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"Dieser Bann wird viele unschuldige Menschen treffen" - Kritik an US-Einreise-Stopp

Anrührende Geschichten, Lob und Kritik: Donald Trumps Entscheidung, den Menschen aus sieben überwiegend muslimischen Ländern die Einreise in die USA zu verwehren, sorgt weltweit für…

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"Dieser Bann wird viele unschuldige Menschen treffen" - Kritik an US-Einreise-Stopp

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Anrührende Geschichten, Lob und Kritik: Donald Trumps Entscheidung, den Menschen aus sieben überwiegend muslimischen Ländern die Einreise in die USA zu verwehren, sorgt weltweit für Aufruhr. Die Mutter und alle Großeltern des US-Präsidenten wurden in Europa geboren, wie auch zwei seiner drei Ehefrauen.

Anhänger des US-Präsidenten weltweit sehen in dem Dekret den Anbruch einer neuen Ära, einige fordern sogar eine
Ausdehnung auf weitere Länder.

«Ich schließe jede Nacht meine Tür ab. Ich schließe sie nicht ab, weil ich gemein und herzlos bin gegen die draußen. Ich schließe sie ab, weil ich meine Familie drinnen liebe» (Chris Teis).

POLITIK

In der Politik überwiegt dagegen die Kritik. Die deutsche Kanzlerin
Angela Merkel sagte, auch der Kampf gegen den Terror
rechtfertige in keiner Weise einen Generalverdacht gegen Menschen
anderen Glaubens. Frankreichs Präsident François Hollande hatte Trump zuvor schon dazu aufgerufen, das demokratische Grundprinzip der Aufnahme von Flüchtlingen zu achten.

US-WACHSTUMS-UNTERNEHMEN

Mehrere US-Unternehmen stellten sich offen gegen Trumps Kurs der
Abschottung. Per Tweet gaben ihm contra unter anderem der Unterkunft-Vermittler AirBnB: “Wer vorübergehend Menschen in Not unterbringen kann, bitte hier melden”: http://abnb.co/VH9hWb

Travis Kalanick, Chef des Fahrdienstvermittlers Uber, ließ wissen: “Dieser Bann wird viele unschuldige Menschen treffen”, und reservierte 2,8 Millionen Euro für betroffene Mitarbeiter auch Fahrer. Kalanick berät Trump als Mitglied seines Strategic and Policy Forum.

Während einer Protest-Stunde von Taxifahrern am New Yorker Flughafen JFK senkte Uber die Preise.

Bei der weltweit erfolgreichsten Internet-Suchmaschine Google sind fast 200 Mitarbeiter direkt vom Trump-Erlass betroffen. Mehr als 100 Mitarbeiter wurden aus dem Ausland zurückbeordert, aus Sorge, ihnen könnte die Rückreise später verweigert werden. «Es ist schmerzlich zu sehen, wie sich diese Anordnung persönlich auf unsere Kollegen auswirkt», sagt Google-Chef
Sundar Pichai. Er ist ein US-Bürger, der in Indien geboren wurde. Google hat einen 1,9-Millionen-Euro-Hilfsfonds geschaffen, dazu kann nochmal die gleiche Summe von Mitarbeitern kommen.

Sundar Pichai:

“Seit Generationen hat dieses Land die Heimat Einwanderer wie Sanaz (Ahari, geboren im Iran – sie traut sich nicht mehr, ihre Eltern in Kanada zu besuchen). Ihre Geschichte spielt im ganzen Land. Google ist bei dir.”

Gleiche Geschichte beim Soft- und Hardwareriesen. Microsoft: 76 Mitarbeiter sind betroffen. Auch Vorstandschef Satya Nadella ist ein US-Bürger, der in Indien geboren wurde. Und Microsoft-Präsident Brad Smith schickte eine E-Mail an Microsoft-Mitarbeiter, mit dem Nadella-Zitat
: “Als Einwanderer und als Vorstandschef habe ich die positiven Auswirkungen der Zuwanderung gesehen und am eigenen Leib erfahren. Wir bleiben an diesem wichtigen Thema dran.”

Die Cafékette Starbucks kündigte demonstrativ an, in den nächsten fünf Jahren 10.000 Flüchtlinge einzustellen.

Weiter geht es mit Mark Zuckerberg von Facebook:
“Meine Urgroßeltern kamen aus Deutschland, Österreich und Polen. Priscillas Eltern (seine Schwiegereltern) waren Flüchtlinge aus China und Vietnam. Die Vereinigten Staaten sind eine Nation von Einwanderern, und wir sollten darauf stolz sein.”

Und manche fragen sich schon, ob Twitter-Erfinder und Mitgründer Jack Dorsey jetzt Donald Trump im Gegenzug von Twitter verbannt.

“Das Dekret hat reale und beunruhigende humanitäre und wirtschaftliche Auswirkungen. Wir profitieren von dem, was Flüchtlinge und Immigranten in die Vereinigten Staaten bringen.” “Twitter wurde von Einwanderern aller Religionen aufgebaut. Wir stehen für sie und bei ihnen, immer. “

Jeff Weiner, Vorstandschef des Karriere-Netzwerks LinkedIn:

“40 Prozent der Fortune-500 Unternehmen wurden von Einwanderern oder deren Kindern gegründet. Alle ethnischen Gruppen sollten Zugang zu diesen Chancen haben – Gründungsidee der USA.”

Fehlt noch Apple-Chef Tim Cook:

‘(Liebes) Team, in meinen Gesprächen mit Regierungsvertretern in Washington in dieser Woche habe ich deutlich gemacht, dass Apple tief überzeugt ist von der Bedeutung der Einwanderung – das gilt für die Zukunft unseres Unternehmens und für die unserer Nation. Apple würde es ohne Zuwanderung nicht geben, von Gedeihen und Innovation ganz zu schweigen….das ist nicht eine Politik, die wir unterstützen…..

Mit den Worten von Dr. Martin Luther King, ‘wir sind alle auf verschiedenen Schiffen gekommen, aber wir sind jetzt im selben Boot.’
Gezeichnet
Tim”

Apple-Legende Steve Jobs wurde als Sohn des syrischen Politikstudenten Abdulfattah Jandali und der Amerikanerin deutscher und Schweizer Abstammung Joanne Carole Schieble in San Francisco geboren.

OSCAR-ACADEMYBESORGT

Die Oscar-Akademie teilte mit, sie sei wegen des Einreiseverbots «extrem besorgt»: Der iranische Regisseur Asghar Farhadi und die Schauspielerin Taraneh Alidoosti, die mit «The Salesman» für den besten ausländischen Film nominiert sind, haben ihre Teilnahme an der Gala bereits abgesagt. Alidoosti nannte das US-Dekret «diskriminierend, rassistisch und daher inakzeptabel».

Noch deutlicher wurde Popstar Rihanna. Sie bezeichnete Trump indirekt als «unmoralisches Schwein» und urteilte: «Amerika wird vor unseren Augen zugrunde gerichtet.»

DAS DEKRET

Trump hatte am Freitag als ein Kernstück seines Anti-Terror-Kampfes
einen 90-tägigen Einreisestopp für Menschen aus den mehrheitlich
muslimischen Ländern Syrien, dem Iran, dem Irak, dem Sudan, Somalia, Libyen und dem Jemen verfügt. Flüchtlinge aus aller Welt sind für 120 Tage ausgesperrt, die aus Syrien sogar auf unbestimmte Zeit. Das Dekret sorgte für Chaos an Flughäfen, Unsicherheit unter Muslimen und weltweite Kritik aus Politik, Sport, Kultur und Wirtschaft.

Paradox: Alle Angreifer des 11. September 2001 mit Ausnahme des Libanesen Siad Jarrah wären dadurch nicht gestoppt worden. Sie hatten saudische und ägyptische Pässe oder Papiere aus den Emiraten. Die Angreifer des Boston Marathon im April 2013 hatten russische Papiere. Die Angreifer auf die Sozialstation in San Bernardino vom 2. Dezember 2015 waren Pakistanis. So wie Khaled Mohammed, der Chefplaner des 11. September.

Bürgerrechtler hatten in der Nacht zum Sonntag einen Teilsieg vor
einem Bundesgericht errungen. Auf US-amerikanischen Flughäfen
gestoppte und festgehaltene Menschen dürfen vorerst nicht in ihre
Heimatländer zurückgeschickt werden. Der New Yorker Richterspruch
gilt landesweit. Er legt auch nahe, dass der Erlass zumindest in
Teilen gegen die US-Verfassung verstoßen könnte.

Sigrid Ulrich mit dpa, Reuters