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Ein Buch für alle (Bio-)Deutschen: "Unter Weißen" von Mohamed Amjahid (28)


Deutschland

Ein Buch für alle (Bio-)Deutschen: "Unter Weißen" von Mohamed Amjahid (28)

Wie es sich anfühlt, in Deutschland zu leben, aber ein bisschen anders als blond und blauäugig auszusehen, das beschreibt der ZEITmagazin-Journalist Mohamed Amjahid – geboren 1988 – in seinem Buch Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein. Mohamed Amjahid ist in Frankfurt am Main geboren, aber dann mit seinen Eltern nach Marokko gezogen, wo er Abitur gemacht hat. Zum Studieren kam er nach Deutschland zurück. Bis heute hat Amjahid allerdings keinen deutschen Pass, der ihm seine Recherchereisen ins Ausland deutlich erleichtern würde.




Dass eine Frau im Dirndl den Reporter am Hauptbahnhof in München 2015 für einen Flüchtling aus Syrien hält – und ihm um jeden Preis ein Stück Seife schenken will, ist eine der vielen unglaublichen Szenen, die Mohamed Amjahid im Buch beschreibt. In seinen Geschichten vom alltäglichen Rassismus in Deutschland hält er uns Biodeutschen den Spiegel vors Gesicht.

Viel Aufmerksamkeit erregt hatte Mohamed Amjahid vor der Fußball-EM 2016 mit der Twitter-Aktion cutesolidarity.




Im Gespräch mit euronews erklärt Mohamed Amjahid, warum er “Unter Weißen” geschrieben hat.

Mohamed Amjahid:
“Eigentlich wollte ich seit meinem Studium schon irgendwie die Perspektive wechseln: als studierter Anthropologe habe ich immer Texte gelesen, von Weißen über Nichtweiße. Das ist ja unfair. Was ich im Buch getan habe ist, mit Feldforschungsmethoden auf die europäischen und vor allem die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu blicken. Als Magazin-Journalist habe ich das mit persönlichen Perspektiven und Anekdoten verknüpft, um an sich komplexe theoretische Gedanken zu erzählen. Als vor etwas mehr als einem Jahr die Anfrage kam, ob ich ein Buch schreiben möchte, zögerte ich kurz. Dann war mir aber klar: Ich kann einen Beitrag leisten für die Diskussion rund um ein friedliches Miteinander in Europa.”

euronews:
Was glauben Sie: wie lange wird es dauern, bis es keinen Rassismus mehr gibt? 10 Jahre? 15 Jahre?

Mohamed Amjahid:
Ich glaube es wird drei Jahre dauern. Spaß bei Seite. Ich kann das natürlich nicht quantifizieren. Ich würde mir wünschen, dass in 15 Jahren alles vorbei ist. Aber Rassismus ist ein strukturelles Problem, dass seit Jahrhunderten systematisch in unsere Gesellschaften, Familiengeschichten, Köpfe und Seelen gehämmert wurde. Diese koloniale Farbenlehre (je heller die Haut, desto besser) macht uns heute allen zu schaffen. Schauen Sie nach Frankreich: dort hat die aufgeheizte Stimmung laut meinen Beobachtungen natürlich auch etwas mit der unaufgearbeiteten Kolonialgeschichte zu tun. Wir können nicht die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen, wir können aber über die Gewalt von damals und von heute gegen Minderheiten reden und somit den Effekt von Rassismus und die polarisierende Wirkung von Privilegien für die einen und Diskriminierungen gegen die anderen abmildern.

euronews:
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Frankreich rassistischer ist als Deutschland. Dieser These möchten wir widersprechen. In Frankreich ist “black” doch eigentlich cool.

Mohamed Amjahid:
Natürlich ist es im Buch überspitzt formuliert, wenn ich „nach dem weißesten Land Europas suche“. Es gibt da kein schlimm und schlimmer. Jede Lage in jeder Gesellschaft muss im jeweiligen Kontext betrachtet werden. Dennoch möchte ich Ihnen, ohne relativ auf Deutschland schauen zu müssen, widersprechen. Dass in Frankreich vieles besser ist, sehe ich nicht so. Einerseits gibt es die Bobos de Paris, die verstanden haben, dass es mit dem traditionellen französischen Rassismus nicht weitergehen kann. Das gehört auch zur Wahrheit. Und Frankreich erkennt auf dem Papier weiterhin jeden auf französischem Boden geborenen Menschen als Franzosen an – und macht dann aber immer doch einen Unterschied, wenn es um die Herkunft geht. Da liegt noch etwas aus dem 19. Jahrhundert in der französischen Luft, ein ganz krasses, eingebildetes Machtgefälle.
„Beurette“ ist der meistgesuchte Begriff im pornographischen, französischsprachigen Web zum Beispiel. Das kommt nicht von nirgendwo, es gibt weiterhin diese Fantasie, dass der arabische, der schwarze, der nichtweiße Mensch minderwertiger ist. Vorurteile die man nicht von heute auf morgen abschalten kann, aber die viele (und das ist das Hauptproblem) nicht abschalten wollen. Immer wenn ich im Pariser Zentrum bin, die Entscheider dort merken, aha, da ist ein Mohamed, ändert sich automatisch der Ton: sie erklären mir paternalistisch die Welt und das Wort Laïcité fällt plötzlich häufiger. Sie kramen Voltaire aus der Kiste und wollen mich erleuchten, obwohl ich oft noch nicht mal die Gelegenheit dazu habe, mich vorzustellen. Die Identité in Frankreich hängt sehr an der Liebe zu Frankreich (was ja meinetwegen absolut legitim ist), in einem zweiten Schritt können aber nur bestimmte Menschen Frankreich so lieben, dass sie auch echte Franzosen sind. Zu Franzosentum gehört (quasi religiös) der gute Wein, die Foie Gras, die Leichtigkeit des Cinema Français, der radikale Atheismus oder wenn es sein muss der Katholizismus. Alle Anderen, die von dieser Norm abweichen, haben es schwer. Eine sehr sehr kleine Gruppe von diesen Anderen schließen sich dann leider radikalen Ansichten an. Ich will nicht sagen, dass es Monokausal ist, aber die politische Stimmung und Kultur der französischen Mehrheitsbevölkerung hat meiner Ansicht nach auch etwas mit dem heutigen Sicherheitsproblem durch radikalisierte Minderheiten zu tun.
Ich stand mal neben Marine Le Pen in einem Radiostudio und habe versucht, mit ihr vernünftig zu sprechen. Sie war mindestens zwei Köpfe größer als ich und schaute auf mich herab, sie schrie mich nieder, laute Stimme und dumpfe Parolen. Das Problem dabei: viele Franzosen, die diese Szene im Publikum miterlebt haben, fanden es normal, fanden sie sei Teil eines „normalen Diskurses“. Ich weiß nicht, was an Rassismus und rechtem Gedankengut normal sein kann und wie man in bestimmten Regionen Frankreichs in Scharen für den FN seine Stimme abgeben kann. In der Banlieue fragen sich das auch viele nichtweiße Franzosen.

euronews:
Sie schlagen den Ausdruck “People of Colour” für Nichtweiße vor. Unserer Meinung nach ist das keine ideale Lösung – zum Beispiel in journalistischen Texten oder für die TV-Nachrichten.

Mohamed Amjahid:
Begriffe sind nie in Stein gemeißelt. Ich bestehe aber immer darauf, dass ich in meiner Arbeit Begriffe benutze, die für den Menschen, den ich beschreiben möchte und muss, respektvoll sind. „People of Colour“ muss niemand übernehmen, das ist ein Angebot. So nennen sich halt viele nichtweiße Menschen heutzutage. Ich halte nichts von Verboten oder Geboten, aber wir können ja darüber reden, wie Sie und wie ich genannt werden wollen. Bei der politischen Korrektheit geht es im Kern eigentlich um Respekt. Es ist simpel, es ist gut für das Klima, und wir können dann besser über die anderen wichtigen Dinge im Leben sprechen – wenn wir auf Augenhöhe sprechen.

Der politische Reporter hat einen Blog und twittert unter @mamjahid.