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Europas Flüchtlinge: Ökonomischer Gewinn oder Bürde?


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Europas Flüchtlinge: Ökonomischer Gewinn oder Bürde?

Welche wirtschaftlichen Folgen hat der Flüchtlingsansturm für die Länder in Europa, die den Menschen Zuflucht bieten? Wie wird daraus für die Gastländer ein Gewinn statt eine Bürde?

1,2 Millionen Asylanträge wurden 2015 in Europa gestellt, eine Rekordzahl.

Ob Asylbewerber, Wirtschafts- oder politische Flüchtlinge: Die wirtschaftlichen Auswirkungen lassen sich so skizzieren: Das Gastland hat Kosten für die Bearbeitung jedes einzelnen Falles, für die Versorgung der Menschen mit Essen, Wohnraum, für medizinische Betreuung und Ausbildung. Auf kurze Sicht steigern diese Kosten die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und Staatsausgaben des Landes. Was bedeutet, dass mehr Güter produziert und Dienstleistungen erbracht werden. Dies führt wiederum zu mehr verfügbarem Einkommen für die einheimischen Arbeitnehmer. Doch es kann Abwärtsdruck bei den Löhnen geben, wenn die Asylbewerber schließlich auf den Arbeitsmarkt strömen, was bis zu zwei Jahre dauern kann, je nach Gesetzlage des Landes. Allerdings liegen die Neuankömmlinge, wenn sie nach Arbeit suchen können, meist hinter den Einheimischen zurück. Der Schlüssel ist, ihre Vermittlungsfähigkeit schnell zu erhöhen. Durch Wohnung näher am Arbeitsplatz, flexible Arbeitsmärkte, Sprachkurse, Weiterbildung. Erfolgreiche wirtschaftliche Integration kann eine nachhaltige Finanzpolitik des Gastlandes vor allem in einem Moment des demographischen Wandels unterstützen.

Sechzig Prozent der Asylbewerber im Sommer 2016 stammten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Sie kamen nach Griechenland, Ungarn, Italien, Frankreich… und vor allem sechzig Prozent nach Deutschland, dessen Politik der offenen Tür sowohl Unterstützer wie Gegner hat.

Flüchtlinge können Fachkräftemangel in Deutschland nicht abdecken


Personalmanager schätzen die Bereitschaft in den deutschen Firmen, Flüchtlinge zu rekrutieren, recht hoch ein, klagen aber über langwierige Verfahren zur Klärung des Aufenthaltsstatus und zur Anerkennung der Abschlüsse. Der erste Schritt sind meist Praktika, damit sich die Neuankömmlinge auf dem Arbeitsmarkt zurechtfinden.

Nasser Atif und Mohanad Alfar aus Afghanistan und Syrien machen zum Beispiel ein Praktikum beim Software-Hersteller SAP. “Die erste große Schwierigkeit ist die deutsche Sprache”, sagt Nasser. “Man muss Kurse machen, bis man ein Niveau erreicht hat, dass man auf dem Arbeitsmarkt akzeptiert wird. Und auch die Kultur ist anders, alles ist anders.”
Und Mohanad räumt ein: “Ich habe in meinem Land im Marketing für eine Keramik-Fabrik gearbeitet, und ich dachte, wir arbeiten dort schon ganz schön modern, aber hier ist man Lichtjahre von dem entfernt, was wir da gemacht haben. Da habe ich eine Menge zu lernen.”

SAP-Personalmanager Uli Joos betont jedoch, es sei keine Frage der Herkunft: “Für uns im Personalbeschaffungssektor ist die Herausforderung, die richtigen Talente zu finden, egal, woher sie kommen, egal, ob es Migranten sind. Oder wir gehen auch in ein bestimmtes Land, um nach den passenden Talenten zu suchen.”

Deutschland braucht diese Talente, um eine Million offene Stellen zu besetzen, die meisten sind allerdings qualifizierte Jobs. Hussein Shaker ist selbst aus Syrien nach Berlin gekommen und hat dort mit anderen das Job-Portal Migrant Hire speziell für Migranten gegründet: “Zu Beginn haben wir wie LinkedIn gearbeitet, wir haben die Kandidaten in unserer Datenbank mit den Stellenausschreibungen verknüpft. Inzwischen kontaktieren wir die Unternehmen, die offene Stellen haben, die Bewerber können die Stellenangebote ansehen und sich direkt bewerben.”

Von über einer Million Flüchtlinge, die in Deutschland in einem Jahr ankamen, fanden 21.400 einen Job. Nur rund hundert wurden in einem der dreißig größten Unternehmen eingestellt. Diese Zahlen dürften nicht viel ausmachen, wenn man davon ausgeht, dass in Deutschland in den nächsten Jahren Millionen Arbeitskräfte fehlen werden.

Spätestens 2025 ein wirtschaftlicher Gewinn für Deutschland


Die Schätzungen über die Kosten für die Aufnahme der Flüchtlinge in den kommenden Jahren variieren, sie hängen auch davon ab, wie viele Flüchtlinge tatsächlich kommen. Die Bundesregierung hat für dieses Jahr zunächst einmal acht Milliarden Euro bereitgestellt.

Stefan Küpper vom Verband der Arbeitgeber in Baden-Württemberg warnt aber, das Geld nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen: “Wir müssen es jetzt auch schaffen, unter der Vielfalt der Programme und Initiativen die besonders erfolgreichen herauszufinden, und diese dann in die Fläche zu bringen und zu verbreitern.”

Ab 2020 oder spätestens 2025 dürften die Flüchtlinge Deutschland wirtschaftlich eher nutzen als schaden , so die Prognosen. Wenn sie denn schnell integriert werden.

Zuerst mehr Wirtschaftswachstum, später Zukunftsfähigkeit gesichert


Ian Goldin ist Wirtschaftsexperte, war bei der Weltbank und hat die Oxford Martin School an der Oxford University gegründet.

euronews:
“Wenn man über Deutschland und seine Flüchtlinge redet, geht es immer um Staatskosten. Wie stellen die Deutschen sicher, dass es eine langfristige Investition wird?”

Ian Goldin:
“Es ist eine kurzfristige sowie eine langfristige Investition. Kurzfristig bekommt die deutsche Wirtschaft einen Stimulus für rund 0,2 Prozent mehr Wachstum als ohne Flüchtlinge. Langfristig sind die Flüchtlinge wegen der niedrigen Geburtenraten in Deutschland für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft essentiell.”

euronews:
“Es heißt immer, es gibt zu wenige empirische Beweise, dass das möglich ist…”

Ian Goldin:
“Google würde ohne Sergey Brin, einen Flüchtling, nicht existieren. Steve Jobs war Sohn eines syrischen Flüchtlings. Es ist entscheidend, dass man den Leuten die Möglichkeit gibt, zu arbeiten, Bildung, Anerkennung ihrer Abschlüsse, Anpassung an das neue System, dass man sicherstellt, dass sie in den Arbeitsmarkt hineinkommen können, über die Stellenangebote Bescheid wissen, diese Stellen auch bekommen können, und dass sie Unterkunft finden. Wir haben geringere soziale Abhängigkeit bei Flüchtlingen als bei der Gesamtbevölkerung. Die Länder, die die Flüchtlinge wirksam integrieren, schlagen sich gut. In den Ländern, in denen sie nicht arbeiten dürfen, gibt es die Probleme.”

euronews:
“Was können wir tun, damit die Einheimischen nicht das Gefühl haben, dass ihre Arbeitsplätze und ihre Wirtschaft bedroht sind?”

Ian Goldin:
“Wir sehen das in der Politik, diese Ablehnung aus dem Gefühl der Bedrohung heraus. Deutschland hat Mangel an Arbeitskräften – darüber muss man sich viel mehr Sorgen machen. Schweden hat Bemerkenswertes ereicht im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl. Und es muss klargemacht werden, dass die Neuankömmlinge Jobs nehmen, die die Einheimischen nicht wollen. Interessanterweise besteht sogar in Osteuropa in bestimmten Bereichen massiver Arbeitskräftemangel.”

euronews:
“Wie können die Flüchtlinge die Befürchtungen ihrer Gastgeber zerstreuen?”

Ian Goldin:
“Die Sprache lernen, sicherstellen, dass ihre Qualifikation genutzt werden kann. Respekt der Sitten und Gesetze im Gastland ist unerlässlich. Viele arbeiten unter ihrer Qualifikation. Sie sollten akzeptieren, dass es Zeit braucht, dass es auch für die Gastgesellschaft schwierig ist, dass es einen Anpassungsprozess auf beiden Seiten braucht, und dass man nach etwa vier, fünf Jahren einen echten Durchbruch sehen kann, wenn die Gastgesellschaft und die Flüchtlinge bereit sind, die nötigen Anstrengungen zu unternehmen.”