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Bei Flucht vor Armut kein Asyl

Mehr Abschiebungen Richtung Balkan Heute morgen früh um vier klingelte die Polizei an Achmets Tür. Zusammen mit neunzig weiteren Albanern wurde er

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Bei Flucht vor Armut kein Asyl

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Mehr Abschiebungen Richtung Balkan

Meinung

Wir hoffen, auf irgendeinem anderen Weg wieder nach Deutschland zu gelangen. Es geht um das Wohl meiner Familie, meiner Kinder.

Heute morgen früh um vier klingelte die Polizei an Achmets Tür. Zusammen mit neunzig weiteren Albanern wurde er abgeschoben: von Deutschland nach Tirana. Ansonsten bringt der Flieger Touristen auf die kanarischen Inseln, jetzt wird umgestellt auf abgewiesene Asylbewerber vom Balkan.

Zehntausende Armutsflüchtlinge aus Serbien, Bosnien, Mazedonien, Montenegro, dem Kosovo und Albanien haben sich seit Beginn des Jahres dem großen Treck der Kriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak angeschlossen. Traumziel: Deutschland. Etwa vierzig Prozent der Migranten kommen vom Balkan.

Doch die Regierung in Berlin sagt: Wirtschaftsflüchtlinge – Nein Danke. Jede Woche werden Hunderte Albaner ausgewiesen. So auch Ahmet: der 50-jährige hatte sich von Griechenland aus auf den Weg Richtung Norden gemacht – mit der Hoffnung auf Arbeit.

“Griechenland habe ich wegen der Krise verlassen. Trotzdem, die deutschen Behörden hätten mich nach Griechenland zurückschicken sollen, nicht nach Albanien. Ich wurde gegen meinen Willen in dieses Flugzeug gesetzt,” klagt Ahmet.

Serbien, Bosnien und Mazedonien wurden bereits im vergangenen Jahr als “sicheres Herkunftsland” eingestuft. Jetzt kommen Kosovo, Montenegro und Albanien hinzu. Damit will Deutschland Abschiebungen Richtung Balkan beschleunigen.

Flucht vor religiösen Extremisten

Doch sind diese sicheren Staaten wirklich sicher? Engelsberg in Bayern. Im vormaligen Pfarrhof der Gemeinde leben 22 Nationalitäten in einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber.

Auch eine Familie aus Bosnien hat hier Unterschlupf gefunden, eine Mischehe: sie Roma, er Muslim, geflohen vor gewalttätigen Eltern. Die Frau – nennen wir sie Angelina – ist bereit, anonym mit uns zu reden. Vor ihrem Schwiegervater, einem religiösen Extremisten, hat sie immer noch Angst.

Angelina erzählt: “Das Problem fing mit unserer Heirat an, als mein Schwiegervater erfahren hat, dass ich eine Roma bin. Damit war er nicht einverstanden. Er wollte, dass wir uns trennen, das wollten wir nicht. Dann hat er gesagt, ich müsse den Schleier tragen, fünfmal am Tag beten, dann könnten wir zusammen sein. Das wollte ich nicht. Er versuchte mich zu zwingen, die muslimischen Fastenzeiten zu befolgen und dann wollte er sogar, dass ich abtreibe. Die Situation eskalierte, er hat mich angegriffen. Dann sind wir weggezogen. Doch dann ist er mit einer Gruppe Wahabiten gekommen und hat uns gedroht, dass unsere Köpfe rollen werden. Und auch als wir zur Polizei gingen… er hatte sehr gute Beziehungen, die Wahabiten dort unten in Bosnien sind sehr gut, wie sagt man, vernetzt, ja, und wir hatten keinen Schutz und ich habe nur hier, mit diesem Asylantrag in Deutschland, Schutz gefunden, hoffentlich.”

Doch die Einschätzung ihres Falles sei von Behörde zu Behörde unterschiedlich, “Einige sagen uns, dass alles seien unsere privaten Probleme”. Sie scheint verzweifelt: “Da unten, in Bosnien-Herzegowina, ist die ganze Situation einfach nicht auszuhalten, mein Mann hat schon einmal versucht, sich umzubringen.”

Ihr Deutsch ist gut, gelernt hat sie es in der Schule, in München. Dorthin kam sie mit ihren Eltern, als Kind, damals, während des Jugoslawienkrieges. Dennoch sah sie, nach ihrer Rückkehr nach Bosnien, ihre Zukunft zunächst dort, mit ihrem Mann, einem gelernten Maler. Nur die religiöse und ethnische Diskriminierung durch ihren Schwiegervater und dessen extremistischen Bekanntenkreis habe sie aus dem Land vertrieben.

Flucht vor der Armut

Klodian und Merita wurden nie verfolgt. Sie flohen vor die Armut in Albanien. 13 Jahre lang schufteten sie in Italien. Als die Lederfabrik pleite ging, zogen sie zurück nach Albanien, bauten Kartoffeln an. Genug zum Essen – doch keine Zukunft, sagt Klodian. Dass das in Deutschland kein Asylgrund ist, wusste er nicht. Jetzt hat das Paar Angst vor Abschiebung.

Klodian erzählt: “Als meine Tochter geboren wurde, habe ich beschlossen, Albanien zu verlassen, irgendwo anders eine Lösung zu finden. Dort in Albanien ist es fast unmöglich, seinen Lebensunterhalt korrekt zu verdienen. Ich weiss nicht, was ich tun werde, falls die deutschen Behörden mich zurückschicken sollten nach Albanien. Dort steht der Winter vor der Tür, es wird so richtig kalt…”

Merita ist verzweifelt: “So etwas wie eine Zukunft gibt es nicht, in Albanien. Ohne Arbeit kann man nichts tun, nichts werden. Wie sollen wir uns denn durchschlagen, ohne Arbeit, etwas aus unserem Leben machen?”
Klodian ist fest entschlossen. In Albanien will er auf keinen Fall bleiben:
“Wenn wir nicht in Deutschland bleiben können, dann werden wir unser Glück in einem anderen Land versuchen. Ich muss meine Kinder durchbringen.”

Keine Zukunft auf dem Balkan?

Es gibt Fortschritt in Albanien – doch der Entwicklungsrückstand ist enorm und das Land nach wie vor eines der ärmsten Europas. Armutsflüchtlinge vom Balkan ohne Arbeitsbewilligung für Deutschland landen früher oder später auf dem Rückweg, auch Perparim.

Während uns Perparim sein Heimatdorf in den albanischen Bergen zeigt, beschließt die deutsche Regierung eine Verschärfung des Asylrechts für Balkanflüchtlinge: Antragsteller bleiben in Erstaufnahmelagern, sie dürfen nicht arbeiten, bekommen kein Geld, keine Deutschkurse, entschieden wird im Schnellverfahren – und bei Ablehnung wird rasch abgeschoben. So wie Perparim.

Er will es trotzdem wieder versuchen: “Wir hoffen, auf irgendeinem anderen Weg wieder nach Deutschland zu gelangen. Es geht um das Wohl meiner Familie, meiner Kinder. Sobald sich mir eine zweite Chance bietet, erneut nach Deutschland aufzubrechen, werde ich es tun, augenblicklich. Hast Du das kapiert? Sofort, augenblicklich werde ich wieder dorthin aufbrechen.”

Shishtavec – das sind 300 Haushalte. Etwa 50 Dorfbewohner sind noch in Deutschland, erzählt Perparim zwischen zwei Axthieben. Deutschlands verschärftes Asylrecht wird in wenigen Tagen in Kraft treten, möglicherweise erhöht sich die Zahl der Abschiebungen dann.

Perparim hat deshalb gute Chancen, seine ausgewanderten Nachbarn bald in Shishtavec wiederzusehen… Er sagt: “Du kennst ja jetzt mein Dorf, da ist nichts los. Damals, 1996, lebten hier noch jede Menge Menschen. Doch nun sind fast alle nach Deutschland ausgewandert. Nun, es stimmt schon, einige kehrten wieder zurück, oder besser: wir wurden gezwungen zurückzukehren. – Ich lebe hier im Haus meines Vaters, ich brauche mir keine Sorgen zu machen, ich habe ein Dach über dem Kopf. Doch viele Freunde habe Haus und Hof aufgegeben um sich die Reise nach Deutschland leisten zu können, haben ihre Kuh verkauft, ihre paar Schafe, ihren gesamten Besitz.”

Perparims Klan besteht aus zehn Familien, drei Hügel hinter Shishtavec leben sie, Stanet e Sherifit heißt der Weiler. Im Winter liegt hier meterhoch Schnee, der Strom fällt aus, die Siedlung ist von der Außenwelt abgeschnitten. Perparims Cousin zog nach Österreich. Auch er wurde abgeschoben. Und auch er will zurück: “Ich bin mir zu 99 Prozent sicher, dass ich es noch einmal probieren werde nach Deutschland oder Österreich zu kommen. Besser irgendwo in Europa im Gefängnis zu landen als hier in Albanien zu leben.”

Doch die jüngsten Zahlen zeigen, dass sich im September weniger Menschen aus dem Balkan auf den Weg nach Deutschland machten.

Legal nach Deutschland?

In Tirana treffen wir uns mit Saimir Tahiri, dem Innenminister Albaniens. Er begrüsst Deutschlands Ankündigung, die Asylverfahren zu beschleunigen. Für sichere Herkunftsstaaten wie Albanien solle der Bescheid nach einer, höchstens zwei Wochen gefällt werden. Außerdem solle Deutschland Asylsuchenden gegenüber weniger großzügig sein.

Saimir Tahiri erklärt: “Wir haben von uns aus verlangt, in diese Liste sicherer Herkunftstaaten mit aufgenommen zu werden. – Es gibt nicht den allergeringsten Anlass für einen Staatsbürger Albaniens, in egal welchem Mitgliedstaat der Europäischen Union politisches Asyl zu beantragen. – Für manche Menschen scheint es ganz offenbar finanziell lohnender zu sein, sich in Deutschland auf die Asyl-Warteliste setzen zu lassen, statt hier in Albanien einer geregelten Arbeit nachzugehen. – Um die Dinge beim Namen zu nennen, was hier ganz konkret abläuft ist Missbrauch des Asylrechts aus wirtschaftlichen Gründen, das ist nicht zulässig. Es ist schlichtweg illegal.”

Es gibt legale Wege für Albaner in Deutschland zu arbeiten. Das Rezept: in Tirana bei der Botschaft klingeln, Job-Angebote abfragen, einen Arbeitsvertrag organisieren, vorab alles mit der Bundesanstalt für Arbeit abklären – und dann erst Koffer packen. Und genau so will es Ardit probieren: “Ich will eine Arbeitserlaubnis für Deutschland beantragen. Mal sehen, ob das einfach ist zu bekommen oder kompliziert. Mein Berufsziel ist Hilfkoch in einem Restaurant.”

Schutz vor Verfolgung – das ist das Prinzip des Asylrechts. Darüber besteht Einigkeit in Europa. Doch Armutsflüchtlinge, so bitter ihr Schicksal im Einzelfall auch sein mag, haben keinen Anspruch auf Asyl. So sieht es Deutschland. So sehen es auch die anderen Mitglieder der Europäischen Union.

WEB-BONUS

Saimir Tahiri: ‘‘Albanien ist ein sicheres Land’‘

Euronews hat sich in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, mit dem Innenminister des Landes getroffen. Saimir Tahiri begrüßt die Entscheidung der deutschen Regierung, die Asylanträge der Albaner schneller zu bearbeiten. Das Interview können Sie hier auf Englisch ansehen.

Reporter - Albania