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Lager der Schande: Die gestrandeten Flüchtlinge in Nordfrankreich


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Lager der Schande: Die gestrandeten Flüchtlinge in Nordfrankreich

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Im Norden Frankreichs, in der Nähe von Dunkerque, leben rund 3.000 Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen. Viele Freiwillige und NGOs können das nicht mehr länger mit ansehen und helfen. Der französische Staat jedoch unternimmt bislang nichts.

Lager der Schande

Der Verein Salam in Grande-Synthe, in der Nähe von Dunkerque, im Norden Frankreichs: Françoise Lavoisier kommt, um Kleider für die Flüchtlinge abzuholen, die in einem improvisierten Lager leben. Die Nachfrage ist sprunghaft angestiegen. “Vor einem Jahr lebten 60 bis 100 Menschen in dem Camp. Mittlerweile leben dort 2.500 bis 3.000. Wir mussten uns also anpassen,” so Lavoisier.

Viele hier wurden von der Ankunft der Migranten überrascht. In den vergangenen zwei Monaten haben sich Hunderte, vor allem Kurden aus dem Irak, in diesem Camp in einem kleinen Waldstück niedergelassen. Es ist nichts für sie vorgesehen. Einzig die Polizei- und Sicherheitskontrollen am Eingang des Lagers wurden verstärkt. Es heißt, dass Menschenschmuggler in dem Lager Geschäfte machen.

Das Camp verdient kaum diesen Namen. Es sind nur Zelte inmitten von Schlamm, Dreck und Abfall – ein Lager der Schande. Ein Kurde erzählt, dass er vor den ISIL-Milizen geflohen ist. Als er hier ankam, war er fassungslos: “Es ist unvorstellbar, dass es in Europa, im 21. Jahrhundert, so einen Ort gibt. So etwas gibt es nirgendwo sonst.”

Die Arbeit der NGOs

Die Nichtregierungsorganisationen haben Alarm geschlagen. Mittlerweile gibt es mehr Hilfe für diese gestrandeten Menschen, die alle nur eines wollen: Nach Großbritannien weiterreisen. Die Freiwilligen verteilen Nahrungsmittel, Kleidung und Hygieneprodukte. Von der französischen Regierung kommt keine Hilfe, da sie keinen neuen Ansturm erzeugen will.

Françoise Lavoisier klagt: “Was wir hier machen, sollte eigentlich der Staat machen. Er verlässt sich auf uns. Es ist nicht Aufgabe der Gemeinde, Millionen zu investieren. Wir ersetzen hier den Staat.” Freiwillige aus Großbritannien haben Zelte und Baumaterial ins Lager geschmuggelt. Das ist eigentlich verboten, denn die französischen Behörden wollen nicht, dass sich das Lager vergrößert und ein Slum entsteht.

In das Camp zu kommen ist nicht ungefährlich. Gestern kam es zu einer Schießerei zwischen verfeindeten Menschenschmugglern. Die Freiwilligen aus Großbritannien lassen sich davon nicht abschrecken. Marcus Wells ist ein Ladenbesitzer aus Bristol. Er ist schon mehrere Male gekommen. Er erzählt: “Hier haben wir rund 80 Prozent junger Männer. Wenn die ISIL-Milizen ein Gebiet erobern, dann haben die Jungen ab zwölf Jahren und älter die Wahl: Entweder sie kämpfen für ISIL oder sie werden getötet. Ihre Eltern sagen ihnen also: ‘Haut ab, so schnell ihr könnt. Gestern habe ich mit zwei Brüdern gesprochen, sie sind fünfzehn und vierzehn Jahre alt. Ich habe sie gefragt: ‘Was hat eure Mutter gesagt?’ Sie meinten, ihre Mutter hätte ihnen gesagt: ‘Geht, lauft.’ Deswegen haben sie alle Handys und laden sie ständig auf. Sie wollen ihre Mama anrufen.”

Die Nichtregierungsorganisation Ärzte ohne Grenzen versucht, die sanitären Bedingungen zu verbessern. In den vergangenen drei Wochen wurden Toilettenkabinen installiert. Jetzt gibt es 60 Toiletten und knapp 50 Duschen. Immer noch bei weitem nicht genug für 2500 Menschen.

Der Arzt Samuel Hanryon erzählt, womit er es in der Sprechstunde zu tun hat: “Die meisten Menschen, die in unsere Praxis kommen, sind wegen der Lebensbedingungen hier krank. Wir behandeln Ohrenentzündungen, Erkältungen und Infektionen der Atemwege. Viele leiden derzeit auch an Krätze, das hängt mit den katastrophalen Lebensbedingungen hier zusammen. Was uns große Sorgen bereitet ist, dass wir in der vergangenen Woche auch mehrere Masernfälle in Calais und in Grande Synthe hatten. Wir werden eine Impfkampagne starten müssen, denn Masern sind sehr ansteckend und diese Krankheit kann, wenn schwere Komplikationen auftreten, zum Tod führen.”

Das neue Flüchtlingslager

Nicht weit entfernt von der Schlammwüste wird ein neues Lager gebaut. Hier sollen rund 500 geheizte Zelte errichtet werden. Es wird Strom, Duschen, Toiletten, Küchen und Gemeinschaftsräume geben. Und vor allem wird das neue Lager trocken sein. Ärzte ohne Grenzen stellt zwei Millionen Euro und die Gemeinde 500 Tausend Euro bereit. Von der französischen Regierung und Europa kommt bislang keine Hilfe.

Samuel Hanryon klagt: “Wir sind eine internationale Nichtregierungsorganisation, die normalerweise im Ausland, in Konfliktgebieten, bei humanitären Katastrophen und Epidemien, hilft. Für uns ist es frustrierend ein Flüchtlingslager für 2.500 Menschen in Frankreich zu bauen, in einem der reichsten Länder weltweit. Das ist schon ein wenig bizarr.”

Damien Carême ist der Bürgermeister von Grande Synthe. Er zeigt uns die Karte des neuen Lagers. Er hat hart für dieses Camp gekämpft und hofft, dass der französische Staat und Europa vielleicht irgendwann helfen werden. Er erklärt auch, dass er nicht die gleichen Fehler wie in Calais machen will, wo die Menschen mit Polizeigewalt aus ihrem Lager vertrieben und in ein neues gebracht wurden.

“Der Umzug wird ohne Polizei stattfinden. Ich will die Menschen nicht in Polizeiwagen verfrachten. Es geht nicht darum, das alte Lager zu zerstören, sondern in das neue umzuziehen. Die Nichtregierungsorganisationen und die Vereine müssen ihnen erklären, dass sie umziehen müssen und dass die Lebensbedingungen in dem neuen Lager besser sein werden. Ich kann nicht zwei Lager in meiner Stadt haben. Ich baue ein neues Lager für alle Menschen, die in dem jetzigen Camp leben. Sie haben keine Wahl. Nach dem Umzug werde ich die Evakuierung des alten Camps veranlassen, selbst wenn es dort noch Menschen gibt. Ich hoffe aber, dass wir ihnen erklären können, dass es in ihrem Interesse ist, umzuziehen,” so David Carême.

Viele Flüchtlinge sind jedoch besorgt. Hawree ist seit zwei Monaten hier. Er hat 17 Mal versucht, nachts an Bord von Lastwagen nach Großbritannien zu gelangen. Er hat Gerüchte über das neue Lager gehört, die ihn skeptisch machen. Es soll stärker bewacht werden, mit Polizei und Kameras. Er sagt: “Von sieben Uhr abends bis acht Uhr früh wird das neue Lager geschlossen sein. Die Polizei wird uns daran hindern, rauszugehen. Wir aber wollen versuchen auf die andere Seite, nach Großbritannien, zu kommen. Wir wollen nicht ewig hier in einem Lager bleiben.”

Sehnsuchtsort Großbritannien: Einer von Hawrees Freunden hat gute Nachrichten. Jemand hat es geschafft. Hawree kann es kaum glauben: “Er ist jetzt in London. Gestern war er noch hier mit mir und jetzt ist er dort.”

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