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Giftiges Kriegs-Erbe: Wo das Meer zur Chemiedeponie wird

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Giftiges Kriegs-Erbe: Wo das Meer zur Chemiedeponie wird

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Seit vielen Jahrzehnten fangen die beiden Brüder Michele und Giovanni de Candia vor der italienischen Hafenstadt Molfetta ihre Fische. Eine Arbeit, die, so sagen sie, immer schwerer auf ihrer Gesundheit lastet. Die Ursache dafür liegt ihrer Meinung nach auf dem Grund des Meeres.

Giovanni de Candia: “Wenn wir einige Stunden draußen waren, hatten wir Atemprobleme. Unsere Augen brannten, wir hatten Probleme mit den Fingern, speziell den Fingerspitzen, die man bei der Arbeit stark beansprucht. Hier und am Körper sind rote Punkte aufgetaucht, ein bisschen wie Pilze sahen die aus. Nach einer Weile trockneten sie und fielen ab.”

Die Umweltbehörde hat die beiden und auch andere Fischer untersuchen lassen. Die Ergebnisse stehen noch aus, doch Michele ist sich sicher: Schuld an seinen Beschwerden ist Senfgas.

Michele de Candia: “Hier überall liegen Bomben im Meer. Im Laufe der Jahre ist das Eisen korrodiert, durch die Wasserbewegung fällt es ab und der Inhalt tritt aus. Er hängt dann an unseren Netzen. Wenn wir sie einholen, brennen unsere Hände, unsere Augen und alles.”

Giovanni: “Mein Vater hat hier schon gefischt, mit Gewichten. Er hat ganze Sprengkörper aus dem Meer geholt, die von den Deutschen, den Engländern hier abgeworfen wurden, je nachdem, wie das Wetter war. Bei schlechtem Wetter flogen sie gerade mal vor dem Hafen übers Meer und ließen sie fallen. Hier ist alles voll. Konventionelle und nicht-konventionelle Bomben, auch Senfgas.”

Im Dezember 1943 griffen deutsche Flugzeuge im Hafen von Bari Schiffe der Alliierten an. Dabei wurde unter anderem die amerikanische John Harvey getroffen. An Bord hatte sie eine geheime Ladung Senfgas, bestimmt für mögliche Vergeltungschläge gegen Deutschland. Geheim deshalb, weil die USA genau wie Deutschland und Italien das sogenannte Genfer Protokoll zum Verbot von Chemiewaffen unterzeichnet hatten.

Experten schätzen, dass vor Bari rund 90.000 Bomben auf dem Adriaboden liegen. Während die meisten von ihnen konventionelle Sprengsätze sind, befinden sich auch einige chemische Waffen darunter.

Der Biologe Nicola Ungaro glaubt, die Munition zu beseitigen sei wesentlich gefährlicher, als sie im Meer zu lassen.

“Natürlich wäre es das allerbeste, wenn man die chemischen Bomben einfach entfernen könnte, das würde die Gefahr im Meer beseitigen. Das Problem wäre dann aber nicht aus der Welt, sondern am Festland. Dabei besteht das Risiko, dass beim Bewegen der Bomben giftige Substanzen austreten, und das könnte schlimmer sein, als sie im Wasser liegen zu lassen.”

Um nicht in Kontakt mit den giftigen Substanzen zu kommen, wurden den Fischern einige Ratschläge gegeben, unter anderem sollten sie nicht fischen fahren. Viele sagen, das reiche nicht, die Weltkriegs-Bomben müssten weg.

Der Umweltingenieur Massimiliano Piscitelli mgeht noch einen Schritt weiter. Er sagt, es lägen auch Streubomben mit abgereichertem Uran in der Adria, abgeworfen 1999 von NATO-Jets im Kosovo-Krieg. Italien solle sich um die Bomben direkt vor der Küste kümmern.

“Die Bomben, die direkt vor der italienischen Küste liegen zu entfernen, ist eine unheimlich teure Angelegenheit, die viel Zeit und viel Personal erfordert. Außerdem ist es gefährlich, und dennoch: Es ist wirklich das, was man tun sollte. Denn diese Bomben wurden nur wenige hundert Meter von den Badestränden entfernt abgeworfen, manchmal sogar in Hafenbecken, wo die Fischer mit ihren Booten anlegen.”

Nicht nur Italien hat mit solchen giftigen Hinterlassenschaft zu kämpfen. Auch andere Meere Europas sind betroffen.

Rund 500 Meter vor der Küste Belgiens liegen 35.000 Tonnen Munition aus dem Ersten Weltkrieg. Fischen und Schwimmen sind verboten. Meereswissenschaftler sagen, die Bomben seien sicher vergraben, sie würden auch kontinuierlich auf ihren Zustand geprüft.

Jan Mees ist Chef des Flämischen Marineinstituts. Er sagt, die Folgen der Chemiewaffen, die damals zum ersten Mal in Belgien eingesetzt wurden, seien bis heute zu spüren.

“Tausende Tonnen Munition blieben übrig. Vor allem deutsche, aber auch von anderen Ländern. Eine Menge chemischer Sprengköpfe lag einfach auf den Feldern Flanderns herum. Die Gegend war voll davon. Man musste sie also irgendwie loswerden. Und die damalige Regierung traf eine schnelle und einfache Entscheidung: “Lasst uns eine Sandbank finden und die Bomben dort vergraben.” Diese Sandbank sollte nicht weit weg sein, so dass man die Bomben ohne größere Schwierigkeiten hintransportieren konnte. Sechs Monate lang wurde jeden Tag eine Schiffsladung an Chemiewaffen dort verklappt.”

Jan Savelkoels arbeitet bei einer belgischen Firma, die sich auf die Beseitigung von Munition im Meer spezialisiert hat. Er zeigt uns, wie die Schutzkappen der Bomben mit der Zeit im salzigen Meerwasser korrodieren.Seine Warnung: Einige der Chemiewaffen, die noch bis in die Neunzigerjahre hier abgeladen wurden, könnten schon bald anfangen zu lecken und sollten daher genau beobachtet werden. Eine Aufgabe, die allerdings sehr viel Geld kostet.

“Wir müssen die Politik mit ins Boot holen, das ist genau das, was wir versuchen, speziell in den baltischen Staaten. Wir versuchen, von einem Sicherheitsaspekt aus zu erklären, was das Problem mit dieser nicht explodierten Munition auf dem Meeresgrund ist. Allein in der Ostsee liegen 1,6 Milliarden Tonnen an Munition, in der Nordsee sind es 1,3 Milliarden Tonnen.”

Matteo D’Ingeo hat eine Bürgergruppe in Molfetta ins Leben gerufen. Er zeigt uns, wo die Chemiewaffen, eingeschlossen in Beton, liegen. Keine 50 Meter vom Strand entfernt. Er will, dass sie beseitigt und vernichtet werden. Die Debatte um die syrischen Chemiewaffen hat die Aufmerksamkeit in Italien für die alte Kriegshinterlassenschaft wieder neu geweckt. Doch weil das Assad-Arsenal unter anderem auf einem US-Schiff im Mittelmeer vernichtet werden soll, gibt es neue Sorgen bei D’Ingeo und anderen Bürgern.

“Es hat uns beunruhigt, als wir erfahren haben, dass die Chemiewaffen vor der Küste Italiens zerstört werden sollen. Irgendjemand muss uns erklären, wie das ablaufen soll, ob die Hydrolyse, die Aufspaltung der Substanzen, funktioniert. Sie haben uns noch nicht gesagt, wo sie die Abfallbehälter hinbringen wollen, auf welchen Meeresgrund, manchmal sprechen sie vom Mittelmeer, dann vom Ozean, aber egal, welches Meer, es wird ein Problem sein.”

Auch Michele und sein Bruder Giovanni warten auf Antworten. Etwa darauf, warum sie noch keine Testergebnisse erhalten haben. Auch entschädigt wurden sie nicht, es gab nur Ratschläge.

Michele: “Sie haben den Fischern geraten, Schutzanzüge und Gasmasken anzuziehen. Ich habe sie dann daruf hingewiesen, dass ich auf dem Meer arbeite, und nicht in einer Chemiefabrik.”