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"Afrika und Europa brauchen einander"

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"Afrika und Europa brauchen einander"

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Beim vierten EU-Afrika-Gipfel Anfang April kamen zahlreiche afrikanische und europäische Staats- und Regierungschefs in Brüssel zusammen. Eines der wichtigsten Themen war die Lage in der Zentralafrikanischen Republik, aber natürlich wurde auch das Verhältnis zwischen Afrika und Europa erörtert. Mehr als die Hälfte der in Afrika getätigten ausländischen Investitionen gehen von Europa aus. Euronews hat den mauretanischen Präsidenten und derzeitigen Präsidenten der Afrikanischen Union Mohamed Ould Abdel Aziz zum Interview getroffen.

euronews
Es werden in den kommenden Jahren positive Wachstumszahlen in Afrika erwartet. Der kontinentale Durchschnitt hat sich bei fünf Prozent eingependelt. Von dieser neuen Realität im 21. Jahrhundert ausgehend, bauen Sie eine neue Beziehung zur Europäischen Union auf…

Mohamed Ould Abdel Aziz
Die Beziehungen müssen beibehalten werden, aber wir müssen sie verbessern und so aufstellen, dass sie für beide Seiten gewinnbringend sind. Beide Seiten brauchen einander, das Verhältnis ist beiden Kontinenten nützlich. Die beiden Kontinente ergänzen sich.

euronews
Haben die EU und der Rest der Welt wahrgenommen, dass es einen wirtschaftlichen Aufschwung in Afrika gibt?

Mohamed Ould Abdel Aziz
Ich glaube, ja. Sie sind dabei es zu verstehen, denn es ist doch offensichtlich. Ein Durchschnittswachstum von fünf Prozent ist ja nicht zu übersehen. Wir müsssen an der Evolution dieser Welt teilhaben. Und das tun wir. Langsam, aber sicher.

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Sprechen wir über Fakten.

Mohamed Ould Abdel Aziz
Jahrzehntelang gab es enorme Probleme, in Europa und Afrika. Probleme der Instabilität, der Unsicherheit, ökonomische Krisen, Naturkatastrophen, die den Politikern manchmal oder oft keine Chance gelassen haben, die getroffenen Entscheidungen in die Tat umzusetzen. Aber der Wille ist in jedem Fall vorhanden.

euronews
Das Thema Zentralafrikanische Republik ist sehr heikel. Sind Sie der Meinung, dass die EU die Anzahl der Truppen dort erhöhen sollte oder dass die Afrikaner selbst die Ordnung im Land herstellen und sichern müssen?

Mohamed Ould Abdel Aziz
Die Afrikaner müssen diese Mission annehmen. Es stimmt, dass es unsere Mission ist. Afrika bereitet sich darauf vor, Spezialeinheiten dort einzusetzen. Es gibt da einige Länder, die sich freiwillig gemeldet haben.

euronews
Welche Länder?

Mohamed Ould Abdel Aziz
Gut ein Dutzend Länder hat sich freiwillig gemeldet.

euronews
Ist die Sicherheit eines der wichtigsten Themen, das sie als Präsident der Afrikanischen Union beschäftigt und das Sie mit der Europäischen Union behandeln?

Mohamed Ould Abdel Aziz
Ich glaube, man kann nicht über Entwicklung sprechen, ohne auch über Sicherheit zu sprechen. In einem Gebiet, in dem Unsicherheit herrscht, kann man keine Investitionen tätigen. Es stimmt, dass es vor allem in der Sahel-Zone enorme Probleme mit der Sicherheit gibt – nicht seit einigen Monaten, sondern seit mehr als einem Jahrzehnt. Diese Unsicherheiten rühren daher, dass es dort eine massive Präsenz von Terroristen gibt, die sich in dieser Region breit gemacht haben und sich unbehelligt bewegen. Der Terrorismus kennt keine Grenzen.

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Elf Millionen junge Menschen drängen jedes Jahr auf den afrikanischen Arbeitsmarkt. Da es kein entsprechendes Angebot gibt, radikalisieren sich einige und werden in Richtung Extremismus gedrängt…

Mohamed Ould Abdel Aziz
Es ist alles dafür bereitet, die jungen Leute in Richtung Extremismus zu drängen, in Richtung Verzweiflung, das ist tatsächlich so.

euronews
Das werden Sie im Laufe Ihrer Amtszeit als Präsident der Afrikanischen Union sicher ansprechen.

Mohamed Ould Abdel Aziz
Ich habe diesen Aspekt bereits angesprochen. Der beste Weg zu verhindern, dass man die Jugend an den Terrorismus verliert, ist zu verhüten, dass die Jugend von der afrikanischen Entwicklung ausgeschlossen ist. Die Jugend braucht Bildung, also muss das Bildungssystem diesem Bedürfnis entsprechen. Afrika hat enorme Möglichkeiten, wir exportieren eine Menge Rohstoffe. Wenn die in Afrika verarbeitet werden, können wir dadurch Arbeitsplätze schaffen, mehr junge Menschen erreichen, entwickeln und einbinden.

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Die EU hat oft von den afrikanischen Ländern und Politikern stabile politische Verhältnisse gefordert.

Mohamed Ould Abdel Aziz
Ich glaube nicht, dass es Aufgabe der Europäischen Union ist, von Afrika zu fordern, stabile politische Systeme sicherzustellen. Die Afrikaner sind sich dessen bewusst und auch dass sich ein Land ohne Demokratie und gutes politisches System nicht entwicklen kann. Auch nicht ohne Respekt und die Integration aller. Man kann ein Land nicht entwicklen, wenn Leute ausgeschlossen sind, aber es ist nicht an der Europäischen Union, das zu diktieren. Das ist etwas, was wir selbst entscheiden müssen.

euronews
Manche Leute stellen in Frage, wie Sie an die Macht gekommen sind. Was ist Ihre Antwort?

Mohamed Ould Abdel Aziz
Es gab zehn Kandidaten. Und Mauretanien konnte nur einen davon wählen. Also waren die neun Kandidaten, die bei der letzten Wahl nicht gewonnen haben, frustriert. Und sie haben behauptet, die Abstimmung sei nicht transparent gewesen. Aber das kennt man ja. Man ist dann unzufrieden. Doch es liegt an ihnen, bei der nächsten Wahl im Juni wieder anzutreten. Diese Wahl wird ebenso transparent sein wie die vergangenen.

euronews
Also sind Sie durchaus optimistisch, was die Wahlen in Ihrem Land im Juni angeht.

Mohamed Ould Abdel Aziz
Ich bin optimistisch, was mein Land betrifft. In meinem Land ist die Demokratie dabei, sich zu verankern – im Bewusstsein der Menschen und im ganzen Land.

euronews
Bevor Sie die Präsidentschaft übernahmen, waren seitens der Afrikanischen Union und einzelner Staaten vor dem internationalen Strafgerichtshof kritische Töne zu hören.

Mohamed Ould Abdel Aziz
Die Afrikaner haben diese Wahrnehmung, weil die Mehrheit, die dort am Ruder steht, afrikanisch ist. Deshalb meinen manche Leute, dies sei ein Gerichtshof, der darauf spezialisiert ist, ausschließlich Afrikaner zu verurteilen. Über dieses Thema diskutieren wir. Es ist wünschenswert, dass sich die Afrikaner dessen – wie der Frage der Sicherheit – annehmen.

euronews
Sie plädieren also für einen afrikanischen Gerichtshof.

Mohamed Ould Abdel Aziz
Ich plädiere für einen Gerichtshof. Ich sehe nicht ein, weshalb unsere Staatsangehörigen woanders gerichtet werden sollten. Wir haben die Möglichkeiten, sie zu richten, wir haben die Möglichkeiten, sie ins Gefängnis zu bringen, das ist doch das Minimum. Wir haben sehr kompetente Beamte, die das machen können.

euronews
Es wird also einen afrikanischen Strafgerichtshof geben.

Mohamed Ould Abdel Aziz
Das ist mein sehnlichster Wunsch.

euronews
Das ist auch der Wunsch anderer Länder der Afrikanischen Union.

Mohamed Ould Abdel Aziz
In der Tat.

euronews
Glauben Sie, dass Afrika mittlerweile die Lokomotive der Europäischen Union geworden ist oder die Lokomotive der Europäischen Union werden könnte?

Mohamed Ould Abdel Aziz
Das glaube ich und ich wünsche es mir. Wir haben die Mittel dafür und vor allem die Ambition. Ich glaube, es zählt da vor allem die Ambition.

euronews
Fassen Sie doch mal Ihre Hoffnungen für Afrika für die nächsten Jahre zusammen.

Mohamed Ould Abdel Aziz
Afrika und die Zukunft Afrikas – das sind für mich ein prosperierendes, stabiles und sicheres Afrika. Und ein geeintes Afrika.

euronews
Sehen wir mal…

Mohamed Ould Abdel Aziz
Und man wird sehen, wer auf der Welt die Entwicklung begleitet und auf internationaler Bühne vertreten ist, wer seine Rolle politisch und die Sicherheit betreffend spielen wird.