Eilmeldung

Eilmeldung

Indien: Weiter Vergewaltigungen und selektive Abtreibungen weiblicher Föten

Sie lesen gerade:

Indien: Weiter Vergewaltigungen und selektive Abtreibungen weiblicher Föten

Schriftgrösse Aa Aa

Die weltweite Empörung war groß, als im Jahr 2012 in Indien eine junge Studentin brutal vergewaltigt und anschließend ermordet wurde. Das Drama hat die Blicke der Welt vor allem auf ein Thema gerichtet: die Gewalt gegen Frauen in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Welt. Und: Es hat eine Welle der sozialen Rebellion ausgelöst. Drei Monate später gab die Regierung nach und führte ein neues Gesetz gegen Vergewaltiger ein.

Doch die Vergewaltigungen gingen weiter. Im Januar dieses Jahres erst wurde eine junge Frau von zwölf Männern vergewaltigt – auf Anweisung des Dorfrates, weil sie ein Verhältnis mit einem Mann aus einer anderen Dorfgemeinschaft hatte. “Viele Sexualverbrechen geschehen, weil es zu wenig Frauen in unserem Land gibt. Die jungen Männer können nicht heiraten, besonders im Norden Indiens. Das ist auf die Tötung weiblicher Föten und Kinder zurückzuführen”, sagt Rishi Kant, der sich für Frauenrechte einsetzt.

Nach der Volkszählung aus dem Jahr 2011 gibt es in Indien rund 37 Millionen mehr Männer als Frauen. Dieses Ungleichgewicht ist teils auf die selektive Abtreibung weiblicher Föten zurückzuführen. Nach Auffassung vieler Inder ist die Geburt eines Mädchen oft mit Nachteilen verbunden. Seit 1996 ist es deshalb verboten, das Geschlecht eines Kindes vor der Geburt bestimmen zu lassen. In den vergangenen 30 Jahren sind nach Angaben des Zentrums für Weltweite Gesundheitsforschung in Indien zwölf Millionen weibliche Föten abgetrieben worden.

In einem patriarchalischen System ist die Frau dem Mann lebenslang unterworfen. In Indien ist das in vielen Familien immer noch die Norm. Selbst bei Frauen, die durchschnittlich zehn Jahre lang studiert haben, liegt die Geburtenrate von Mädchen deutlich unter der von Jungen.

Prabhat Jha ist Epidemiologe beim Zentrum für Weltweite Gesundheitsforschung in Toronto. Er sagt: “Wir haben festgestellt, dass die Ablehnung von Mädchen in Haushalten an der Spitze der Einkommensleiter weit größer ist, als in Haushalten am unteren Ende. Es handelt sich in Indien wirklich um ein Phänomen bei den Wohlhabenden.” Die Zahl der selektiven Abtreibungen in Indien ist gestiegen – besonders, wenn das erstgeborene Kind ein Mädchen war. Das gilt besonders für den Norden des Landes, wie die medizinische Fachzeitschrift “The Lancet” schreibt.

Für euronews sprach Adrian Lancashire mit
Lakshmi Puri, der stellvertretenden Direktorin der Frauenorganisation “UN Women”.

euronews: “Der Internationale Frauentag hat eine starke Bedeutung für politische- und Menschenrechte. In welchen Bereichen brauchen Fragen der Gleichberechtigung am meisten Unterstützung?”

Lakshmi Puri: “Fragen der Gleichberechtigung sind jetzt sehr bedeutend geworden und werden von der internationalen Gemeinschaft begrüßt wie niemals zuvor – besonders seit der Gründung von UN Women.”

euronews: “Sind die Vereinten Nationen zuversichtlich im Hinblick auf das neue Gesetz gegen Vergewaltigungen in Indien?”

Lakshmi Puri: “Das neue Gesetz gegen Vergewaltigungen im Strafrecht ist ein historischer Schritt. Es ist wirklich fortschrittlich und umfassend im Hinblick auf Formen der Gewalt, gegen die man vorgehen muss. Die Definition von sexueller Gewalt, die Strafen, die speziellen Maßnahmen, die Sondergerichte, die es geben soll. Natürlich ist die Umsetzung der Schlüssel, deshalb müssen wir mit allen Partnern zusammenarbeiten, mit der Regierung, Interessenvertretern, der Öffentlichkeit, die Bürger sind sehr wichtig.”

euronews: “In vielen Studien heisst es, dass weibliche Föten in Indien häufiger von Abtreibungen als männliche betroffen sind, selbst wenn vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung in Indien ein Verbrechen ist. Was sagen die UN zu geschlechtsspezifischer Abtreibung?”

Lakshmi Puri: “Die Vereinten Nationen sind gegen alle Formen der Gewalt, auch gegen Frauen und Mädchen. Das ist wirkliche eine unakzeptable und widerliche Art von Gewalt und Diskriminierung, extremer Diskriminierung, die auf Bevorzugungen in einem patriarchalischen System basiert. Wir, die UN – und UN Women im Besonderen – kämpfen dagegen, in Indien und in anderen Teilen der Welt, in denen es derartige Praktiken gibt. Wir arbeiten dabei mit Partnern wie dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen und dem UN-Bevölkerungsfonds zusammen, um Regierungen bei deren Kampagnen zu unterstützen.”

euronews: “Indien sagt von sich, es sei die größte Demokratie der Welt. Halten die indische Verfassung und die Kindercharta der UN ein, was sie versprechen?”

Lakshmi Puri: “Indien als größte Demokratie der Welt hat in der Tat eine der fortschrittlichsten Verfassungen im Hinblick auf den Schutz der Gleichberechtigung zwischen Männern, Frauen, Jungen und Mädchen. Indien hat alle Konventionen zum Schutz der Rechte von Kindern unterzeichnet. Seitens der Regierung gibt es natürlich den Willen, diese Konventionen umzusetzen. Aber es gibt immer auch einen Unterschied zwischen dem, was möglich ist, und den Maßnahmen, die zusätzlich getroffen werden müssen. Es sind vor allem zwei Herausforderungen: Armut, extreme Armut, und eine falsche Interpretation von Kultur, Tradition und Religion. Dagegen muss man auf jede mögliche Art vorgehen.”