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Zuflucht in neuem Elend: Myanmars Rohingya in Bangladesch


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Zuflucht in neuem Elend: Myanmars Rohingya in Bangladesch

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Auch der Machtwechsel in Myanmar, dem einstigen Birma, änderte nichts daran, dass gegen die muslimische Minderheit im Land, die Rohingya, Gräueltaten verübt werden, zigtausende in die Nachbarländer fliehen und dort unter elendsten Bedingungen leben. Morde, Vergewaltigungen, Zerstörung von Dörfern: Vertreter der Vereinten Nationen sprechen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und untersuchen, ob es sich um “ethnische Säuberung” handelt. Aid Zone besuchte zwei improvisierte Behelfslager in Bangladesch.

Rund 500.000 Rohingya sind inzwischen laut Statistik der Internationalen Organisation für Migration (IOM, März 2017) nach Bangladesch geflohen. Allein 74.000 kamen seit Oktober vergangenen Jahres – nach einer Vergeltungsaktion des Militärs gegen sie wegen tödlicher Angriffe auf Grenzposten, die ihnen zur Last gelegt werden.

Kutupalong ist das größte Flüchtlingslager im Südosten Bangladeschs. Neben dem offiziellen Lager ist ein weiteres improvisiertes entstanden. Allein in diesem hausen unter schlimmsten Bedingungen mehr als 66.000 Menschen, sogenannte “undokumentierte Bürger aus Myanmar” – die große Mehrheit der Rohingya, denen Bangladesch den Flüchtlingsstatus verwehrt.



Zannat kam vor drei Monaten hierher. Fünfzehn Jahre alt, verheiratet mit dreizehn, und von burmesischen Soldaten vergewaltigt, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war, erzählt sie: “Die Soldaten kamen zu uns nach Haus und ergriffen meinen Mann. Am Abend kamen sie wieder und holten mich. Sie brachten mich in den Wald und fünf, sechs, sieben Soldaten vergewaltigten mich.” Die Tränen kann sie nicht mehr zurückhalten. “Ich bin erschüttert, dass viele Menschen von den Soldaten getötet wurden. Ich bin erschüttert, dass Muslime vor unseren Augen gefoltert und umgebracht wurden. Viele!”

Ihre Geschichte ähnelt vielen anderen. Bangladesch wünscht, dass die Rohingya nur vorübergehend im Land bleiben. Doch viele von ihnen leben hier seit Jahrzehnten. Die ersten kamen Ende der siebziger Jahre, eine große Welle dann Anfang der neunziger.


Rohingya crisis in Bangladesh

Ernährungszentrum für die Kinder


Im vergangenen Jahr errichtete das Welternährungsprogramm mit Mitteln der EU hier ein Ernährungszentrum. Auch Zannat bringt ihr Kleinkind dorthin. “In diesem Zentrum betreuen wir rund 7.000 Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren, und rund 1.390 schwangere und stillende Frauen. Seit Oktober verzeichneten wir eine Zunahme von 40 Prozent bei den regelmäßigen täglichen Empfängerinnen”, bilanziert Mohammad Ashikulla vom Welternährungsprogramm.

Die Kinder werden hier einmal im Monat gewogen und gemessen. Ihre Mütter erhalten für sie vitaminangereicherte Zerealien. Auch an die anderen Bewohner des Behelfslagers werden Lebensmittel verteilt. Die offiziell registrierten Flüchtlinge im benachbarten offiziellen Lager bekommen Lebensmittel über elektronische Karten.

Lebensmittel sind nur ein Problem. Die medizinische Versorgung ist ein anderes. Eine Ausnahme fanden wir in Leda, unweit des Nafs, der die Grenze zwischen Bangladesch und Myanmar bildet. Die Internationale Organisation für Migration hat hier ebenfalls mit europäischen Mitteln im Oktober eine Klinik in der Nähe eines improvisierten Lagers eröffnet. Sie wurde schnell zur Hauptanlaufstelle mit mehr als 5.000 Patienten im Monat.



Hier arbeitet auch Mohiuddin Khan, Health Officer bei der IOM: “Wir können hier alle Arten von Notfällen behandeln, und wir können sie auch umgehend zum übergeordneten Krankenhaus überweisen. Wir haben eine Reha- und Präventionsstelle für Behinderungen, ein Labor – wir bieten sowohl die ganz grundlegenden Untersuchungen als auch ein umfassendes Spektrum an Labordiensten an. Hierher kommen die Patienten aus dem benachbarten Lager. Vorher mussten sie wenigstens 40 Kilometer weit fahren, um eine Laboruntersuchung zu bekommen.”

In der Klinik treffen wir Mohammed. Er brach sich im Dezember den Arm, auf der Flucht aus seinem Dorf in Myanmar, das von burmesischen Soldaten angegriffen wurde. In Bangladesch wurde er operiert, und wird nun nachbetreut.
Fünf seiner Familienmitglieder seien im Oktober getötet worden, berichtet er – seine Geschwister und zwei Töchter: “Viel ist vor meinen Augen passiert. Ich habe gesehen, wie Menschen verschleppt wurden. Ich habe Gruppenvergewaltigungen mitansehen müssen. Und Kinder, die getötet wurden, indem man sie ins Feuer schmiss. Mein Dorf wurde niedergebrannt. Wir wollen als Rohingya-Muslime anerkannt werden, wir wollen unsere Staatsbürgerschaft und Frieden in unseren Dörfern. Ich möchte nicht hier leben, ich möchte nach Hause.”


Politischer Wille in Myanmar wäre für Lösung nötig


Myanmar verweigert den Rohingya die Staatsbürgerschaft. Wir fragten Pierre Prakash von der Humanitären Hilfe der EU, ob die jüngste Gewaltwelle Bangladeschs Beherbergungspraxis verändert habe. “Obwohl es eines der ärmsten Länder der Welt und in der Region ist, und trotz seiner vielen eigenen Probleme lässt Bangladesch diese Menschen auf seinem Boden leben. Doch es hat nicht die Mittel und Ressourcen, um mit dieser humanitären Lage fertigzuwerden. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die internationale Gemeinschaft präsent ist. Die Menschen hier hängen zu hundert Prozent von humanitärer Hilfe ab.”

Was jetzt getan werden müsse? “Natürlich ist humanitäre Hilfe keine langfristige Lösung. Und diese Krise bedarf einer langfristigen Lösung. Aber diese Lösung kann nur von politischem Willen kommen, vor allem von der anderen Seite der Grenze, von Myanmar, von wo diese Menschen weiter auf diese Seite der Grenze fliehen.”



Jenseits der Grenze verweigert Myanmar Medien den Zugang und ermöglicht nur begrenzt humanitäre Hilfe, allen einstigen Hoffnungen auf Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi zum Trotz. Die UNO untersucht derweil, ob es sich um ethnische Säuberung handelte. Die Regierungschefin weist den Vorwurf zurück.

Mehr dazu:
www.ohchr.org

www.un.org

www.amnesty.de

www.tagesspiegel.de

Unterstützt von der EU-Kommission

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