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Türkei: Der Skandal und seine Folgen

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Türkei: Der Skandal und seine Folgen

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Die Folgen des Korruptionsskandals in der Türkei könnten weitreichend sein. Während sich die Stimmung bei den Bürgern immer stärker gegen die Regierung und deren Chef Erdogan richtet, fürchten Analysten um Schäden für Politik und Wirtschaft.

So könnte der Fall die Bemühungen der Türkei, Mitglied der EU zu werden, torpedieren. Immerhin muss das Land dafür zeigen, dass es Probleme wie Korruption im Griff hat. Die Wirtschaft ist bereits angeschlagen, die türkische Lira fiel auf den bisher niedrigsten Stand. Auch Staatsanleihen und Aktien gerieten unter Druck.

Über die möglichen Konsequenzen des Skandals haben wir in Istanbul mit Talip Küçükcan gesprochen. Küçükcan ist Professor an der Marmara Universität.

Bora Bayraktar, euronews
Wie bewerten Sie den Skandal?

Küçükcan
Wenn wir uns die jüngsten Entwicklungen in der Türkei anschauen, speziell im Korruptionsfall, erkennt man zwei Dimensionen, die sowohl in der Türkei als auch vom Rest der Welt immer so gesehen werden. Erstens: Die regierende Partei ist in den vergangenen elf Jahren so stark gewachsen, dass sie gar nicht alle ihre Mitglieder kontrollieren kann. Es ist unmöglich, alle zu kontrollieren. Es gibt also Verdachtsmomente zu Korruptionsfällen.

Zweitens geht es um den Zeitpunkt, um das Timing. Es gibt die Korruptionsuntersuchung und die Hinweise, die wir zur Zeit haben, deuten an, dass es irgendeine Art von Korruption gab. Und von der Regierung wird erwartet, gegen die entsprechenden Leute vorzugehen. Aber diese Dinge geschahen kurz vor den anstehenden Regionalwahlen. Das hat in der Regierung viele Fragen aufgeworfen.

euronews
Erdogan gibt ausländischen Elementen die Schuld am Skandal. Wie beeinflusst das die internationalen Beziehungen der Türkei?

Küçükcan
Der relative Erfolg der Türkei in der Außenpolitik, speziell in der Öffnung zur Welt, ihre vielseitige Außenpolitik auf dem Kaukasus, dem Balkan und im Nahe Osten wurden von Europa und dem Westen hin und wieder kritisiert. Um etwas gegen diese Kritik zu tun, hat die Türkei versucht, ihre Beziehungen zur EU zu verbessern. Aber trotz der Reformen im Rechtssystem, trotz der Angleichung der türkische Gesetze an europäische Normen kritisieren manche Länder in Europa die Türkei wegen ihrer Regierung, wegen ihrer Zugehörigkeit zur islamischen Welt.

Sie haben die Türkei kulturell von sich geschoben. Sie sagten, die Türkei gehöre nicht zum Westen. Das hat in regierungsnahen Kreisen den Eindruck erweckt, die Türkei werde immer kritisiert, trotz ihrer friedlichen Politik, ihrem Beitrag zur Sicherheit des Westens, ihrer Nato-Mitgliedschaft. Die regierende AKP werde trotz all ihrer Erfolge nicht vom Westen gewollt, so ihr Eindruck.

euronews
Ausländische Investoren fürchten, die unsichere Lage könnte die Türkei insgesamt destabilisieren.

Küçükcan
Seit elf Jahren sind Wirtschaft und Politik in der Türkei stabil. Alle haben davon profitiert. Es war eine Win-win-Situation. Besonders die Wirtschaftszweige sind zufrieden mit der Politik der Regierung. Wenn wir uns die Öffnung der Wirtschaft schauen, die Eröffnung von 200 Repräsentationen in verschiedenen Ländern, dann liegt es im Interesse von allen, diese Stabilität fortzusetzen. Stabilität ist außerdem sehr wichtig, um die chronischen Probleme der Türkei zu lösen, etwa die Demokratisierung, die Kurdenfrage und die Lage der Alawiten.

Die türkische Einparteienregierung hat einen EU-orientierten Reformprozess realisiert und begonnen, die Kurdenfrage anzugehen, die für die regionale Sicherheit sehr wichtig ist. Wenn sich die Sicherheitslage in der Türkei verschlechtert, dann verliert erstens die Wirtschaft, und zweitens könnten andere Probleme hochkochen, die den Frieden in der Türkei gefährden könnten. Von einem rationalen Gesichtspunkt aus werden die Anhänger der AKP, Liberale, Kemalisten, Islamisten und andere Gruppen die Stabilität unterstützen.