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Zypern im Wartesaal der Geschichte: Ist Wiedervereinigung noch möglich?


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Zypern im Wartesaal der Geschichte: Ist Wiedervereinigung noch möglich?

Bekommt das EU-Mitglied Zypern doch noch eine Chance auf Wiedervereinigung? Seit 1974 ist die Mittelmeerinsel “geteilt”, zwar nicht offiziell, doch de facto: Zwischen einem international nicht anerkannten türkischsprachigen Norden (nur die Türkei unterhält Beziehungen) und einem griechischsprachigen Süden stehen immer noch Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen. Seit knapp zwei Jahren wird wieder verhandelt, EU und UNO leisten Vermittlerdienste. Doch bald könnte sich ein politisches und historisches Zeitfenster schließen, vielleicht für immer, sagt so mancher Diplomat im Zyperndauerneinsatz. – Euronews hat seinen Reporter Hans von der Brelie auf die Mittelmeerinsel geschickt, gerade rechtzeitig zur Orangenernte…

Orangen der Zwietracht

Orangenbäume soweit das Auge reicht. Wem gehören sie? Die einfache Frage ist schwierig zu beantworten, denn wir sind auf Zypern, in der Nähe von Morphou, im Norden der geteilten Insel. Heute leben hier fast nur noch türkischsprachige Zyprer. Im Norden dominiert seit über vier Jahrzehnten das Türkische. Im Süden Zyperns wird ganz überwiegend Griechisch gesprochen. Vor 1974 war das noch anders, es ging “gemischter” zu. Die Volksgruppen lebten zwar nicht immer friedlich miteinander – bereits in den 60er-Jahren und auch davor kam es zu blutigen Gewaltausbrüchen – aber die Siedlungsgebiete der jeweiligen Volksgruppen waren doch mehr oder minder über die ganze Insel verteilt. Nach der türkischen Invasion 1974 und dem Vormarsch der Soldaten auf Morphou bekamen es die in großer Mehrzahl griechischsprachigen Bewohner mit der Angst zu tun, eine ganze Stadt floh Hals über Kopf Richtung Süden.

Zank um Zitrusfrüchte

Womit wir wieder bei der Frage sind: Wem gehören die Obstplantagen? Viele der damals geflohenen griechischsprachigen Zyprioten haben immer noch vergilbte Eigentumstitel griffbereit in ihren Schubladen liegen. Andererseits werden die Orangenhaine, Mandarinenpflanzungen und Zitronenbaumfelder auch heute bewirtschaftet – oft von türkischsprachigen Zyprioten, die ihrerseits geflohen waren, 1974, nur eben in die andere Richtung, von Süden nach Norden, nach Morphou.

Mein Kameramann Ivan hat eine Flugdrone mitgebracht, die wir aufsteigen lassen: aus der Luft sind die langen Reihen der Orangen- und Mandarinenbäume und -büsche noch beeindruckender. Uns wird klar: hier geht es um Geld, um immense Entschädigungsforderungen – und mittlerweile oft auch um Erbansprüche… Wer ist der rechtmäßiger Eigentümer, wenn seit der Flucht oder Vertreibung Jahrzehnte vergangen sind? Welches Gremium entscheidet über Rückgabe und/oder Entschädigungsforderungen? Nach welchen Kriterien soll entschieden werden? Der Teufel liegt im Detail, und auch diese Details sind es, die die Verhandlungen so mühsam, so zäh, so langwierig gestalten.

Bittere Orangen

Die Orangenhainarbeiter im nicht anerkannten Norden können ihre Früchte nicht direkt in den Süden exportieren, nur Kartoffeln dürfen im lokalen Kleinhandel über die blauhelmbeschützte Grüne Linie, die Zypern durchschneidet. Ein Direkthandel mit der Europäischen Union ist für Bauern im Norden kaum möglich. Es sei denn, sie nehmen den Umweg über die Türkei in Kauf, engagieren Zwischenhändler, Saftpressenbetreiber und Verpackungskünstler. Das schmälert die Gewinnmargen ganz erheblich. Hinzu kommt das Grundwasserproblem: Zypern ist trocken. Die Grundwasserschichten versalzen zunehmend, Meerwasser drängt nach. Den Orangenbäumen tut das nicht gut, viele Orangen sind bitter.

Jetzt hat die Türkei eine Süßwasserpipeline vom Kontinent bis nach Zypern verlegt. Mehrere Siedlungen auf dem türkischen Festland wurden geflutet, ein Staudamm wurde errichtet, eine an Bojen hängende Unterwasser-Wasserpipeline quer durch die Meerenge nach Zypern verlegt. Dort – im Norden – legten die Ingenieure einen zweiten Stausee an, der sammelt das aus der Türkei herübergepumpte Süßwasser. Eine Hälfte soll als Trinkwasser, die andere Hälfte an Landwirte verkauft werden. Wollte die Türkei mit diesem Wasser-Pipelineprojekt Zypern fester an sich binden oder Mitspracherechte betonen? Oder sollte man die beeindruckende ingenieurtechnische Leistung doch eher positiv interpretieren, als Entwicklungshilfe und Garantie für eine landwirtschaftliche Zukunft auf der immer trockener werdenden Insel?

Noch ist alles möglich

Gibt es noch eine Chance auf Wiedervereinigung? Experten – beispielsweise von der Berliner Denkfabrik SWP – zeichnen ein scharf kontrastierendes Bild: Einerseits scheint eine Lösung des uralten Konflikts zum Greifen nahe und es gibt offenbar echte Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten. Andererseits existieren derart viele diplomatische Fallstricke, dass ein erneutes Scheitern niemanden mehr wundern würde. Ein Treffen der Garantiemächte Großbritannien, Griechenland und Türkei Anfang 2017 endete denn auch erneut ergebnislos. Zwar gehen die Verhandlungen auf Expertenebene weiter und es wurde mittlerweile auch ein neues Treffen auf Ebene der Garantiemächte anberaumt, im März (2017) soll es stattfinden. Doch die Stimmungslage aller Beteiligten schwankt – und zwar extrem. Eine plötzliche Totalblockade des einen oder anderen Verhandlungspartners scheint ebensowenig ausgeschlossen wie eine Überraschungslösung mit Händedruck und Unterschriften unter einen Vertrag, der Zypern friedlich neu ordnet.

Der türkischsprachige Orangenhainbesitzer hier bei Morphou hat mit den Verhandlungsrückschlägen des Garantiemächtetreffens im Januar (2017) offenbar kein Problem, Ramadan Kandulu wirkt recht zufrieden. Ich frage ihn nach seiner Meinung und nach dem Grund seiner guten Laune: “1974 wurde Zypern in zwei Teile geteilt. Was soll nun damit geschehen, Herr Kandulu?”

Ramadan Kandulu besieht sich die zerteilte Orange in seinen Händen, überlegt eine Sekunde, antwortet dann metaphorisch: “Ich denke, es ist unmöglich, die zwei Teile wieder zusammenzufügen. Außerdem bin ich der Auffassung, dass Zypern auf der einen Seite eine Orange, und auf der anderen Seite ein Apfel ist: Apfel und Orange – das passt einfach nicht zusammen.”

Die Kämpfe waren brutal, 1974. Zehntausende Menschen verloren damals ihr Zuhause. Selbst die genaue Zahl der Geflüchteten und Vertriebenen ist zwischen Nord und Süd umstritten: Waren es 200.000 oder 300.000 oder mehr? Wie lange dauert die Narbenbildung der Geschichte? Tote gab es auf beiden Seiten. Die Listen der Massaker, Schusswechsel, Vertreibungen sind lang. Türkischsprachige und griechischsprachige Zyprer erlitten viel, seit dem Ende des britischen Kolonialregimes.

Zankapfel: Wem gehört was?

Auch die Kandulu-Familie wurde vertrieben. Aus ihrem Heimatdorf in der Gegend um Limassol flüchteten die Kandulus nach Nicosia, dann weiter nach Morphou. In einem Vorort der kleinen Stadt hat sich die Familie Kandulu häuslich eingerichtet, eine Bleibe gefunden, ein zweites Zuhause. Vor 1974 lebte hier, in diesen Wänden, eine griechischsprachige Familie. Das leerstehende Haus wurde den Kandulus nach dem Zufallsprinzip zugeteilt. Und sie wollen hier bleiben.

“Dieses Haus gehört nun mir”, sagt Ramadan Kandulu im Interview. “Ich habe eine Bescheinigung, dass es mir gehört. Doch die andere Seite (also die griechischsprachigen Zyprer) sagt mir, dass dieses Dokument international nicht anerkannt ist. Das ist mir egal, ob das international gültig ist oder nicht. Ich lebe hier. Ich lebe seit 43 Jahren in diesem Haus. 43 Jahre: das ist ein ganzes Leben.”

Ramadan Kandulu ist ein rüstiger Rentner, ein ehemaliger Banker, jemand, der sich auskennt mit Export/Import, der Zahlen liebt. An den Orangenhain kam er eher durch einen familiären Zufall, er übernahm ihn von einem Verwandten und kümmert sich auf seine alten Tage nun um Versuchspflanzungen mit neuen Sorten, vergleicht Erträge und Geschmack des einen mit dem anderen Mandarinenbaum, hat für manche Obstsorten sogar etwas Unterstützung durch ein EU-Projekt bekommen.

Der polyglotte Weltmann Kandulu hat viel gesehen in seinem Leben, nicht nur Zypern. Er studierte in der Türkei, legte einen Aufenthalt in Deutschland ein, in Berlin, zur Zeit der Studentenunruhen war das. In sein Englisch streut er gelegentlich deutsche Ausdrücke.

Herr Kandulu will Zweistaatenlösung

Ramadan Kandulu schlägt eine Zweistaatenlösung vor. Wohlgemerkt, keinen Föderalstaat – sondern eine vollwertige, wechselseitige Anerkennung zweier souveräner, getrennter Staaten. Und das auf dem kleinen Zypern, deren Bevölkerung irgendwo zwischen einer und zwei Millionen Menschen liegt, eher bei einer als bei zwei Millionen. An der Esszimmerwand der Kandulus hängt ein Porträt Mustafa Kemal Atatürks. Der bartlose Staatsgründer der modernen Türkei lächelt. Ramadan Kandulus Sohn Ali betritt den Raum.

2004 stimmte der türkischsprachige Norden noch mehrheitlich für den UN-Wiedervereinigungsplan von Kofi Annan, der griechischsprachige Süden dagegen: eine historische Chance war damit vertan. Heute scheint sich die Tendenz umzukehren. Auch Kandulus Sohn Ali – ein vollbärtiger Vierziger der mit Granita-Geschmacksstoffen handelt – besteht auf zwei souveränen, getrennten Staaten.

Türkische Soldaten: Ja bitte

“Wir sind die Türken”, meint Ali Kandulu. Er wählt seine Worte sorgsam und bedacht. “Auf der anderen Seite leben die Griechen: Die Religion ist unterschiedlich, die Sprache ist unterschiedlich, alles ist unterschiedlich. – Ich würde Ihnen gerne eine Frage stellen: Haben Sie nach 1974 von irgendwelchen Problemen hier gehört? Dass die Leute sich hier umgebracht haben? So wie in Syrien oder anderen Ländern? Nein. Und der wichtigste Grund hierfür ist Folgendes: die Anwesenheit der türkischen Armee.”

Türkische Soldaten: Nein danke

Michael Georgiades hingegen – ein griechischsprachiger Zyprer – nennt die Präsenz der etwa 30 000 bis 40 000 türkischen Soldaten “inakzeptabel”. Das ist auch die Position der offiziellen zyprischen Regierung, die auch das System der Garantiemächte ablehnt: Seit 1959 garantieren Großbritannien, Griechenland und die Türkei die Existenz der Republik Zypern – woraus sich gewisse Sonder- und Interventionsrechte im militärischen Bereich ableiten. Während der Verhandlungen um die Jahreswende 2016/2017 zeigte sich erneut: Griechenland besteht darauf, dass nur die EU und/oder die NATO die Sicherheit des EU-Mitglieds Zypern garantieren sollten – keine Drittmacht (gemeint ist die Türkei) von außerhalb der Europäischen Union. Der türkische Präsident Erdogan reagierte sofort und eindeutig: ein Abzug der türkischen Soldaten käme nicht in Frage und die Militärpräsenz der Türkei im zyprischen Norden sei dauerhaft. Ist damit das Tuch auf dem Verhandlungstisch endgültig durchschnitten? Wurde damit die diplomatische Türe undiplomatisch zugeknallt? Kenner der Szene verweisen nun darauf, dass Erdogan zwar betont habe, dass türkische Soldaten für immer und ewig auf der Insel stationiert bleiben sollten, andererseits aber kein Wort über die genaue Zahl der dort stationierten Soldaten verlor. Hier gibt es offenbar nach wie vor einen Verhandlungsspielraum. Warum nicht eine Lösung andenken, “mit zwei Nullen weniger”, also mit nur 300 oder 400 Soldaten, anstelle der jetzt 30 000?

Michaels Familie floh aus Morphou, als er 18 war. Sein Vater besaß hier eine Orangenplantage – und Michael will sein Eigentum zurück, damit er es seinerseits seinen Kindern vermachen kann. Eine Rückgabe der bei der Invasion überrollten, vormals griechisch besiedelten Gebiete um Morphou verlangen auch die griechischsprachigen Diplomaten, doch die Unterhändler aus dem Norden zögern, insbesondere gibt es Vorbehalte, die Stadt Morphou selbst zurückzugeben.

Neuer Herr im Gotteshaus

Michael Georgiades zeigt uns in Morphou die Orte seiner Kindheit: “Hier an diesem kleinen Platz lag früher eine Kirche (…). Ich kann mich noch an viele Ereignisse erinnern, an Ostern beispielsweise: Hier brannte am Osterwochenende immer das große Feuer. Ich erinnere mich noch genau an die vielen Menschen hier, die gemeinsam Ostern feierten. – Heue ist die Kirche eine Moschee. Das macht mich traurig und ich bin sehr wütend.”

Megaphon im Glockenturm

Wir gehen durch das grüne Eisengittertor direkt vor die ehemalige Kirche, im Glockenstuhl hängt nun anstelle der Glocken ein Megaphon. Die Fassade der alten Sandsteinkirche aus dem neunzehnten Jahrhundert hat farbliche Auffrischung erhalten, überall ist viel Rot und Weiß zu sehen, grosse türkische und türkisch-zyprische Fahnen signalisieren, wer hier Herr im Gotteshaus ist.

“Ich erinnere mich an 2003 (als die Checkpoints geöffnet wurden), ich kam hierher und ging hinein, die Tür war offen..” – Michael Georgiades und ich drücken uns die Nasen am Glasfenster der heute versperrten Türe platt, um einen Blick in das Innere der “Kirchenmoschee” zu erhaschen. “Sie sehen”, sagt Michael, “der Kronleuchter hängt noch, aber die Ikonen sind weg, auch die Kirchenstühle fehlen.” – Michael zeigt nach oben: “Ich bin hochgegangen in den ersten Stock, dort habe ich die Kirchenglocken gefunden, die lagen da einfach so herum, auch das zerstörte Kirchenmobiliar lag dort…”

Michaels Morphou

Wir schlendern weiter, durch eine Seitengasse gelangen wir zu Michaels verlorenem Zuhause. “Mit den türkischsprachigen Zyprern, die dort jetzt leben, verstehe ich mich gut, wir sind Freunde”, betont Michael und klopf an die Türe. Es ist nicht das erste Mal, dass er hier vorbeikommt, schon oft hat er hier Einlass gefunden, seit 2003, Tee getrunken, mit Hilfe eines des Englisch kundigen Nachbarn geplaudert und diskutiert. Heute ist die Familie nicht da, ein Gesundheitsproblem, alle sind in die Hauptstadt gefahren, zu einem Krankenhaustermin.

Wir setzten uns auf die Stufen vor der Haustüre, die Sonne scheint. Michael beginnt zu erzählen, Satz für Satz taucht er ein in das Morphou seiner Kindheit, seiner Jugendjahre: “Ich erinnere mich noch, wie ich diese Türe hinter mir geschlossen habe, als ich meinen ersten Schultag hatte, ich fühlte mich auf einmal groß, fast erwachsen”. Michael muss lächeln. “Später dann meine ersten Flirts mit Mädchen. Oder im Winter: mein Vater hatte das Auto immer hier, direkt vor der Haustüre geparkt, während der kalten Jahreszeit war das der wärmste Platz, wenn mir im Haus zu kalt war, habe ich mich im Auto aufgewärmt.”

Kindheitserinnerungen sind Michael wichtig. Aber er versteht auch, dass seine eigenen Kinder nicht hier in Morphou aufwuchsen – sondern im griechischsprachigen Süden der Insel, einige leben mittlerweile auf einer ganz anderen Insel, auf Großbritannien. Er räumt ein, dass es vielleicht nicht mehr viel Sinn macht, tatsächlich mit seiner gesamten Familie hierherzuziehen, er hat sich in Nicosia nach 1974 ein eigenes Leben aufgebaut, dort Karriere gemacht, Geld verdient, Geschäftsbeziehungen geknüpft, Freundschaften geschlossen.

Michaels Zukunftsvision: Filmstadt Morphou

Andererseits denkt Michael aber auch nach vorne, sieht den Entwicklungsrückstand im relativ armen Norden, will etwas in Bewegung setzen: “Warum nicht Morphou in eine Art Hollywood verwandeln”, schmunzelt er. Beruflich hat sich Michael einen Namen in Zyperns Filmbranche gemacht – und er denkt in großen Dimensionen, wagt zu träumen: von kleinen und großen Produktionen (“Malta hat das ja auch geschafft.”), internationalen Filmstars in den Strassen Morphous: “Unser Wettbewerbsvorteil: Wir haben immer schönes Wetter”, lacht der weißmähnige Mann voller Energie. Und kommt wieder zurück auf die Orangenhaine seines Vaters: Mit dem Grundstück, dem ausgedehnten Grund und Boden ließe sich doch etwa anstellen, seine Söhne könnten hier doch eine Geschäftsidee verwirklichen, Kapital auf die Insel, in die Heimatregion der Eltern- und Großelterngeneration bringen, etwas aufbauen, Arbeitsplätze schaffen, eine Dynamik in Gang setzen, Morphou und die ganze Gegend, den ganzen Norden, die ganze Insel wiedeer aufblühen lassen…

Ein paar Nachbarn kommen vorbei. Zwischen dem griechischsprachigen Michael und den türkischsprachigen Anwohnern von nebenan sind keinerlei Spannungen zu spüren, der Handschlag ist spontan und ehrlich, das Lächeln auf allen Gesichtern auch, die (englisch ausgesprochene) Einladung doch auf einen Sprung hereinzukommen ebenfalls. Man mag es kaum glauben, dass hier, auf dieser Insel der freundlichen Menschen, vor vier Jahrzehnten gekämpft und getötet wurde. Die Menschen hier können miteinander. Sie wissen um vergangenes Leid – und wollen nicht, dass es sich wiederholt.

Gestrandet in Limassol

Im Süden der Insel, in Limassol, treffen wir an einem anderen Tag die griechischsprachige Elena Georgiou. Auch sie floh als Kind aus Morphou. Zusammen mit ihrer Mutter lebt sie in einem Haus, in dem vor 1974 türkischsprachige Zyprer wohnten.

“Das Foto hier habe ich auf meine Facebook-Seite gestellt: Morphou, das ist meine Stadt. Ich will mein Haus zurück. Ich will meine Stadt zurück. – Ah, und hier ist ein Foto von mir, als ich noch ein kleines Mädchen war, auf meiner Veranda in Morphou… ich habe noch den Geruch der Orangen in Erinnerung – ich wuchs auf mit diesem Duft.”

“Föderation wäre eine perfekte Lösung”

Von ihrem Balkon aus hat Elena Georgiou einen guten Blick auf die Moschee von Limassol – die übrigens auch heute noch als Moschee arbeitet. Sollte es doch noch zu einer Wiedervereinigung Zypern kommen, kann sich die griechischsprachige Elena durchaus einen türkischsprachigen Präsidenten vorstellen. Eine zwischen den Volksgruppen rotierende Präsidentschaft? Warum nicht, meint Elena Georgiou: “Einer künftigen Bundesregierung werden – was wir gehört haben – sowohl griechisch- wie auch türkischsprachige Zyprer angehören. Wir sind alle Zyprer. Für mich ist es nicht weiter wichtig, ob der künftige Bundespräsident Zyperns Yannis oder Nikos, Mustafa oder Ahmed heisst.”

“Ist eine Föderation eine gute Lösung für Sie?”, frage ich. Elena Georgious Antwort ist eindeutig: “Ja, eine Föderation wäre eine perfekte Lösung”. Aber auch sie sagt, wie Michael, dass sie den Anblick türkischer Soldaten nicht ertragen könne, hier müsse eine Null-Lösung ausgehandelt werden: Sämtliche von der Türkei im Norden stationierten Soldaten sollten aus Zypern abgezogen werden und in die Türkei zurückkehren. Eine Forderung, die mit Erdogan an der Spitze der Türkei nicht zu realisieren ist.

Als Heimwehtouristen in den Norden

Am kommenden Tag treffen wir Elena und ihre Mutter erneut, diesmal in Morphou, im Norden. Als Heimat- und Heimwehtouristen können sie ihr altes Haus wiedersehen. Auch Elena und ihre Mutter pflegen mit den türkischsprachigen Nachbarn in Morphou ein gutes, entspanntes, fast herzliches Verhältnis. Man teilt gelegentlich über Sprachgrenzen hinweg einen zyprischen Kaffee. Heute bekommen die beiden Besucherinnen aus dem Süden eine Orange aus dem Norden in die Hand gedrückt. Elena und ihre Mutter schlendern hinüber zu ihrem früheren Zuhause, der Putz blättert von den Wänden, an der Türe hängt ein Vorhängeschloss. “Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dieses Schloss eines Tages nicht mehr an dieser Türe sehen zu müssen”, sagt Elena. Sie will “zurück in das Haus meiner Kindheit” – auch wenn dies mittlerweile recht heruntergekommen aussieht.

Waren 2004 die türkischsprachigen Zyprer offenbar noch bereit, in einem künftigen Föderalstaat Morphou wieder in griechische Verwaltung zu entlassen, so ist dies mittlerweile nicht mehr der Fall, auch wenn es schwierig ist, den Verhandlungsparteien in die Karten zu blicken. Beim Austausch der Territorialgrenzvorschläge war Morphou offenbar nicht mehr Teil des türkischsprachigen Rückgabevorschlages.

Grenzenlose Liebe und ein bisschen Hoffnung

Wir fahren nach Kiti, einem Dorf im griechischsprachigen Süden. Kiti liegt unweit des internationalen Flughafens Larnaka, doch mit seiner uralten griechisch-orthodoxen Kirche wirkt es wie aus der Zeit gefallen. Hier leben Hatice Ardost und Larkos Larkou, ein gemischtes Musikerpaar: Hatice spricht Türkisch als Muttersprache, Larkos Griechisch, untereinander kommunizieren sie meist auf Englisch. Gemischte Paare sind nicht häufig auf Zypern, doch seit der Öffnung der Checkpoints 2003 mehren sich die Begegnungen, und wo man sich trifft, kann man sich eben auch verlieben. Tendenz steigend – und das ist ein richtig gutes Zeichen. Menschen sind Menschen, eine banale Erkenntnis, die auch auf Zypern wieder zunehmend ihr Recht einfordert.

Larkos bittet mich in die gute Stube, an den Wänden hängen unzählige Saiteninstrumente, neue wie auch historische Gitarren und zyprische Lauten, seine Musikinstrumentesammlung ist beeindruckend. Die traditionelle Musik auf Zypern ähnelt der griechischen und türkischen Musik und umfasst Tänze wie Sousta, Syrtos, Seibekiko, Tatsia, und die Karsilama Suiten.

Musik und Liebe überwindet Grenzen – und mit ihrem Ensemble “Kyprogenia” singen die beiden in mehreren Sprachen. Problemlos wechselt Hatice vom Türkischen in das Griechische und wieder zurück.

Tausend Menschen singen mit beim Versöhnungskonzert

In Famagusta – der historischen Hafenstadt im Norden der geteilten Insel – traten die beiden im Sommer 2015 auf, ganz zu Beginn der jüngsten Verhandlungsrunde war das. Ein historisches Konzert – der offizielle zyprische Präsident und der oberste Vertreter des international nicht anerkannten zyprischen Nordens saßen Seite an Seite. Hatice lacht, wenn sie zurückdenkt an dieses Konzert, “tausend Leute waren dort und irgendwann haben die alle mitgesungen, unglaublich.” Sie glaubt: Die Zeit sei reif für eine Aussöhnung.

Versöhnung scheint möglich, die Unterhändler sind in einigen Bereichen kompromissbereit, auch wenn es nach wie Unstimmigkeiten gibt. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich eingeklinkt, die EU hat angedeutet, mehr als drei Milliarden Euro bereitzustellen, um ein Friedenspaket auch finanziell solide zu schnüren (so die englischsprachige Zeitung Cyprus Mail) und die deutsche Bundeskanzlerin Merkel hat sich beim türkischen Präsidenten Erdogan für eine Beschleunigung der Verhandlungen eingesetzt.

Friedensbaby Arion

Hatices und Larkos Baby heißt Arion, benannt nach dem altgriechischen Leierspieler. Wird Arion eines Tages in einem wiedervereinten Zypern erwachen? Nachdem Hatice und Larkos den kleinen Arion zu Bett gebracht haben, setzten wir uns im Tonstudio zum Interview zusammen.

Hatice Ardost: “Wir sind zyprische Zyprer, meine ganze Familie: Wir sind Zyprer. Wir haben dieselben Ursprünge.”

Wir teilen dieselbe Kultur

Ihr Mann Larkos stimmt dem zu: “Wir teilen dieselbe Kultur, wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen: türkisch- und griechisch-zyprische Ausprägungen: Das Essen, das wir essen, die Kleider, die wir nähen, die Lieder, die wir singen; die Musik, die wir spielen…”

Hatice Ardost: “Über eine Sache kann ich mich wirklich aufregen: Wenn die Leute von sich sagen, sie seien Türken oder Griechen… Als mein Vater starb, sagte er: ich bin Zyprer. Und genau das sind wir.”

“Was geschah, sollten wir vergeben”, meint Larkos Larkou, “nicht vergessen.” Der Musiker will nach vorne sehen, in die Zukunft: “Wir leben nun in einer neuen Zeit und wir sollten diese Zeit gemeinsam gestalten.”

Bald ist wieder Wahlkampf: Droht dann der Verhandlungskollaps?

Je näher die Präsidentschaftswahlen in der Republik Zypern im Frühjahr 2018 rücken, also im griechischsprachigen Süden, desto schwieriger wird die Zusammenarbeit der zwei größten Parteien, der konservativen DISY und der linken AKEL. Es könnte sein, dass parteipolitische Interessenkonflikte im Wahlkampf erneut aufbrechen – und damit einen Erfolg in der Wiedervereinigungsfrage unmöglich machen. Denn der als moderat geltende Präsident braucht die volle Unterstützung daheim, parteiübergreifend, wenn er einen Kompromiss mit dem Norden eingehen will. Fällt ihm eine der Parteien in den Rücken, schrumpfen auch die Erfolgsaussichten auf eine Wiedervereinigung.

Letztes Wort hat das Volk

Sollten die beiden Spitzenpolitiker aus dem türkischsprachigen Norden und dem griechischsprachigen Süden – die persönlich offenbar gut miteinander können – doch noch eine Lösung finden, die auch von Ankara “genehmigt” wird, dann werden zwei Volksbefragungen organisiert, im Süden und im Norden der Insel. Denn bei einer so grundlegenden Frage wie der staatlichen Zukunft und Verfassung Zypern wird das allerletzte Wort nur eine Instanz haben: das zyprische Volk.

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