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Nur Putin hätte beim Brexit etwas zu lachen!

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Nur Putin hätte beim Brexit etwas zu lachen!

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Fluch oder Segen? Die zunehmend erhitzte Debatte über den Brexit teilt Großbritannien und legt die Probleme der Europäischen Union offen. In dieser Sonderausgabe von The Global Conversation hat euronews-Journalistin Isabelle Kumar mit zwei Mitgliedern des Europäischen Parlaments gesprochen, die in dieser Frage unterschiedliche Ansichten vertreten. Nigel Farage, der Chef der Partei UKIP, setzt sich für einen Austritt aus der EU ein. Guy Verhofstadt, der frühere belgische Ministerpräsident, fordert dagegen mehr europäische Integration.

Interview mit Nigel Farage: “Die Briten können sich selber am besten um ihr Land kümmern”

Brexit: ein Sprung ins Unbekannte?

euronews, Isabelle Kumar:
Nigel Farage vielleicht haben Sie bald Anlass zur Freude, wenn Großbritannien sich dazu entscheidet, die Europäische Union zu verlassen. Die Abstimmung rückt näher, machen Sie sich Sorgen über die Risiken, die ein Austritt mit sich bringen könnte?

Nigel Farage:
Nein, ich habe zwanzig Jahre Geschäfte gemacht. Ich habe zwanzig Jahre lang im internationalen Handel gearbeitet und Sachen in Rotterdam verkauft, gekauft und auf Schiffe verfrachtet. Dieser Handel entsteht nicht dank der Politiker oder der Bürokraten, sondern dadurch, dass ein Konsument ein Gut sieht und sagt, ich will das kaufen und ich werden diesen Preis zahlen.”

euronews:
Aber das ist ein Sprung ins Unbekannte und das wissen Sie auch. Denn höchstwahrschinlich wird man sich auf den Artikel 50 des Lissabonner Vertrags berufen und unser Schicksal, das Schicksal von Großbritannien wird von den anderen 27 Mitgliedsstaaten entschieden.

Nigel Farage:
Warum hat die Generation meiner Eltern dafür gestimmt, Teil des gemeinsamen Marktes zu sein? Erstens weil ihnen gesagt wurde, dass es nicht politisch sei und zweitens, weil es uns den zollfreien Zugang zum europäischen Markt ermöglichte. Wo stehen wir vierzig Jahre später? Die Welt hat sich durch die Globalisierung verändert. Innerhalb der Welthandelsorganisation, WTO, wurden mehrere Allgemeine Übereinkommen über den Handel mit Dienstleistungen (GATS) beschlossen. Die hohen Strafzölle, die der ursprüngliche Grund für die EU-Mitgliedschaft waren, sind heute fast alle verschwunden.

euronews:
Aber es besteht das Risiko von Strafzöllen, wenn wir gehen.

Nigel Farage:
Nein! Das geht nicht, wegen der geltenden Regeln der Welthandeltorganisation.

euronews:
Sie sagen also, dass wir uns, wenn wir den gemeinsamen Markt verlassen, an die WTO-Regeln halten werden. Die sind aber nicht besonders vorteilhaft in den Bereichen, in denen Großbritannien stark ist.

Nigel Farage:
Gehen wir einfach mal davon aus, dass Deutschland, Frankreich und die Eurozone sich ins eigene Fleisch schneiden und sich von ihrem größten Handelspartner abwenden, mit dem sie zuvor gehandelt und einen Handelsüberschuss von 90 Milliarden Euro pro Jahr erzielt haben. Schlimmstenfalls belegen sie unsere Güter mit Zöllen. Die Gesamtkosten dieser Zölle sind geringer als der EU-Mitgliedschaftsbeitrag. Und wir müssten künftig nicht mehr die EU-Regeln und den freien Personenverkehr akzeptieren. Und bei der ganzen Sache gäbe es noch einen Bonus: Wir könnten unsere eigenen Handelsabkommen weltweit verhandeln.

Brexit: Eine schlechte Idee?

euronews:
Angela Merkel, die deutsche Kanzlerin, hat gesagt, dass ein Austritt Großbritanniens aus der EU, eine sehr schlechte Idee sei.

Nigel Farage:
Natürlich hat sie das gesagt. Wir sind der zweitgrößte Geldgeber.

euronews:
US-Präsident Barack Obama hat ebenfalls gesagt, dass es eine schlechte Idee sei, dass wir bei allen Handelsverhandlungen hinten anstehen werden. Und auch die OECD und der IWF meinen, es sei eine schlechte Idee.

Nigel Farage:
Wir haben kein Handelsabkommen mit den USA und wir mussten noch nie anstehen! Und der IWF, die OECD und all diese öffentlich finanzierten Gruppen lösen in meinem Kopf einen Alarm aus und der heißt Euro. All diese verschiedenen Gruppen haben uns gesagt, wenn Großbritannien nicht den Euro einführt, werden die Direktinvestitionen einbrechen, die Londoner City wird zumachen und schreckliche Sachen von biblischen Ausmaßen werden passieren. Alles was ich sage ist, dass sie damals nicht recht hatten und heute ebenfalls falsch liegen.

euronews:
Ok, aber das renommierte Meinungsforschungsinstituts Ipsos MORI hat 639 Wirtschaftwissenschaftler in Großbritannien befragt. Nur fünf Prozent haben gesagt, dass der Brexit gut wäre.

Nigel Farage:
Es war Selbstselektion, es war eine Umfrage.

euronews:
Es war keine Selbstselektion, sie kamen von der Royal Economic Society and Society of Business Economists. Fünf Prozent haben gesagt, dass der Brexit positiv für das Wachstum wäre, nur fünf Prozent.

Nigel Farage:
Ich habe mir diese Umfrage angeschaut. Die Befragten haben sich selber dafür gemeldet. Das hat keine Aussagekraft.

euronews:
Die Mehrheit ist der Meinung, dass der Brexit eine schlechte Idee ist. Sie stellen sich also gegen den Konsens.

Nigel Farage:
Darauf können sie wetten. Aus diesem Grund bin ich in die Politik gegangen. Die allgemeine Meinung 1990 war, dass Großbritannien dem Wechselkursmechanismus beitreten sollte. Wir sollten den Pfund Sterling an die Deutsche Mark knüpfen. Und wissen Sie, alle großen politischen Parteien in Großbritannien waren dafür. Auch die Gewerkschaften waren dafür. Aber dann hatten wir 1992 in Großbritannien eine Rekordzahl an Hausräumungen und Geschäften, die pleite gegangen sind. Und all das, weil wir den Pfund Sterling an die Deutsche Mark geknüpft haben. Und wissen Sie was? Ich war dagegen. Und es waren die gleichen Leute, die für die Einführung des Euros waren und die gleichen, die nicht die Krise von 2008 und 2009 vorhergesehen haben. Sie lagen jedesmal daneben und ich hatte bei all diesen Fragen recht.


Biographie: Nigel Farage

  • Farage hat sich als Euroskeptiker einen Namen gemacht.
  • 1993 war Farage ein Gründungsmitglied der Partei für die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreichs, UKIP.
  • UKIP’s Ziel ist ein Austritt aus der EU.
  • Er ist seit 1999 Abgeordneter des Europäischen Parlaments.

Brexit: Mehr Sicherheit außerhalb der EU?

euronews:
Schauen wir uns andere Fragen an, über die gestritten wird. Einwanderung ist ein wichtiges Thema für Großbritannien. Einwanderung hat der britischen Wirtschaft gut getan, die britische Wirtschaft wächst.

Nigel Farage:
Natürlich wächst sie.

euronews:
Warum sollte man das riskieren?

Nigel Farage:
Wenn ihre Bevölkerung um eine halbe Million pro Jahr wächst, wächst auch ihr BIP. Was nicht wächst ist das BIP pro Kopf. Und man kann nicht messen, wieviel Migranten an Steuern zahlen und wieviel sie an Sozialleistungen erhalten. Und wir können nicht sagen, welche Kosten für Schulneubauten, Krankenhausneubauten und neue Straßen entstehen. Wir können uns das nicht leisten. Aber wissen Sie was, im Leben gibt es wichtigere Sachen als die Höhe des BIPs. Worauf es ankommt ist die Lebensqualität und der Zusammenhalt in der Gemeinschaft.

euronews:
Grenzkontrollen: Sie halten sehr oft ihren Pass hoch.

Nigel Farage:
In der Tat. Ich gehe nie ohne meinen Pass aus dem Haus. Wir hatten früher einen britischen Pass. Es war einer unserer größten Schätze.

euronews:
Und Sie mögen es nicht, dass Europäische Union darauf steht.

Nigel Farage:
Weg damit. Ich will das nicht. Ich will all diese Pässe verbrennen.

euronews:
Ja, aber die Tatsache, dass Sie einen britischen Pass haben, zeigt doch, dass es Grenzkontrollen gibt, wenn Sie nach Großbritannien einreisen, da es nicht Teil des Schengenraums ist.

Nigel Farage:
Wir können niemanden davon abhalten, zu kommen. Wir können nur die EU-Bürger stoppen, die eine direkte Gefahr darstellen.

euronews:
Wen wollen Sie denn noch stoppen?

Nigel Farage:
Ich will nicht, dass jemand, der vorbestraft ist, einen Job in meinen Land bekommt. Wer will schon so etwas? Würde ein zivilisiertes Land, das wollen?

euronews:
Die EU-Freizügigkeitsrichtline von 2004 besagt, dass Menschen, falls ein Verdacht besteht, gestoppt werden können.

Nigel Farage:
Aber es muss eine unmittelbare Gefahr bestehen. Das ist der Punkt. Alles was ich will ist, dass Großbritannien ein normales Land wird. Normale Länder auf der ganzen Welt legen selbst ihre Gesetze fest und kontrollieren ihre Grenzen. Mehr als 183 Länder weltweit feiern den Tag ihrer Unabhängigkeit. Alles was ich will ist, dass wir das 184. Land werden.

euronews:
Wären wir außerhalb der EU sicherer?

Nigel Farage:
Ja, auf jedenfall. Erstens in Bezug auf die Terror-Gefahr. Es stimmt, dass wir nicht zu Schengen gehören und dafür bin ich dankbar. Aber wenn die Chefs von Europol und Interpol darüber sprechen, wie viele Extremisten, nach Europa hereingelassen werden, dann bereitet mir das große Sorgen.

euronews:
Aber inwiefern ist da ein Risiko, wenn sie nicht zu Schengen gehören?

Nigel Farage:
Es besteht ein Risiko, weil die Menschen nach einer gewissen Zeit naturalisiert werden, EU-Pässe bekommen und dann ohne weiteres nach Großbritannien kommen können. Aber es geht noch um eine viel wichtigere Frage und ich verstehe nicht, warum auf der internationalen Ebene nicht daran gedacht wurde. Wir wissen, dass es eine Woche nach dem britischen Referendum Diskussionen über die Gründung einer europäischen Armee geben wird. Und das bereitet mir wirklich große Sorgen.

Rassismus und brenzlige Themen

euronews:
Sie sagen, dass Sie dämonisiert werden, weil Menschen Sie einen Rassisten nennen. Ziehen Sie Sachen, die Sie gesagt haben zurück? Also z.B., dass durch Migranten die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen vergewaltigt werden, steigt.

Nigel Farage:
Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, es sei ein brenzliges Thema.

euronews:
Nun, Sie haben aber dieses Thema angesprochen.

Nigel Farage:
Es ist also kein Thema?

euronews:
Ich würde sagen, es ist kein Thema, das unbedingt angesprochen werden sollte, denn es kann Angstmacherei sein.

Nigel Farage:
Oh, ich verstehe, es sollte also unter den Teppich gekehrt werden.

euronews:
Nein, aber es ist Panikmache, wenn sie es zu einem Thema machen.

Nigel Farage:
Was ist mit den 26 sexuellen Belästigungen, die vor zwölf Tagen bei einem Rockkonzert in Deutschland stattfanden, ist das Angstmacherei? Oder sollten wir das auch verschweigen? Als ich nach den sexuellen Übergriffen in Köln und bei dem Rockkonzert gefragt wurde, habe ich mich so behutsam und höflich wie noch nie zuvor ausgedrückt. Ich sagte, dass es ein Thema ist, aber kein dringendes, sondern eine langfristige Frage. Aber es ist interessant, dass dieses Thema aufgenommen wurde. Kommentatoren und frühere Minister haben sich sehr viel deutlicher dazu geäußert.

euronews:
Ja, aber Sie haben z.B. gesagt, dass Sie keine Rumänen als Nachbarn haben wollen.

Nigel Farage:
Das habe ich nie gesagt. Das ist Blödsinn.

euronews:
Sie haben auch gesagt, dass man uns Diversität unter die Nase reibt. Sie sehen also, warum bei ihnen immer wieder die Frage des Rassismus auf den Tisch kommt.

Nigel Farage:
Andrew Neather, der früher in Downing Street für Tony Blair gearbeitet hat, hat gesagt, dass die Labour-Partei den konservativen Politikern die Vielfalt unter die Nase reiben würde, indem Sie eine noch nie dagewesene Einwanderung erlauben würde. Ist es da verwunderlich, dass 77 Prozent der Briten heute Grenzkontrollen wollen?

Brexit: Warum?

euronews:
Noch ein paar Fragen zum Schluss: Was ist wenn Sie die Brexit-Abstimmung verlieren? Es ist ganz offensichtlich ihr Lebenswerk. Werden Sie dann zurücktreten?

Nigel Farage:
Das ist als ob Sie einen General, der in die Schlacht zieht, fragen würden, was er macht, wenn er verliert.

euronews:
Ich frage Sie noch einmal: Was werden Sie machen?

Nigel Farage:
Darüber kann ich nicht nachdenken. Es wäre verrückt das zu machen. Ich sitze hier, ich bin die ganze Nacht über gefahren, habe nicht geschlafen und mache in diesen Tagen, kurz vor dem Brexit, alles was ich kann. Ich kann keine Niederlage ins Auge fassen. Fragen Sie mich danach, falls es schief geht.

euronews:
Na gut, dann geben Sie mir einen Grund. Wenn Sie es ganz kurz zusammenfassen müssten: Warum sollte Großbritannien die EU verlassen? Warum?

Nigel Farage:
Weil sich die britischen Bürger selber am besten, um ihr Land kümmern können. Wir sollten das machen, über die Wahlen in unserem eigenen Parlament.

Interview mit Guy Verhofstadt: “Das Brexit-Referendum ist eine riesige Chance”

Für jene, die mehr Europa fordern und die wollen, dass Großbritannien bleibt, könnte der Brexit sogar eine Chance sein. Darüber hat euronews-Journalistin Isabelle Kumar mit Guy Verhofstadt gesprochen. Er ist der Vorsitzende der liberalen Fraktion ALDE im Europäischen Parlament.

Brexit: Eine Chance für die EU?

euronews, Isabelle Kumar:
Glauben Sie, dass das Brexit-Referendum ein Glück im Unglück sein könnte? Ich muss Sie wahrscheinlich nicht daran erinnern, wer Jean Monnet ist. Als einer der Gründerväter Europas sagte er, dass Europa in Krisenzeiten Gestalt annehmen wird. Könnte dies die Krise sein, die die EU benötigte?

Guy Verhofstadt:
Ich sehe es nicht als eine Krise, sondern als eine Chance. Es könnte die Wende bringen. Es könnte ein Moment in unserer Geschichte sein, durch den sich eine riesige Chance ergibt.

euronews:
Was für Chancen?

Guy Verhofstadt:
Eine Gelegenheit, um die Europäische Union zu reparieren, denn sie funktioniert nicht sehr gut. Es ist ziemlich offensichtlich angesichts der Flüchtlingskrise, des Terrorismus, der Eurokrise und der geopolitischen Schwäche Europas. Es ist nicht schwierig zu erkennen, dass Europa, dass dieses Europa nicht funktioniert. Für mich ist also der Brexit, sei es ja oder nein, eine Gelegenheit, um über die Fundamente, die Grundfesten der Europäischen Union zu sprechen.

euronews:
Aber Sie öffnen auch die Büchse der Pandora, denn Sie haben keine Ahnung, was passieren wird.

Guy Verhofstadt:
Die Büchse der Pandora haben wir schon jetzt, denn alle sagen, dass wir keine unterschiedlichen Mitgliedschaften benötigen. Ich sage hingegen, dass wir bereits 28 verschiedene Mitgliedschaften haben. Es gibt nicht eine einzige Europäische Union. In meinem Buch über Europas letzte Chance und die Krankheit Europas beschreibe ich mindestens 12 verschiedene Europäische Unionen, die es heute gibt. Wir müssen also damit aufhören, und die Diskussion über den Brexit ist eine Gelegenheit, um eine Kerngruppe zu gründen, die sich dann weiter integriert.

euronews:
Wenn Großbritannien die EU verlässt, wird es dann wichtig sein ein Exempel zu statuieren, um sicherzugehen, dass andere Länder nicht auch gehen wollen.

Guy Verhofstadt:
Die Mehrheit der Menschen will in der Europäischen Union bleiben, aber nicht in dieser Europäischen Union. Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen dem, was die Menschen über diese Europäische Union denken, also über eine EU, die nicht funktioniert und die in der Krise steckt, und dem, was sie von Europa als Ganzem, als Idee, als Projekt und als Vision für die Zukunft halten. Viele Menschen, die Mehrheit der Menschen wollen Europa und eine stärker integrierte Europäische Union, sogar eine Verteidigungsgemeinschaft.

Mehr Europa für mehr Sicherheit

euronews:
Die Befürworter des Brexits, die sogenannten Brexiters, sagen, dass es außerhalb der EU sicherer ist? Stimmt das?

Guy Verhofstadt:
Ich glaube nicht, dass diese Meinung weit verbreitet ist. Barack Obama hat z.B. gesagt, dass ein Austritt Großbritanniens aus der EU dumm wäre. Wenn wir unsere Probleme nicht lösen und wenn wir die Europäische Union nicht reformieren, dann werden immer mehr Menschen zu Populisten werden. Es stimmt, dass dann immer mehr Menschen für Nationalisten, populistische und euroskeptische Parteien stimmen werden. Aus diesem Grund habe ich in meinem Buch die Kritik der euroskeptischen und populistischen Parteien zusammengefasst. Sie haben recht, wenn sie die EU kritisieren, aber sie haben unrecht, wenn sie sagen, dass wir, um die Probleme der EU zu lösen, in die Vergangenheit reisen und zu den Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts zurückkehren müssen.

euronews:
Einwanderung ist für die Brexiters, also für die die Europa verlassen wollen, ein ganz wichtiges Thema.

Guy Verhofstadt:
Ja.

euronews:
Viele, die Kampagnen für einen Austritt aus der EU machen, haben die Nase voll von der Bewegungsfreiheit. Sie sagen, dass die britischen Behörden überfordert sind. Sind Sie für eine Überarbeitung der Bewegungsfreiheit?

Guy Verhofstadt:
Das gilt nicht für ganz Europa, denn wir sehen in Europa vielmehr eine mangelnde Mobilität der Arbeiter. Die Arbeitsmobilität ist z.B. in Europa zehnmal geringer als in den USA. Dies hat zur Folge, dass zwei Millionen Jobs in Europa nicht besetzt werden. In einem Punkt haben die Brexiters jedoch recht. Es gibt keine europäische Herangehensweise in Bezug auf die Einwanderung und die Flüchtlinge. In Wahrheit gibt es noch nicht einmal eine europäische Politik zu Migration, Asyl und Flüchtlingen.

euronews:
Sie sprechen darüber in Ihrem Buch. Was wäre also Ihre Lösung für die Flüchtlingskrise, die nicht noch mehr europäische Bürger aufbringen würde?

Guy Verhofstadt:
Drei Maßnahmen: Erstens benötigen wir eine europäische Grenz- und Küstenwache. Wir haben innerhalb der Europäischen Union Bewegungsfreiheit, aber es gibt keine gemeinsame Kontrolle der Außengrenzen, und das bei all den Problemen, die wir haben, z.B. an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Zweitens benötigen wir ein gemeinsames Asylsystem. Das Dublin-Abkommen ist kein Asylsystem.

euronews:
Die Dublin-Verordnung…

Guy Verhofstadt:
Die Dublin-Verordnung ist das Gegenteil. Sie sagt zu den Italienern und den Griechen, dafür seid ihr zuständig, wir sind dafür nicht verantwortlich. Und drittens sollte es möglich sein, legal nach Europa zu kommen. Die Amerikaner haben die Green Card, die Kanadier haben etwas, und auch die Australier. Wir haben nichts. In Europa haben wir 28 unterschiedliche nationale Regelungen zur Einwanderung.

euronews:
Die Befürworter des Austritts werden den Angst-Faktor nutzen und sagen, dass es eine Verbindung zwischen Einwanderung und Terrorismus sowie Unsicherheit gibt. Was haben Sie dazu zu sagen?

Guy Verhofstadt:
Nun, auch da ist Europa die Lösung. Denn ehrlich gesagt benötigen wir europäische Kapazitäten für die Geheimdienste und beim Kampf gegen den Terror. Das FBI wurde 1901 gegründet. Wir benötigen eine ähnliche Organisation auf europäischer Ebene.

euronews:
Aber angesichts der heutigen Lage wird das nicht geschehen. Was ist also Ihre Lösung für Sicherheit?

Guy Verhofstadt:
Ich wär Präsident des Rats als wir den europäischen Haftbefehl eingeführt haben. Das war nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

euronews:
Aber das ist nicht das Gleiche wie ein FBI zu haben.

Guy Verhofstadt:
Wir müssen das machen, denn ansonsten werden wir weiter Skandale wie nach den Anschlägen in Paris haben, wo Salah Abdeslam in jener Nacht in der Nähe der belgischen Grenze gestoppt wurde, aber die französische Polizei kannte ihn nicht. Die belgische Polizei kannte ihn, aber die französische Polizei machte nichts, und so konnte er einfach weiterfahren.

euronews:
Ein großer Teil der Unzufriedenheit in Europa begann mit der Wirtschaftskrise. Bei der Brexit-Debatte sagen die Befürworter des Austritts, dass sie ohne die Fesseln der EU sehr viel flexibler und wendiger sein würden. Wenn sie also nicht mehr die ganze Bürokratie hätten und nicht mehr nur mit der EU handeln würden, deren Wirtschaft stagniert.

Guy Verhofstadt:
Ja, aber die Zahlen sagen da etwas anderes. Die meisten Statistiken und Analysen zeigen, dass es ein riesiger Nachteil für Großbritannien wäre, wenn es die Europäische Union verlässt. Nicht ich, sondern Experten sagen, dass das Wirtschaftswachstum zum Nachteil von Großbritannien zurückgehen würde, zwischen zwei und zehn Prozent. Es wäre also schlecht, egal wie rum man es dreht.


Biographie: Guy Verhofstadt

  • Verhofstadt war von 1999 bis 2008 belgischer Ministerpräsident.
  • 2009 wurde er Abgeordneter im Europäischen Parlament.
  • Verhofstadt ist der Vorsitzende der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE) im Europäischen Parlament.
  • Er hat mehrere Bücher über Europa und Politik geschrieben.

Ist Föderalismus die Lösung?

euronews:
Sie sind ein Erzföderalist. Es ist Ihr europäischer Traum, und Sie beschreiben ihn in Ihrem Buch.

Guy Verhofstadt:
Föderalismus ist kein Schimpfwort.

euronews:
Es ist keine Beleidigung.

Guy Verhofstadt:
Nein, denn die mächigste Nation weltweit … wer hat am meisten Macht? Es sind die USA.

euronews:
Zumindest momentan…

Guy Verhofstadt:
Die USA sind ein föderaler Staat. Ein föderaler Staat ist ein Symbol der Stärke, denn er vereint alle Stärken.

euronews:
In der Theorie klingt das großartig, aber Ihre Kritiker sagen, dass Sie Ihre Zeit verschwenden, denn die Umstände haben sich geändert und es ist in der jetzigen Welt nicht mehr möglich.

Guy Verhofstadt:
Das Gegenteil ist der Fall. Mit wem müssen wir uns messen? Mit China. China ist keine Nation. China ist eine Zivilisation. Eine Zivilisation der Hunnen, wie die unsere, die europäische Zivilisation. Mit Indien. Indien ist keine Nation. Indien besteht aus 2000 Ethnien. Und hinzu kommen noch zwanzig Sprachen und vier große Religionen. Mit der größten Demokratie, also mit den USA, ist es das Gleiche. Sie bestehen aus 50 Bundesstaaten, die alle ihre eigene Verfassung haben und zusammenarbeiten. Die Welt von morgen ist eine Welt der Reiche und nicht der kleinen Nationen.

euronews:
Zum Abschluss habe ich für Sie noch eine vielleicht schwierige Frage. Können Sie mir einen Grund nennen, warum Großbritannien in der EU bleiben sollte?

Guy Verhofstadt:
Ein Grund zu bleiben, das ist sehr einfach. Geopolitisch gesehen ist es im Interesse von Großbritannien, in der Europäischen Union zu bleiben. Der Einzige, der bei einem Brexit etwas zu lachen hätte, wäre Wladimir Putin. Er mag ein geteiltes Europa. Aus einer geopolitischen Sicht ist das also einer der wichtigsten Gründe, um in der EU zu bleiben.

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden.euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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