äußern. Wer dazu bereit ist, bestätigt, dass die Krise vieles verändert hat.

Der Hotelmanager Michael Dymiotis sagt:
“Die Verhandlungen sollten geführt werden, wenn beide Parteien auf gleicher Augenhöhe sprechen. Ich finde, für uns ist es nicht der richtige Zeitpunkt. Das heißt natürlich nicht, dass eine Lösung nicht erstrebenswert ist. Sie würde natürlich viele Probleme beheben sogar finanzielle Probleme, mit denen wir konfrontiert sind. Aber wir sollten weiterhin eine faire und gerechte Lösung anstreben, nicht einfach eine schnelle Lösung.”

Eine faire und gerechte Lösung eines der ältesten Konflikte Europas. In dieser Zeit der Krise in der Eurozone mit all ihren Kürzungen und Einsparungen könnte auch die Zeit knapp werden.