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Euro-Countdown in Litauen

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Euro-Countdown in Litauen

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Beim EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs hat Litauen das endgültige Ja-Wort erhalten: Im Januar wechselt das baltische Land vom Litas zum Euro. Jetzt zählt jede Minute, in Vilnius läuft der Euro-Countdown. Die Münzpräge-Anstalt ist eines der am schärfsten bewachten Gebäude in der Hauptstadt. Euronews bekommt eine Ausnahmegenehmigung, wir dürfen rein. Nach mehreren Gängen, Sicherheitsschleusen und Ausweiskontrollen öffnet sich vor uns eine elefantenbeindicke Stahltresortüre, dahinter empfängt uns ohrenbetäubender Lärm. Es sieht aus wie im Geldspeicher von Donald Duck: Euro-Münzen überall, ganz neu und glänzend kullern sie aus den von Deutschland gelieferten Maschinen.

“Der litauische Litas war schon OK”, meint Münz-Arbeiter Pavel. “Doch in Europa gibt es den Euro, wir gehören zu Europa, also bekommen wir ebenfalls den Euro. Und für Litauen und uns Bürger bringt der Euro Vorteile.” Dann greift er zur Lupe und wirft einen kritischen Blick auf die allerersten litauischen Eurocent-Münzen, nickt zufrieden, bugsiert tonnenschwere Münzcontainer per Fernbedienung quer durch den Raum, zur Münzröllchenabpackmaschine.

Schon 2007 wollte Litauen den Euro einführen, doch war damals die Inflation etwas zu hoch. Zwar ging es nur um eine Stelle hinter dem Komma, doch die Europäische Union gab sich streng und sagte “Nein!”. Jetzt, beim zweiten Anlauf, erfüllt Litauen alle Kriterien. Saulius Vaitiekunas, der Direktor der Münzpräge-Anstalt freut sich, seine Augen funkeln so hell wie die frisch geprägten Münzen…

Saulius Vaitiekunas: “Das sind ganz schön hektische Tage, die uns jetzt bevorstehen. Wir haben mit der Produktion der litauischen Euromünzen begonnen und arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr. Unsere Zielmarke: Pro Tag wollen wir über zwei Millionen Münzen prägen.”

An 2007 mag Münzdirektor Vaitiekunas gar nicht gerne denken: er hatte schon mit den Probeprägungen begonnen, alles war vorbereitet, dann kam der Abpfiff aus Brüssel und Frankfurt am Main. Nun, 2014, sind alle Zweifel ausgeräumt, der Euro kommt nach Litauen, oder Litauen kommt zum Euro, je nach Sichtweise. Stichtag ist der erste Januar 2015.

Während einige Räume weiter Kontrolltechniker Egidijus die Qualität der allerersten litauischen Euro- und Eurocentmünzen prüft, zählt die Zentralbank Litauens die Kerndaten auf: die Inflation ist im Griff, die Staatsverschuldung gering, die Neuverschuldung hält sich in Grenzen, das Zinsniveau ist niedrig… alles im grünen Bereich. Litauen ist reif für den Euro. Das Land will Stabilität und Sicherheit, der Euro trägt dazu bei, erinnert der litauische Zentralbankchef Vitas Vasiliauskas: “Die Einführung des Euro ist nicht nur wirtschaftlich motiviert, es ist auch ein ausgesprochen politisches Projekt. Alle drei baltischen Staaten sind nun vollständig in die Wirtschafts- und Währungsunion integriert. Diese Einbindung in das Euro-System führt dazu, dass sich die Menschen hier nun sicherer fühlen können.” Im Klartext: die europäische Westbindung des Landes wird durch die Wirtschafts- und Währungsunion zementiert.

Der Währungswechsel sorgt für Schlagzeilen – in Litauen. Die konservative Opposition beschuldigt die sozialdemokratische Koalitions-Regierung, im Windschatten der Euro-Umstellung die Gebühren erhöhen zu wollen. Bald werde wohl kräftig aufgerundet in den Behördenstuben bei den Bearbeitungsgebühren, ist am Tag der historischen Euro-Entscheidung in manchen Blättern zu lesen.

Die Bürger Litauens sind geteilter Meinung: die eine Hälfte freut sich auf den Euro, die andere macht das neue Geld verantwortlich für Sparpolitik und Wirtschaftskrise. Die jüngste repräsentative Umfrage zeigt: 50 Prozent der Litauer wollen den Euro, 40 Prozent lehnen ihn ab. Doch je nach Umfragewoche kann das Stimmungsbild auch umgekehrt ausfallen. Sicher ist eines: die Währungsumstellung ist Gesprächsthema Nummer Eins in Vilnius – und sie ist alles andere als unumstritten…

Nicht alle Staaten der Europäischen Union verwenden den Euro, London beispielsweise hat eine sogenannte Opt-out-Klausel ausgehandelt. Auch Dänemark steht dem Euro ablehnend gegenüber. Andere EU-Staaten wie beispielsweise Polen, Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Tschechei oder Ungarn zögern – beziehungsweise erfüllen noch nicht alle im Vertrag von Maastricht festgelegten Beitrittskriterien.

Heute sind 18 EU-Staaten Mitglied der sogenannten “Eurozone”.Wenn Litauen im kommenden Januar seine Währung von Litas auf Euro umstellt, wird die Eurozone neunzehn Mitglieder zählen.

Übrigens: Auf den litauischen Euro- und Eurocent-Münzen ist eine legendäre Ritterfigur abgebildet – Vytis.

Die Fähre bringt uns auf die kurische Nehrung, eine hundert Kilometer lange Sanddüne an der Ostsee, UNESCO-Weltkurlturerbe der Menschheit, halb russisch (auf der Kaliningrader Seite), halb litauisch. Auf der litauischen Seite sprechen wir mit einem eingefleischten Euroskeptiker, Kapitän Romas. Während er auf Touristen für sein Ausflugsboot wartet, pafft der Seebär an seiner Pfeife. Dann schiebt er seine schicke Mütze zurecht und legt los: “Viele Menschen, auch meine Eltern, haben für Litauens Unabhängigkeit gekämpft, für unsere eigene Währung, den Litas. Mein Vater ist 75. Er hat mehrere Besatzungregime und Währungsumstellungen durchgemacht. Das bringt nie was Gutes, so ein Währungswechsel…”

Die Region ist berühmt für ihre Kurenkahnwimpel, mit denen die Fischer früher ihre Boote kennzeichneten. Angeblich stammen sie aus der Wikingerzeit, falls man dem Seemannsgarn der Küstenbewohner Glauben schenken darf. Wir sind in Nida, in dem Touristendorf mischen sich Litauer, viele Russen und Deutsche, Polen, Skandinavier, Briten – und sogar ein paar Spanier treffen wir, denen es an spanischen Stränden zu voll ist…

Galleriebesitzerin Rita Zinkeviciene aus Nida hat sich auf Produktion und Verkauf von Kurenkahnwimpeln spezialisiert, bietet Kurenkahnwimpelworkshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an. Was hält Rita vom Euro? “Anfangs war ich skeptisch”, meint sie. “Das ist ja oft so, wenn etwas Neues kommt. Doch dann habe ich angefangen nachzudenken: Litas und Euro sind schon seit Jahren aneinander gekoppelt. Wir Geschäftsleute rechnen problemlos in beiden Währungen. Und für die Touristen wird der Wechsel zum Euro Vorteile bringen: Urlaub machen in Litauen wird einfacher.”

Wir fahren weiter. In der Kleinstadt Plunge steht eine der weltgrössten Surimi-Fabriken. Auch am Fliessband ist der Euro in aller Munde. Die Fabrik ist eine litauische Start-Up-Erfolgsgeschichte, gegründet kurz nach der Befreiung vom Sowjetjoch. 94 Prozent der Produktion geht in den Export. Ungelernte Arbeiter verdienen hier etwa 300 Euro, das ist der litauische Mindestlohn, viele bezeichnen ihn auch als Hungerlohn, qualifizierte Angestellte kommen auf etwas über 700 Euro. Zwar sind auch die Lebenshaltungskosten in Litauen sehr viel niedriger als in den meisten anderen Regionen Europas, doch reicht der Lohn deswegen trotzdem nicht.

“Ich sehe die Euro-Einführung skeptisch”, sagt Angele. Sie ist schwer zu verstehen hinter ihrem Mundschutz. Die Hygienebestimmungen in der Fischfabrik sind drakonisch. “Alle sagen, dass die Preise anziehen werden. Das ist überall zu hören. Und hier bei uns im Betrieb haben wir keine hohen Löhne. Wir verdienen sehr wenig. Wenn jetzt alles teurer wird, reicht das Geld nicht mehr bis zum Monatsende. Deshalb bin ich gegen den Euro.”

Aber stimmen diese Befürchtungen Angeles auch mit der Realität überein? Die Statistik spricht eine andere Sprache: im kommenden Jahr wird eine Preissteigerung von 1,5 Prozent erwartet, davon sind gerade einmal 0,2 bis 0,3 Prozent der Euro-Umstellung anzulasten (Schätzung der litauischen Zentralbank). Unlängst wurde hier in Litauen eine Untersuchung zur “gefühlten Inflation” durchgeführt. Wie hoch war die Preissteigerung ihrer Meinung nach in den vergangenen zwölf Monaten? So lautete die Frage der Soziologen an die Bevölkerung. Das Ergebnis war erstaunlich: eine Mehrheit der Befragten schätzten die Geldentwertung auf zehn Prozent, ein Wert meilenweit von der Realität entfernt. Litauen ist heute ein geldwertstabiles Land, allerdings hat auch die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main die Regierung in Vilnius gemahnt, auch mittel- und langfristig nicht nachzulassen mit der Inflationsbekämpfung. Einfach wird das nicht, ist das kleine Land mit seiner offenen Wirtschaft doch abhängig von internationalen Preisschwankungen in den Bereichen Energie und Rohstoffe. Auch innenpolitisch sind noch nicht alle “Hausaufgaben” erledigt: der litauische Zentralbankchef erinnert im Euronews-Interview daran, dass weitere Reformschritte unternommen werden müssten: eine Reform des Arbeitsmarktes mehnt er ebenso an wie eine Rentenreform und Änderungen im Ausbildungsbereich.

Doch zurück in die Surimi-Fabrik in Plunge. Liudas Skierus hat mit einem Kumpel aus Studienzeiten den Betrieb gegründet und fit gemacht für den Weltmarkt. Er sieht im Euro-Geld überwiegend Vorteile: “Die meisten unserer Geschäftspartner sind in der Eurozone. Klar, dass wir alles in Euro kalkulieren: die Rohstoffpreise, Ausfuhrpreise, den Kauf neuer Maschinen… das wird alles in Euro abgewickelt. Die Einführung des Euro hier in Litauen wird uns das Leben vereinfachen.”

Und was ist mit dem Ost-Geschäft? Auch Russen essen liebend gerne Surimi. Liudas Skierus grinst breit: “Wir haben zwei Produktionsanlagen gebaut, eine hier auf litauischem Boden, die bedient den EU-Markt, die andere ein paar Kilometer weiter weg, bei Kaliningrad, auf russischem Boden also, die produziert für den russischen, weissrussischen und kasachischen Markt.” Die Rechnung ist einfach: für Moskau wird nach russischen Normen produziert, für die EU nach europäischen Normen, da kann sich dann niemand beklagen, weder im Osten noch im Westen. Ach ja, und zolltechnisch gesehen bringt das auch so manchen Vorteil mit sich…

Zurück nach Vilnius. In einem der Riesensupermärkte treffen wir Ilmera, sie ist eine von drei Preiskontrolleuren in der litauischen Hauptstadt. Seit 16 Jahren beobachtet sie Preisentwicklungen. Wenn jemand jedes einzelne Ladenregal kennt, jedes einzelne Geschäft, jedes Sonderangebot, jede Preisspirale, jeden Etikettenschwindel, jeden Preisschub und auch jeden Preisnachlass, dann ist das Ilmera. Die Frau weiss, von was sie redet: “Bislang haben die Euro-Vorbereitungen zu keinem allgemeinen Anstieg der Konsumgüterpreise geführt”, beteuert sie. Doch Ilmera ist vorsichtig. Nicht alle Geschäftsinhaber genehmigen ihr den Zutritt, obwohl sie als Angestellte des staatlichen Statistikamtes alle offiziellen Beglaubigungen hat und zudem einer strikten Geheimhaltungspflicht unterliegt. “Doch gerade bei den kleinen Ladenbesitzern besteht ein gewisses Misstrauen und ich möchte nicht ausschliessen, dass der eine oder andere Tante-Emma-Laden an der Preisschraube dreht.” Doch bei den Supermarktketten und auch im normalen Einzelhandel lassen sich laut Ilmera keine Anomalien feststellen.

Ilmera Kuzmickiene differenziert zwischen Konsumgütern einerseits – hier sei alles in Butter – und Dienstleistungen andererseits. Im Restaurant- und Hotelgewerbe, bei Frisören, Gesundheits- und Wellnessanbietern müsse man in den kommenden Wochen und Monaten doch wohl etwas genauer hinschauen, meint sie. Erfahrungen aus anderen Euro-Ländern haben gezeigt, dass gerade hier, im Dienstleistungssektor, bei der Euro-Umstellung gerne “etwas zu grob” aufgerundet wird…

Viel zu tun, für Ilmera: “Für mich bedeutet die Umstellung von Litas auf Euro ganz klar Mehrarbeit. Ich muss die Preise in Litas und in Euro notieren und auch die Umrechnung auf den Preistickets kontrollieren.” – Damit das schneller geht, hat sie soeben ein neues Smartphone bekommen, die Zeiten, in denen Preiskontrolleure ihre Preislisten noch mit Papier und Bleistift ausfüllten sind wohl endgültig vorbei. Jetzt hat die Statistikbehörde die aktuellsten Preisdaten jeweils in Echtzeit…

Wir sind mit Ilva verabredet, einer klassischen Ballett-Tänzerin an einer staatlichen Bühne in Vilnius und Mutter zweier Kinder. Wie viele in der litauischen Mittelklasse befürchtet auch Ilva vorallem Eines: durch die Abgabe der Währungssouveränität und die Einführung des Euro schwäche Litauen seine hart erkämpfte Unabhängigkeit,verliere ein Stück nationaler Eigenständigkeit.

Ilva Juodpusyte: “Ich bin traurig, dass wir mit dem Litas auch auf das Symbol unserer litauischen Identität verzichten. Der Litas ist das Symbol unserer Geschichte und diese Währung bedeutet den Litauern etwas.”

Da drängt sich die Frage auf: Wo bleibt Vytis? Seit der litauischen Unabhängigkeit schmückt der schmucke Ritter Litas-Scheine und litauische Münzen. Wird das Symbol der Geschichte Litauens, wird der legendäre Ritter und Beschützer des Landes verschwinden? “Nein”, sagt Antanas Zukauskas. Litauens Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung ist das bestimmende Thema in Antanas Kunstschaffen. Er ist auch derjenige, der die nationale, litauische Seite der neuen Euromünzen entworfen hat. Zu Sowjetzeiten war die Vytis-Figur verpönt. Die litauische Revolution brachte sie zurück.

Antanas Zukauskas nimmt den Entwurf seiner litauischen Euro- und Eurocentmünzen in die Hand, erklärt uns die graphische Gestaltung der neuen Münzen. “Vytis ist auch auf dem Staatswappen zu sehen”, sagt Antanas. “Und jetzt galoppiert dieser litauische Ritter Richtung Europa. Unser Staats-Symbol, der Ritter Vytis, vereinigt sich mit dem Symbol Europas, dem Sternenkranz. Wir sind Teil Europas. Auf den Münzen habe ich versucht, das poetisch auszudrücken: der litauische Ritter reitet durch den europäischen Sternenhimmel.”

Quer durch die litauischen Wälder fahren wir nach Druziliai, einer kleinen Datschensiedlung nicht allzuweit entfernt von Vilnius, wo wir uns mit den Rentnern Silvestras und Grazina verabredet haben. Litauens Einwohnerzahl ist auf unter drei Millionen geschrumpft. Teil einer grösseren Wirtschafts- und Währungsunion zu sein, bringt Vorteile, meinen die beiden.

Silvestras Berkelis: “Wenn wir den Euro schon vor Jahren eingeführt hätten, wären wir leichter durch die Krise gekommen”, meint der frühere Restaurantbesitzer. Seine Frau, Grazina Berkeliene, pflichtet ihm bei: “Litauen handelt mit der ganzen Welt und der Euro vereinfacht das.” Als frühere Buchhalterin kennt sie sich aus mit Zahlen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Auch ihr Mann hat früher einmal Wirtschaft studiert. Silvestras Berkelis: “Litauen kommt durch die Mitgliedschaft in der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion billiger an Kredite, die Zinsen sind niedrig, der Staat hat dadurch mehr Geld und davon profitieren letztendlich auch die Bürger.” Silvestras und Grazina tunken ihre selbstgezogenen Gurken in frischen Honig, den sie vom Nachbarn nebenan bekommen haben. Der Umstellung von Litas auf Euro sehen sie gelassen entgegen. Das Ehepaar ist sich einig: die konkreten Vorteile der europäischen Einheitswährung überwiegen bei Weitem die eventuellen Nachteile des Euro.

Gezeitenwechsel in Litauen: Der Litas geht, der Euro kommt. In einer Gegend, in der das politische Umfeld stürmischer wird, verspricht die feste Verankerung in der Eurozone Stabilität und Sicherheit.

WEB-BONUS: Vitas Vasiliauskas

Warum wechselt Litauen vom Litas zum Euro? Am ersten Januar 2015 ist es soweit, dann wird Litauen der neunzehnte Staat der Eurozone. Das Euronews-Interview mit dem litauischen Zentralbankchef, Vitas Vasiliauskas (auf Englisch) können sie hören, wenn Sie diesen Link verwenden.

Bonus interview: Vitas Vasiliauskas