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Israel und Palästinenser: Die Spirale der Gewalt dreht sich

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Israel und Palästinenser: Die Spirale der Gewalt dreht sich

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Trauer und Wut auf beiden Seiten. Erst haben die Angehörigen der drei ermordeten israelischen Schüler ihre Lieben zu Grabe getragen – kurz darauf erschüttert ein Rachemord die palästinensische Gemeinschaft.

Die Leiche des 16jährigen Mohammed war in einem Wald bei Jerusalem aufgefunden worden. Der Junge wurde bei lebendigem Leibe verbrannt. Kurz darauf fliegen wieder Steine.

Die Bilder erinnern schon gefährlich an jene der ersten und zweiten Intifada. Bricht jetzt eine dritte Intifada aus? Es gibt auf beiden Seiten Scharfmacher, denen
das nur recht wäre.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu steckt in einer Zwickmühle. Während er dem Vater des ermordeten Palästinensers kondoliert, bricht sein Koalitionspartner und Außenminister Avigdor Lieberman mit Netanjahus Likud-Partei.

Netanjahus Sprecher verurteilt die Hamas als “terroristische Vereinigung”, die bekämpft werden müsse. Es gelte, an der Grenze zum Gazastreifen Ruhe zu schaffen, was die Hamas aber zu verhindern suche.

150 Raketen und Granaten habe die Hamas allein in drei Wochen auf Israel abgefeuert. Seine Schlussfolgerung: “Wir müssen unser Volk schützen.”

Bei ihren “Schutzaktionen” hat die israelische Armee zurückgeschossen, auf echte oder vermeintliche Terroristennester. Entsprechend aufgeheizt ist die Stimmung im Gazastreifen.

Der Hamas-Sprecher beschwört die Unterstützung des Volkes angesichts israelischer Bedrohung. Wörtlich: “Jeder Krieg in Gaza wird für die Besatzer das Tor zur Hölle öffnen.”

Mitten in der auf beiden Seiten aufgeheizten Stimmung gibt es noch Menschen, die für Frieden auf die Straße gehen – wie in Tel Aviv, der liberalsten, offensten Stadt Israels. Sie sind sind allerdings nur eine Minderheit.

Inzwischen hat der israelische Staat seine Truppenkonzentration an der Grenze zum Gazastreifen verstärkt. Von Entspannung keine Spur: Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Spirale der Gewalt mal wieder in blutige Höhen gedreht wird.

Wir sprechen dazu mit Freddy Eytan, früher israelischer Diplomat, jetzt
Politikforscher in Jerusalem.

Euronews: Benjamin Netanjahu steckt in der Klemme: Soll er die Hamas angreifen
oder nicht? Was halten Sie für wahrscheinlicher?

Freddy Eytan: Netanjahu ist zum dritten Mal Regierungschef, er hat also Erfahrung. Er glaubt, dass wir eine gewisse Abschreckung brauchen, dass man Abschreckung deutlich machen muss.

Er steckt aber in der Klemme, weil sein Regierungsbündnis so schwierig zu führen ist. Es gibt die extreme Rechte, die um jeden Preis einen großangelegten Militäreinsatz will.

Das wird Netanjahu nicht tun: Er muss aber eine Botschaft der Abschreckung aussenden. Den Tod von drei Jugendlichen kann man nicht einfach übergehen oder tolerieren, ohne dass man zurückschlägt.

Es gibt einzelne Gegenschläge und Angriffe immer dann, wenn eine Rakete auf israelische Dörfer abgefeuert wurde. Das ist seit langem Netanjahus Politik, seine Strategie. Und dabei wird es auch bleiben.

Netanjahu liegt nichts am Krieg. Er hat sich nicht auf Kampfeinsätze eingelassen wie Ehud Olmert im Libanon und im Gazastreifen.

Euronews: Israels Armee sieht die Hamas als zerfallene Gruppierung ohne Mittel. Trifft das wirklich zu?

Eytan: Man muss daran erinnern, dass die Hamasbewegung international als terroristische Vereinigung betrachtet wird. Sie ist daher zunehmend isoliert.

Die geopolitische Lage hat sich verändert: Ägypten hat einen neuen Präsidenten, der einen Ableger der Moslembruderschaft isolieren will – denn im Grunde sind Hamas und Moslembrüder dasselbe.

Die Hamas hat Probleme, weil sie sogar in der arabischen Welt isoliert ist, wo die Beliebtheit der Moslembrüder sinkt.

Andererseits sieht man, wie die Hamas wieder international und vor allem unter den Arabern in Erscheinung treten will, um für ihre Sache zu werben.

Aber die Hamas hat Geldprobleme. So kann sie ihre vierzigtausend Beamten nicht
bezahlen, das ist ebenfalls ein Problem.

In dieser schwierigen Lage kann die Hamas auch nicht die anderen Gruppierungen
kontrollieren – wie den Islamischen Dschihad, die Kassambrigaden und diverse Grüppchen, die gegen eine Waffenruhe sind.

Die Hamas will dagegen einen langfristigen Waffenstillstand, von anderthalb oder zwei Jahren, und so die Tür zu den Israelis offenhalten.

Wir sind hier in einer Lage, wo die Hamas zu größeren Einsätzen nicht in der Lage
ist. Sie weiß, dass Israel dann blitzartig zurückschlagen würde, und vielleicht auch
mit einem größer angelegten Einsatz.

Andererseits will die Hamas führen: Sie will zeigen, dass sie stärker ist als die Fatah.

Euronews: Sehen Sie Anzeichen für eine dritte Intifada? Ist das jetzt ein vorübergehender Ausbruch von Wut oder etwas Ernsteres?

Eytan: Die erste Intifada brach aus nach einem Verkehrsunfall im Gazastreifen. Solche Sachen lassen sich nicht kontrollieren.

Man kann nicht wissen, was morgen im Nahen oder Mittleren Osten passiert. Alles
ist unbeständig, alles ändert sich – und daher muss man auf der Hut sein.