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Umstrittener Oligarch: "Europa, die Ukraine und Russland sollten sich zusammensetzen"

Dmitrij Firtasch, umstrittener ukrainischer Milliardär und Oligarch, lebt derzeit in Wien und darf das Land nicht verlassen. Das FBI fordert seine

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Umstrittener Oligarch: "Europa, die Ukraine und Russland sollten sich zusammensetzen"

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Dmitrij Firtasch, umstrittener ukrainischer Milliardär und Oligarch, lebt derzeit in Wien und darf das Land nicht verlassen. Das FBI fordert seine Auslieferung. Ihm werden u.a. Betrug, Bestechung und Geldwäsche vorgeworfen. Firtasch beteuert seine Unschuld und sagt, die Vorwürfe seien politisch motiviert. Er galt als enger Vertrauter des früheren ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Meinung

Wir haben die Chancen, die wir hatten, vergeudet

euronews:
Herr Firtasch, meine erste Frage an Sie: Was halten Sie von der wirtschaftlichen und politische Situation in der Ukraine?

Dmitrij Firtasch:
Die Situation ist sehr schwierig. Wir stehen vor sehr großen Herausforderungen und wir haben die Chancen, die wir hatten, vergeudet. Es wird nun offensichtlich, dass die Ukraine während der 23 Jahre Unabhängigkeit nicht getan hat, was getan werden musste und ihre Lektion nicht gelernt hat. Das hat zu der heutigen Situation geführt. Erstens die schwierige wirtschaftliche Situation. Zweitens: Das Ergebnis der Präsidentschafts- und der Parlamentswahlen hat keine Lösungen für die Probleme gebracht. Die Reformen werden nicht umgesetzt, es gibt keine positive Änderung und letztlich leiden die Menschen, leiden die Geschäfte, alle leiden. Wir müssen diese Situation ändern. Wir müssen die Fehler der vergangenen 23 Jahre reparieren. Wir haben in den kommenden 23 Jahren viel zu tun. Wir müssen Pläne machen und uns Lösungen ausdenken. Wir benötigen konstitutionelle und wirtschaftliche Reformen.

euronews:
Wenn Sie über vergeudete Chancen sprechen und über das, was nun getan werden muss, an welche Reformen denken Sie?

Dmitrij Firtasch:
Ich bin davon überzeugt, dass die Ukraine neu organisiert werden muss. Es könnte auf eine Art Föderalismus hinauslaufen, ein System wie in Polen, Deutschland oder Österreich. Das Problem sollte dann aber endgültig vom Tisch sein. Die Regionen sollten meiner Meinung nach mehr Macht bekommen. Ansonsten sind eine Modernisierung und Neuorganisierung des Landes nicht möglich. Wir sollten keine Zeit damit verlieren darüber zu sprechen, wie die Lage heute ist. Wir sollten vielmehr darüber sprechen, was in Zukunft getan werden muss. Wir können alle sehen, was heute mit dem Land passiert, es ist regelrecht zusammengebrochen. Wir sind im Grunde genommen pleite. Wir können nichts machen, und die Regierung hat leider keine Reformen durchgesetzt. Das Wichtigste ist natürlich, dass der Krieg endet.

euronews:
Die Regierung hat bereits mehrere Reformen angekündigt, u.a. eine Reform des Energiesektors. Es war vor kurzem immer wieder die Rede von Problemen bei der Gaslieferung. Die neueste Entwicklung ist, dass die Ukraine Gas von Europa kauft. Verlässt sich das Land zu sehr auf diese neue Quelle?

Dmitrij Firtasch:
Das Leben lehrt uns, dass wir, wenn wir etwas tun, uns damit auskennen sollten. Wir sollten verstehen und wissen, wie die Dinge funktionieren. Leider hat unsere Regierung nur ein sehr oberflächiges Verständnis von dem ganzen Prozess und versteht nicht die Auswirkungen ihrer Entscheidungen. Die Politiker nutzen nicht die Werkzeuge, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie vergeuden ihre Stärken, treten sehr schwach auf und schaffen auch Probleme für Europa. Warum? Weil wir ständig sagen, dass wir ohne Gas aus Russland leben können, und das stimmt einfach nicht.

euronews:
Es stimmt nicht?

Dmitrij Firtasch:
Ich schenke diesen Behauptungen keinen Glauben. In den vergangenen Tagen haben sich die Skandale gehäuft – erst kaufen wir Gas, dann wieder nicht. Wir sind wieder in der gleichen Situation wie am Anfang. Wir sollten realistisch sein. Ansonsten endet das Ganze in einer Katastrophe. Denn früher oder später wird Russland Europa von der Idee einer South-Stream-Pipeline oder einer anderen Pipeline überzeugen. Die Europäer wollen nicht Geiseln in diesem Konflikt sein.

Oleksandra Vakulina,
euronews:
Gibt es nicht eine dritten Weg? Jedes Mal wenn es um Gas geht, gibt es die Wahl zwischen Russland und Europa. Gibt es nicht noch jemand anderen?

Dmitrij Firtasch:
Es gibt keine dritte Option. Europa, die Ukraine und Russland sollten sich zusammensetzen und über alles reden. Unabhängig davon, ob wir uns leiden können oder nicht, sollten wir den Dialog aufrechterhalten. Als Europa und die Ukraine über ihre Partnerschaft sprachen, hätte man die Interessen Russlands nicht ignorieren dürfen. Es wäre für Europa wichtig gewesen, mit Russland zu sprechen, und die Ukraine hätte dies ebenfalls tun sollen. Mittlerweile wurde der politische Teil des Partnerschaftsabkommens umgesetzt, aber der wirtschaftliche Teil wurde um ein bis zwei Jahre verschoben. Und erst jetzt sprechen sie mit Russland. Warum also die ganze Aufregung?
Wir sollten uns gemeinsam an einen Tisch setzen und über die Probleme und Bedenken sprechen. Was will Russland? Was will die Ukraine? Was will Europa? Sprechen wir ganz offen darüber. Was wir brauchen ist Einheit, einen großen gemeinsamen Markt. Und es spielt keine Rolle, ob wir ihn von Lissabon bis in den fernen Osten aufbauen oder vom fernen Osten aus nach Lissabon.

euronews:
Noch eine Frage zu den Gaslieferungen. Euronews hat vor einigen Tagen den ukrainischen Wirtschaftsminister in Kiew interviewt. Er sprach u.a. über den Handel mit dem russischen Gasriesen Gazprom. Er sagte, dass es nun keine Zwischenhändler mehr gebe und die Ukraine direkt mit dem Unternehmen verhandele. Er erwähnte auch den Gaszwischenhändler RosUkrEnergo, bei dem Sie Teilhaber sind. Er sagte, die Verhandlungen mit Gazprom seien jetzt viel einfacher und transparenter, weil es keinen Zwischenhändler mehr gebe. Was haben Sie dazu zu sagen?

Dmitrij Firtasch:
Erlauben Sie mir mit einer Fragen zu antworten: Was sollte passieren, wenn sie den Zwischenhändler ausschalten und alles einfacher ist? Nun, man könnte erwarten, dass die Lieferungenglatt laufen und der Preis klar festgelegt ist. Und was haben wir heute? Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin mir nicht sicher, was genau der Minister gemeint hat. Ich möchte ihn nicht kritisieren. Das wäre nicht richtig. Aber ich kann Ihnen sagen, dass mit RosUkrEnergo die Gaslieferungen garantiert waren. Europa bekam sein Gas. Die Gasspeicher der Ukraine waren voll und der Gaspreis für die Ukraine betrug 179 US-Dollar für 1.000 Kubikmeter. Ich weiß nicht, wovon der Wirtschaftsminister sprach, aber ich rate ihm, sich an die Arbeit zu machen und sich um den Staatshaushalt zu kümmern. Ich weiß wirklich nicht, was er meint, aber ich schäme mich für nichts. Ich habe nie Geld mit Gas in der Ukraine gemacht. Ich habe Geld außerhalb der Ukraine gemacht aber es dann ausschließlich in die Ukraine investiert.

euronews:
Ich kann nicht umhin Sie nach dem US-Verfahren gegen Sie zu fragen?

Dmitrij Firtasch:
Als erstes wissen Sie, dass ich zu diesem Thema nichts sagen werde. Nicht weil ich es nicht will, oder weil ich nicht darauf vorbereitet bin, sondern weil es mir meine Anwälte nicht erlauben. Alles was ich sagen kann ist, dass weder ich, noch mein Unternehmen illegale Sachen gemacht haben. Und das werde ich auch beweisen. Zweitens ist diese Affäre auch politisch motiviert. Jemand wollte mich von der ukrainischen Politik, von meiner Heimat fernhalten. Diese Menschen kennen meine Einstellung und konnten vorhersagen, wie ich mich verhalten würde. Ich bin gegen diesen Krieg und mache daraus auch kein Geheimnis. Ich wiederhole ständig, dass wir eine Verfassungsreform benötigen und dass die drei involvierten Parteien – Ukraine, Russland und Europa – sich zusammensetzen und eine Lösung finden sollten.

euronews:
Stellen wir uns mal vor, dass morgen das Verfahren gegen sie eingestellt wird. Würden Sie in die Ukraine zurückkehren?

Dmitrij Firtasch:
Eines kann ich Ihnen versichern: die Ukraine ist mein Zuhause. Wenn ich in einem anderen Land hätte leben wollen, dann hätte ich es auch machen können. Ich hatte mehrmals die Gelegenheit dazu. Aber ich habe es nie getan.

euronews:
Streben Sie eine Karriere in der Politik an? Können Sie sich vorstellen, im Vordergrund zu sein und nicht nur hinter der Bühne?

Dmitrij Firtasch:
Nein, ich habe mich nie in die Politik eingemischt und ich hatte nie die Absicht, Politiker oder Staatsbeamter zu werden. Erstens weiß ich gar nicht, wie das geht und zweitens ist es nicht etwas, das mir am Herzen liegt. Ich mag Geschäfte machen und genau das tue ich auch.