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Arranmore-Fischer vor dem Untergang?

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Arranmore-Fischer vor dem Untergang?

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In den vergangenen Jahren haben unzählige Küstenschiffer ihren Beruf aufgegeben, eine Folge der Überfischung, aber auch eine Folge der EU-Fischereipolitik der vergangenen Jahre. Die oft als Familienbetrieb strukturierten Kleinfischer sind dem Konkurrenzdruck der Riesenkutter nicht gewachsen, die Fischbestände übrigens auch nicht. Euronews-Reporter Hans von der Brelie wollte wissen, welche Auswirkungen die EU-Fischereipolitik auf Arranmore hat, eine kleine, mittlerweile nur noch spärlich besiedelte Insel im Norden der Republik Irland.

Mit ihrer Nussschale kämpfen sich Neily und Seamus durch meterhohe Wellenberge: hier vor Irland kann der Atlantik ganz schön ungemütlich sein. Die Brüder sind Küstenfischer in der vierten Generation. Aber sie dürfen kaum noch etwas aus dem heimischen Meer vor ihrer Haustüre holen. Nur noch Hummer, Krabben und ein paar Köderfische.

Neilys Arbeitstag beginnt um vier in der Frühe und endet um zehn Uhr nachts. Damit hat der sturmerprobte Mann von der Insel Arranmore kein Problem. Schon sein Urgroßvater fischte hier Wildlachs, sein Opa, sein Vater… Doch Brüssel und Dublin kappten die hundertjährige Familientradition: 2006 verhängten sie zum Schutz der Lachsbestände ein striktes Fangverbot. Die Menschen auf Arranmore traf das schwerer als der schlimmste Sturm: der Insel droht der wirtschaftliche Untergang.

Neily Kavenagh, breitbeinig in der engen Kajüte neben seinem Bruder stehend, nimmt kein Blatt vor den Mund: “Wir sind wütend”, sagt er und verschränkt die Arme über der breiten Brust. “Lachs ist unser Leben. Auf Arranmore hatten 16 oder 18 Familien eine Lizenz zum Fang von Wildlachs. Das Verbot hat Auswirkungen auf die gesamte Insel: die Bootsbesatzungen, einfach alle… Wir sind zu Recht wütend. Ausser Fischfang gibt es hier nichts…” – Darüber, dass die Abnahme der Meerlachsbestände auch etwas mit der jahrzehntelang fast ungebremsten Überfischung zu tun hat, verliert Neily kein Wort. Für ihn sind “Brüssel und Dublin” die Buhmänner.

Die Menschen wandern aus. Unbewohnte Häuser wohin man blickt, aus, nach Dublin und London, nach Australien und Amerika. Arranmore verwandelt sich immer mehr in eine Geister-Insel. Und damit verliert auch Irland ein Stück Identität, denn das “echte Irland”, das Gälisch spricht, uralte Sagen noch mündlich überliefert, das findet man hier, auf Arranmore.

Kurz nach dem Lachsfangverbot kam das Treibnetzverbot, erinnert Jerry Early, ein guter Freund von Neily. Dann wurde der gesamte Fischgrund VIa gesperrt: das Meer vor Arranmore war leergefischt: von den unzähligen kleinen und mittleren irischen Kuttern, aber auch und vorallem von den Riesentrawlern, die sich hier ihre EU-Fischquoten aus dem Wasser zogen.

Glücklicherweise hat Jerry mehrere Jobs: Teilzeitfischer, stellvertretender Rettungsboot-Kommandant und Pubbesitzer. Neily und Jerry sind so etwas wie Herz und Hirn der Insel. Als inoffizieller aber allseits anerkannter Inselsprecher macht Jerry die Fischereipolitik der Europäischen Union für den Niedergang verantwortlich: “Brüssel” steuere Arranmore direkt in den Untergang: “Früher einmal drängten sich hier im Hafenbecken 20 bis 30 Boote”, erinnert sich Jerry. “Doch das ist aus und vorbei. Sie haben diesem kleinen Hafen, wo ich die glücklichsten Tage meines Lebens verbracht habe, Herz und Seele entrissen. Sie haben uns das weggenommen, mir das weggenommen.” Mit dem fast verächtlich hingeworfenen “sie” meint Jerry “Brüssel und Dublin”. Unverzeihlich sei das, sagt er, macht eine lange Pause, fährt fort: “Mir bricht das Herz, wenn ich daran denke, was sie uns angetan haben. Hier im Hafen kann ich sie immer noch hören, die Geisterstimmen dieses einstmals glücklichen Lebens.”

Zusammen mit dem Inselpfarrer machte sich Jerry auf den Weg nach Brüssel, sprach mit Mitgliedern des Europaparlamentes, europäischen Fischereiexperten, signalisierte in seiner bildstarken, emotionsgeladenen Sprache “SOS”. Überfischung und EU-Fischereipolitik führten dazu, dass innerhalb von sieben Jahren die Zahl der Arranmore-Bewohner von knapp 800 auf unter 500 fiel. Nur noch vier Vollzeitfischer können sich über Wasser halten. Ihre Lizenz wollen sie behalten, Ausgleichzahlungen verweigern sie. So wie Neily und seine Brüder. “Hätten wir die Lizenz abgegeben, das Geld genommen, dann hätten wir schriftlich bestätigen müssen, nie wieder eine Fischfangerlaubnis zu beantragen”, begründet Jerry das kategorische Nein der Arranmore-Fischer. “Und das Wörtchen nie wieder bedeutet: nie wieder. So etwas konnten und können wir nicht akzeptieren, niemals.”

Die Inselbewohner hoffen, dass sich die Bestände irgendwann erholen und die Fangverbote für Küstenfischer gelockert werden. Nur, wie lange halten sie durch? Halten sie überhaupt noch durch? Der Erlöse aus Krabben und Hummern ist mehr oder weniger korrekt, das schon, die Tiere werden bis nach China exportiert und dort teuer verkauft. Nur könnte man mit frischem Meerlachs eben wesentlich mehr Geld verdienen, “schwimmendes Gold” sind die Fische in den Augen der Inselbewohner, das vorbeizieht, vor ihren Augen, das sie aber nicht mehr aus dem Wasser holen dürfen…

Als Irland der Europäischen Union beitrag, handelte die Regierung in Dublin eine Zwölfmeilenzone aus: ausländische Fischtrawler müssen aussen vor bleiben. Die unlängst reformierte Fischereipolitik der EU – in Kraft tritt sie Anfang des kommenden Jahres, Januar 2014 – hat diese Zwölfmeilenzone fortgeschrieben: Regierungen der EU-Mitgliedstaaten dürfen ihre küstennahen Gewässer auch im kommenden Jahrzehnt gegen Riesentrawler schützen, wenn sie wollen. Und Irland will. Nur sind die Fischer auf Arranmore trotzdem nicht zufrieden mit Dublin: die Politiker hätten sich über den Tisch ziehen lassen, schon damals, beim EU-Beitritt, Irland hätte eine 50-Meilen-Schutzzone aushandeln sollen oder, warum nicht, noch mehr. So sehen das jedenfalls Neily und Jerry.

Zurück im sicheren Hafen erzählt Neily seiner Tochter Muireann oft Geschichten von spannenden Begegnungen auf rauher See. Ein “sprechender Name” dies, Muireann, er bedeutet “weisse See”. Mit freudigem Gebell springt der Hund der Fischerfamilie an Bord, etwas bleich um die Nase hüpft auch Muireann an Bord und läuft etwas wackelig auf den Beinen ihrem Vater entgegen. “Nur 20 oder 25 Seemeilen westlich von Arranmore haben wir eine schwimmende Fischfabrik gekreuzt”, erzählt Krabbenfischer Neily. “Die haben unser Gebiet leergefischt. Wir haben die angefunkt: die waren auf Makrelenjagd. Unsere irischen Fischkutter lagen festgezurrt an der Mole. Das ist schon sehr seltsam, dass ein Trawler aus einem anderen EU-Land hier bei uns vor Arranmore alles leerfischen darf und unsere Fischtrawler müssen vor Anker liegen.”

39 Prozent der Fischbestände im europäischen Atlantik sind überfischt, im Mittelmeer sind es sogar 88 Prozent. Während sich einige Fischbestände im Atlantik wieder leicht erholt haben – möglicherweise dem jüngsten Umsteuern in der EU-Fischereipolitik und strengeren Kontrollen zu verdanken – muss die Situation im Mittelmeer weiterhin als katastrophal bezeichnet werden.

Doch Europa sollte für das Schwinden der Fischbestände nicht die Küstenfischer verantwortlich machen, fordert Jerry und lässt von seinem Küchenfenster aus den Blick über die im Sonnenlicht funkelnde Bucht schweifen. Dort unten dümpelt das orangene Rettungsboot vor Anker, ein hochseetaugliches Schiff, auf dessen Kommandobrücke Jerry 29 Jahre lang stand und dem Tod ins Auge blickte. “Dreimal musste ich Vätern die Botschaft überbringen, dass ihr Sohn auf See verloren ging”, erinnert sich Jerry an einige der dramatischen Einsätze. Andere konnte er retten. Doch es sind die Toten, die ihn nicht ruhen lassen.

Auch heute will Jerry retten, die Inselgemeinschaft, die Zukunft der Fischer, die wirtschaftliche Existenz aller Menschen hier, die kulturelle Identität – und dazu gehört das Fischerhandwerk. “Die Meerlachsbestände haben sich erholt”, behauptet er – und fordert von Dublin, das Fangverbot aufzuheben – zumindest für die kleinen Inseln Arranmore und Tory. Mit 3000 Lachsen pro Jahr sei die Insel gerettet, dem Lachsbestand insgesamt schade diese Kleinstmengenentnahme nicht.

Dann beginnt sich der hochgewachsene Mann zu ärgern: “Zunächst einmal: wir bestreiten den Wahrheitsgehalt der wissenschaftlichen Gutachten über die Lachsbestände. Warum werden wir Fischer immer angeschwärzt? Warum werden wir nicht gefragt? Wir kennen uns aus, wir sind fast täglich draussen, wir haben mehr als eine vage Ahnung, wie es um die Fischbestände vor Arranmore bestellt ist.” Jerry unterbreitet einen konkreten Vorschlag: “Wir wollen ein fünfjähriges Pilot-Projekt, eine Ausnahmegenehmigung.” Seine Idee: die Arranmore-Fischer stellen sich in den Dienst der Forschung, entnehmen den gefangenen Meerlachsen DNA-Proben, schicken das Gewebe zum irischen Marine- und Fischereiinstitut, dort könne man dann genau feststellen, zu welchen Flüssen die Lachse vor Arranmore wanderten. Und nach Ablauf der fünf Jahre wisse man dann, ob oder ob nicht die Arranmore-Fischer den Lachsbestand gefährdeten. Die Stimme des ansonsten sehr ruhig und gelassen wirkenden Mannes wird laut: “Wir haben die Netze, die Boote, das Meer. Aber wir haben auch dieses Verbot: wir dürfen einfach nicht mehr fischen. Das ist so, als ob man dem Bauern sagt, er dürfe sein Feld nicht mehr pflügen. Das ist verrückt, ergibt keinen Sinn. Und es wird der Tod der Insel sein.”

Der Tod der Insel? Gewiss, eine starke Metapher, doch mehr als nur das? Was steckt dahinter? Warum diese drastische Wortwahl?Eine Antwort finden wir in der 1915 gebauten Grundschule, eine von zwei Grundschulen der Insel. Im vergangenen Jahr wurde kein einziges Kind geboren. Der Bevölkerungsschwund wird spürbar: Eine der beiden Grundschulen könnte geschlossen werden.

Neilys Tochter bekommt hier zweisprachigen Unterricht: auf Englisch und Gälisch. Heute üben die Kinder ein irisches Geistergedicht, “Huka Puka”. Schaurig schallt der gälische Gespenstertext durch das Klassenzimmer mit Meeresblick. Vielleicht eine der letzten Huka-Puka-Stunden? Hier sitzen sie, ein Dutzend Kinder, nicht mehr, in einer einzigen Grundschulklasse, in der sie alle gemeinsam von einer einzigen Lehrerin unterrichtet werden: Vierjährige neben Achtjährigen neben Elfjährigen. Gerne hätte die einzige Lehrkraft – sie ist Direktorin und Lehrerin in einer Person – Verstärkung, um zumindest zwei Altersgruppen bilden und in zwei Räumen getrennt unterrichten zu können. Doch dafür ist kein Geld da. Und: es mangelt an Kindern. Sollte die Abwanderung anhalten, sollte die Schule tatsächlich schliessen, dann verlöre Irland ein Stück seiner gälischen Kulturgeschichte.

Inselbewohner, Landkreis, Regionalverwaltung und Regierung in Dublin wissen das. Gemeinsam haben es alle Beteiligten geschafft, den Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln: im Sommer kommen irische Lehrer, die ihr Gälisch aufbessern wollen, auf Arranmore, die in den Sommerferien ansonsten ungenutzten Schulräume werden umgewidmet: anstelle der Grundschulkinder drücken dann Lehrer die Schulbank und frischen ihre Gälischkenntnisse auf. Davon profitiert das Gastgewerbe auf der Insel, doch auch hier ist noch viel zu tun: im Sommer mangelt es gelegentlich an Unterkünften. Andererseits musste ein Hotel schliessen.

Es scheint an einem “Masterplan” zu fehlen, an einer durchdachten, konkreten, handfesten, tragfähigen, nachhaltigen, machbaren Entwicklungsstrategie für Arranmore. Daran könnte sich möglicherweise bald etwas ändern. Shirley Gallagher wanderte aus, machte auf dem Festland zunächst ihren Doktor, dann Karriere als Wasserchemikerin, leitete ein Labor, hangelte sich von einer Führungsposition zur nächsten, verdiente gutes Geld als Manager. Doch dann hatte sie ihr Aha-Erlebnis, eine Klimakonferenz, auf der das Ende des Petro-Zeitalters diskutiert wurde. Was kommt danach? Shirley kamen die Bilder ihrer Kindheit in Erinnerung, die Bilder der windgepeitschten Arranmore-Kliffs. Kurzerhand hängte sie ihren Spitzenjob an den Nagel, kam zurück auf die Insel. Ihre Fähigkeiten will sie in den Dienst Arranmores stellen. Sie will etwas verändern, in Bewegung setzen. Tag für Tag arbeitet Shirley an einer Zukunftsvision für Arranmore. Und Zukunft, das bedeutet zunächst einmal: Arbeitsplätze. Sonst verwandelt sich die Insel in ein Altersheim.

“So wie ich das sehe”, erläutert Shirley, “können Arbeitsplätze hier auf Arranmore vorallem in drei Bereichen geschaffen werden: Im Bausektor, Stichwort Lüftungstechnik und Wärmedämmung, bei der Fischerei, hier geht es um Weiterverarbeitung des angelandeten Fangs, und dann natürlich im Tourismusbereich.” Arranmore ist eine der ärmsten Gegenden Irlands: jeder zweite Inselbewohner hat keine Arbeit. “Um Arranmore eine Chance zu geben, müssen wir uns zusammentun”, glaubt Shirley. Dann macht sie sich bewaffnet mit Reisszwecken und Postern auf den Weg über die Insel, im Dorfladen wirbt sie für ihre Idee, in der Post, sucht das Gespräch, redet, spricht Nachbarn an, Dorfbewohner: “Hallo John, wie geht es Dir? Ich organisiere eine Debatte, wie wir auf Arranmore Jobs schaffen können. Ich will alle Berufsgruppen an einen Tisch bringen: Fischer, Bauern, Gastwirte, Bau- und Transportunternehmer, Lehrer und die Gruppe der Unterdreissigjährigen… es gibt einfach keine Jobs für die Jungen.” Wird Shirley das zusammen mit den anderen Arranmore-Bewohnern ändern können?

Shirley verknüfte Arranmore mit dem europäischen Insel-Netzwerk SMILE-GOV. Inselbewohner aus Irland, Italien, Finnland, Dänemark und anderen Ländern tauschen Ideen aus. Dank Shirleys Initiative wird auf Arranmore nun auch über Fischfarmen diskutiert. Lachse in Wassertanks zu züchten, ist eigentlich überhaupt nicht Jerrys Traum. Doch sollte das Fangverbot für Wildlachse bestehen bleiben – und derzeit sieht es ganz danach aus – dann hat Arranmore wohl keine andere Wahl, meint Jerry und zeigt uns eine Stelle, die er für geeignet hält: “Ich denke, wenn man nach vorne schaut, dann sollte man die Möglichkeit für Fischfarmen auf der Insel ernsthaft angehen. Nicht auf offener See, sondern hier auf dem festen Land. Ich schätze, damit könnten zwanzig bis vierzig Arbeitsplätze geschaffen werden. Auf lange Sicht könnte das ausschlaggebend sein für das Überleben der Insel.”

Das Problem der Lachsfarmen auf offener See: die Käfige sind durchlässig, Medikamente und Dreck (viel Dreck) geraten ins Meerwasser, ausgerechnet dort, wo die grossen Wildlachsschwärme vorbeiziehen. Eine potentielle Gefahrenquelle für Wildlachse glaubt Jerry. Doch mit Lachs-Tanks auf dem Festland sähe das anders aus, meint er.

Doch Fischfarmen sind Energiefresser, Unmengen an Frischwasser müssen in und durch die Tanks gepumpt werden. Shirley schreckt das nicht: man müsse nur die Augen öffnen, Wind und Wellen überall, Arranmore stecke voller nachhaltiger Energiequellen. Wir machen uns mit Shirley auf den Weg zur Steilklippe von Arranmore. Kurz vor dem Leuchtturm taucht ein Regenbogen den Atlantik in magisches Licht, der eisige Wind bläst die Schutzkappe vom Kamera-Objektiv: “Für einen Windpark ist das ideal: hier bläst ständig eine steife Brise, Häuser gibt es oben auf dem Kliff keine – und ein Stromnetz gibt es schon. Da steckt einiges an Zukunftspotential drin”, freut sich Shirley und lächelt tapfer. Jetzt gilt es “nur noch” einen Investor an Land zu ziehen, beziehungsweise auf die Insel zu locken. Aber auch hier hat Shirley bereits einen Arbeitsplan erstellt, Adressenlisten angelegt, Telephonverzeichnisse durchstöbert… sie weiss, was sie will. Und sie weiss, wie sie es umsetzen kann.

So wie Seamus Bonner. Ihn treffen wir im Gemeindezentrum, eine Mehrzweckhalle, in der Sport getrieben, gefeiert und gelernt wird. Heute wird gelernt. Und zwar mit Computern. Eine Firma sponsort, Seamus organisiert und die Kinder der Fischer lernen das Programmieren, Computersprachen, die ganze Technik…. und das bereits im Kindesalter. Das Projekt nennt sich Coderdojo. Doch werden die Kinder hier “für den Export” ausgebildet? Werden sie in einigen Jahren abwandern, nach Dublin oder weiter? Dorthin wo die grossen Firmen sitzen? Oder werden sie bleiben? Seamus hofft, dass sich ein Sofware-Unternehmen auf der Insel niederlässt. Irgendwann einmal, am Besten möglichst bald. Doch da gibt es ein Problem: “Um potentielle Investoren zu überzeugen nach Arranmore zu kommen, brauchen wir Breitbandkabel und Hochgeschwindigkeitsinternetzugang. Derzeit haben wir das nicht. Die irische Regierung hat gerade eben 17 Millionen Euro Fördergelder für Breitbandanschlüsse in ländlichen Gebieten an die EU zurückgegeben. Angeblich brauchen wir das nicht. Das ist echt frustrierend, wirklich.”

Wir fahren runter zum Hafen: Neily landet seinen Krabben-Fang an, während Jerry mit Freunden in seinem Pub Abschied feiert: zwei weitere Fischer verlassen die Insel. Jerry greift zur Gitarre, seine volle Stimme füllt den Raum. Auch Shirley ist auf ein Bier vorbeigekommen. Jetzt heisst es Abschied nehmen: Jerrys Freunde sitzen auf gepackten Koffern, werden nach Dublin und London ziehen, dort Tunnel graben. “Tunnel-Tiger” nennen viele Iren die Menschen von Arranmore. Denn immer dann, wenn es schwierig wurde, sein Auskommen auf der Insel zu finden, gingen die Fischer unter Tage, vertauschten die Positionslichter ihrer Fischerboote mit Grubenlampen. Eine jahrzehntelange Tradition, die bis heute fortdauert.

Unterdessen reformiert Europa die gemeinsame Fischereipolitik. Die riesigen Trawler müssen künftig ihren Beifang anlanden, dürfen nichts mehr über Bord werfen. Damit erfüllt “Brüssel” eine der Forderungen der kleinen Küstenfischer. Ausserdem sollen bei der Vergabe der Fischquoten die Empfehlungen der Meeresbiologen ausschlaggebend sein, der einzige Weg, eine nachhaltige Erholung der Fischbestände zu sichern… was mittel- und langfristig eben auch wieder den Küstenfischern zum Vorteil gereichen wird.

Und kurzfristig? Fischfarmen werden von der EU als Lösung für das Problem mit den Lachsen vorgeschlagen. Im kommenden Jahr gibt es ausserdem mehr Geld für Küstenfischer, Spezialprogramme werden aufgelegt, um Fischerfrauen zu Marketingexperten auszubilden, der Mehrwert der angelandeten Schalentiere und Fische soll erhöht, mehr Geld in den Taschen der “kleinen Fischer” bleiben. Und wenn die Küstenfischer selbst ein förderwürdiges Projekt haben, eine Idee, einen Plan, eine Strategie, dann sollen sie vorrangig von Fördergeldern profitieren dürfen. Dabei wird auf das Bruttosozialprodukt geachtet, konkret heisst das, dass dort, wo die Menschen arm sind, mehr Geld aus Brüssel zur Verfügung stehen wird.

Und: Neily wird zwar nicht mit Treib- so doch aber wieder mit Stellnetzen fischen dürfen (wenn auch keinen Wildlachs). Die Fischer von Arranmore haben es geschafft, “Brüssel” zum Nachdenken zu bringen. Und sie haben zumindest einen kleinen Erfolg erkämpft.